Szenen einer Ehe

1. July 2017 - 0:00 | von Sylke Tempel

Internationale Politik 4, Juli/August 2017, S. 144

Kategorie: Bilaterale Beziehungen, Konflikte und Strategien, Deutschland, Vereinigte Staaten von Amerika, Frankreich

Es war doch eigentlich alles in Ordnung. Gelegentliche Auseinandersetzungen, ja, die gab es. Wenn er den Bully raushängen ließ, da draußen. Glaubte, dass die Welt schon in Ordnung käme, wenn man auf den Tisch haut, oder die Sache gleich selbst in die Hand nimmt, womöglich ohne diejenigen zu fragen, die es am meisten angeht. Ja, wir hatten auch gelegentlich Flirts mit schicken Franzosen, aber das ist lange her. Vielleicht sogar einen heimlichen Soft Spot für russische Machos, aber ohne ernsthafte Folgen, wirklich. Am Ende wussten wir immer, wo wir hingehören.

Die Flirts haben ihn schon ein bisschen genervt. Aber enervierender fand er unsere angebliche Schwäche. Mach endlich was, hieß es dann, vertrau nicht immer darauf, dass ich es schon richten werde. Und übrigens: Die Welt lässt sich nicht allein durch gutes Zureden richten. Durch Knarren aber auch nicht, fanden wir. Wir sind halt unterschiedlich. Aber doch Familie. Dachten wir.

Kann man sich wirklich so verändern? Von einem Tag auf den anderen? Wir schuldeten ihm was, eigentlich eine ganze Menge, sagt er. Schließlich habe er sich die ganze Zeit reingehängt und wir immer nur profitiert, profitiert, profitiert. Und dann nur rumgemeckert. Das ganze Familiengedöns ginge ihm auf den Wecker, sagt er. Ob wir nicht endlich mal kapieren könnten, dass die Welt kein Stuhlkreis ist, dass man nicht auch noch mit den Kleinsten klarkommen müsste, nur, weil sie halt da sind und angeblich auch ein Anrecht haben, worauf auch immer. Den Großen gehöre das Glück, denen, die beherzt zupacken, die Deals machen können. Um sich und sich allein will er sich jetzt kümmern. Wenn einer mitmacht: fein. Wenn keiner mitmacht, auch fein, die würden schon sehen. Woher hat er diesen plötzlichen Egoismus? So war er doch nie, seit wir zusammen sind …

Und jetzt? Darauf hoffen, dass er sich schon wieder einkriegt? In eine Midlife-Krise kann man schließlich auch mit 70 noch schliddern. Irgendwo muss doch noch das alte Ich stecken, der verlässliche Strahlemann, der gut auf uns aufgepasst hat. Oder doch heulen, betteln, Szene machen?

Nicht mit mir. Mit mir nicht. Wir werden schon sehen. Zu schwach? Keinen Wumms? Mitgliedschaft im Fitnessstudio ist schon gebucht. Wäre doch gelacht, wenn wir nicht auch etwas geschafft bekämen in der Welt. Ok, wir werden noch eine Weile von ihm abhängig sein. Müssen wir eben all unsere Überzeugungskraft, unseren Charme und tausend gute Worte aufwenden, um ihn bei der Stange zu halten. Und wenn er wieder normal wird, umso besser. Selbstständigkeit ist sexy.

Wo war noch mal die Nummer dieses schnuckeligen Franzosen?

Dr. Sylke Tempel ist Chefredakteurin der IP und des Berlin Policy Journal.

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