Chinas Ängste, Chinas Träume

Wie es im Reich der Mitte weitergehen könnte

27. April 2017 - 0:00 | von Nadine Godehardt

Internationale Politik 3, Mai/Juni 2017, S. 139-142

Kategorie: Staat und Gesellschaft, Volksrepublik China

Wer Visionen hat, der sollte Helmut Schmidt zufolge „zum Arzt gehen“. Doch wer künftige Entwicklungen abschätzen will, kommt nicht umhin, eine Form der Vision oder doch der Imagination zu entwickeln. Drei Autoren blicken in die Zukunft Chinas: über Biografien, über Stichworte und Schlaglichter oder mit den Mitteln des Science-Fiction-Romans.

Die Sorgen, Wünsche und Ziele von sechs jungen Chinesinnen und Chinesen, geboren zwischen 1985 und 1990 und damit Teil der „Millennial“-Generation, zeichnet Alec Ash in seinem Buch „Die Einzelkinder“ nach. Ihnen ist gemeinsam, dass sie nach Einführung der Wirtschaftsreformen von Deng Xiaoping Ende der Siebziger zur Welt kamen und in ihrer Kindheit durch die Nachwirkungen der Vorfälle auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989 geprägt wurden.

Aufgewachsen in einer wirtschaftlich vergleichsweise privilegierten Zeit, sind Chinas Millennials im Unterschied zur Generation nach ihnen noch nicht ausschließlich vom Selbstbild eines neuen, selbstbewussten China geprägt, dem Staatspräsident Xi Jinping ein Gesicht verliehen hat. Ash beschreibt junge Menschen, die in gewisser Weise zwischen den Generationen sowie den entscheidenden politischen wie wirtschaftlichen Entwicklungen in China groß geworden sind.

Seine Porträts zeichnen ein diverses und kurzweiliges Bild dieser ­jungen, vor allem urbanen Chinesen. So erzählt Ash die Geschichte von Fred, der Tochter eines hohen Beamten von der Insel Hainan, die an der Peking-Universität Internationale ­Politik studiert. Sie findet erst während ihres Studiums die ganze Wahrheit über die Vorfälle auf dem Tiananmenplatz heraus, weil ihre ­Eltern stets darüber geschwiegen hatten.

Die Leser begleiten Fred dabei, wie sie Schritt für Schritt die politische und gesellschaftliche Lage ­Chinas dechiffriert, vieles kritisch bewertet, dennoch einen gewissen Patriotismus entwickelt und nach einem Auslandsjahr in den USA feststellt, dass die beiden Nationen mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben. „Beide wollten die Nummer eins sein. Beide waren wie besessen vom individuellen und nationalen Streben nach Geld und Macht. Sie waren gegensätzlich und doch gleich.“

Ganz anders verläuft ­Xiaoxiaos Lebensweg. Sie kommt aus der 500 000-Einwohner-Stadt Nehe, im äußersten Nordosten Chinas, und studiert an der Harbin-Normal-Universität Kunst. Doch statt ihr Studium abzuschließen, gründet Xiaoxiao mit einer Kommilitonin ihre eigene kleine Boutique. Danach arbeitet sie einige Jahre als Barista, bevor sie über einen zufälligen WeChat-Kontakt ihren zukünftigen Ehemann kennenlernt.

Lucifers Lebensweg beginnt in Gaocheng, rund 300 Kilometer von Peking entfernt. Sein großes Ziel ist es, ein internationaler Rockstar zu werden, um dem Leben als „Arbeiter­ameise“ zu entgehen. Mit seiner Band Rustic gewinnt Lucifer einen internationalen Nachwuchsmusikpreis, was aber zu Hause in China kaum jemanden interessiert. So verbringt er den größten Teil seiner Zwanziger damit, in Clubs aufzutreten, Musik zu machen oder an TV-Talentshows teilzunehmen, immer in der Hoffnung, den großen Durchbruch noch zu schaffen.

Ash erzählt Geschichten vom Erwachsenwerden im heutigen China, von Menschen, die ihre Träume verwirklichen wollen, aber am Ende ihre Grenzen aufgezeigt bekommen oder Kompromisse eingehen müssen. Damit liefert er einen guten Einblick in eine Generation, deren Vertreter in gut 20 Jahren die wichtigen Entscheidungspositionen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft einnehmen werden. Ihre Visionen, Ängste und Enttäuschungen geben einen Hinweis auf die möglichen Richtungen, in die China sich künftig entwickeln kann.


Nervöses System

Mark Siemons war von 2005 bis 2014 als Korrespondent für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Peking. In „Die chinesische Verunsicherung. Stichworte zu einem nervösen System“ beschäftigt er sich mit Widersprüchen und Paradoxien in der Politik, Gesellschaft und Kultur des Landes. Anders als Ash hat Siemons sich gegen ein durchgehendes Narrativ entschieden – ganz im Sinne des Untertitels belässt er es bei oft sehr kurzen Stichworten.

Und so wirkt sein Buch zuweilen wie ein Nachschlagewerk über China unter Xi Jinping. Das geschieht durchaus bewusst, weil der Autor glaubt, dass „der Rahmen von miteinander korrespondierenden, aber sich nicht zu einer Gesamterklärung verklumpenden Stichworten“ am ehesten der „offenen, nicht fixierten, in ständiger Bewegung befindlichen Gemengelage“ entspricht, „zu der sich China auch in der nicht verschriftlichten Wirklichkeit stets von neuem zusammensetzt“.

Siemons Erläuterungen sind oft sehr nüchtern und verkürzt; an vielen Stellen hat man den Eindruck, dass die einzelnen Stichworte unabhängig voneinander stärker wirken als im Gesamtkontexts des Buches. Trotz des eigenwilligen Stils erfährt der Leser eine ganze Menge über die Volksrepublik.

So behandelt der Autor die Rolle der chinesischen Mittelschicht, die im Westen von den einen als Stütze des Regimes und von den anderen als potenzielle Anstoßgeberin für eine Demokratisierung betrachtet werde. In Wirklichkeit verspüre sie in wachsendem Maße Unsicherheit über ihr Lebens- und Karrieremodell; sie sei „desillusionierter denn je, nicht nur über die Regierung, sondern auch über ihre eigene Rolle“.

So richtig diese Beobachtung auch ist – das Stichwort ist ein gutes Beispiel dafür, dass Siemons seine Aussagen selten ausreichend kontextualisiert; der Autor nennt zwar viele Fakten, aber es ergibt sich daraus oftmals keine klare Argumentationslinie. Als Ziel der Politik Xi Jinpings nennt Siemons den Wunsch, ein System zu schaffen, das für „die Beseitigung aller Politik außerhalb der Partei“ sorgt. Worum es ansonsten in Xi Jinpings „Chinesischem Traum“ gehe, sei schwer zu verstehen, da dieser „eigentümlich leer“ bleibe.


Science-Fiction als Pflichtlektüre

Oft sagt es mehr über ein Land aus, wenn man sich ihm über die Belletristik nähert anstatt über Sachbücher. Cixin Lius preisgekrönter Science-Fiction-Roman „Die drei Sonnen“ wurde 2015 als erster chinesischer Roman überhaupt mit dem Hugo Award ausgezeichnet. Mittlerweile zählt das Buch in China zur Pflichtlektüre an den Schulen.

Liu beschäftigt sich mit einem klassischen Thema der Science-Fiction, dem Kontakt mit Außerirdischen. Der Autor geht davon aus, dass „außerirdische Intelligenzen der größte Quell von Unsicherheit für die Zukunft der Menschheit sein werden“. Folglich ist auch Unsicherheit die vorherrschende Stimmung im Roman.

Einer der Protagonisten ist Professor Wang Miao. Er lebt in Peking, erforscht Nanomaterialien und wird vom chinesischen Militär, der CIA und der NATO zu Rate gezogen, weil sich in den Wochen zuvor eine ganze Reihe von bekannten Physikern das Leben genommen haben. Wang Miao soll sich nun bei einer geheimen Organisation, der Frontiers of Science, einschleichen und herausfinden, was diese plant und warum so viele Wissenschaftler, die in Kontakt mit der Organisation traten, Selbstmord begangen haben.

Der zweite Handlungsstrang des Romans beginnt während der Kulturrevolution, in der eine geheime Radarstation „Rotes Ufer“ aufgebaut wird, die nach außerirdischen Signalen horchen soll. Der Lebensweg der Astrophysikerin Ye Wenjie, deren Vater als „Reaktionär“ von den Rotgardisten vor ihren Augen hingerichtet wurde, endet nach mehreren Umwegen auf dieser Radarstation. Ye sendet Signale ins All und wird der erste Mensch sein, der mit Außerirdischen Kontakt aufnimmt.

Cixin Liu ist kein politischer Autor. Er schreibt Science-Fiction, darin ist er ein Meister. Dennoch ist der Roman auch aus einer politischen Sichtweise spannend. Es geht Liu nicht um eine Bewertung der Kulturrevolution, aber die brutalen Erfahrungen dieser Zeit prägen die Sichtweise der Protagonistin Ye Wenjie so sehr, dass sie kein Vertrauen mehr in die eigene Zivilisation hat und ihre Hoffnung in die Ankunft der Außerirdischen legt. Darüber hinaus wird in Lius Roman deutlich, dass die Bedrohung von außen zur Zusammenarbeit zwischen politischen und militärischen Gegnern auf Erden führt – die Furcht vor dem Fremden als verbindendes Element.

Dr. Nadine Godehardt ist stellvertretende Leiterin der Forschungsgruppe Asien bei der Stiftung Wissenschaft und ­Politik (SWP).

Mark Siemons: Die chinesische Verunsicherung. Stichworte zu einem nervösen System. München: Hanser Verlag 2017. 192 S., 22,00 €

Alec Ash: Die Einzelkinder. Berlin: Hanser 2016. 320 Seiten, 24,00 €

Cixin Liu: Die drei Sonnen. München: Heyne 2016. 592 Seiten, 14,99 €

 
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