Ost-westliche Ambivalenz

Die serbische Hauptstadt zwischen Aufbruch und Rückschritt

2. November 2017 - 0:00 | von Marko Martin

Internationale Politik 6, November-Dezember 2017, S. 126 - 127

Kategorie: Kultur, Politische Kultur, Staat und Gesellschaft, Serbien

Wagt Belgrad den Weg zurück nach Europa – oder zelebriert die Stadt lediglich einen Zwischenkriegs-Tanz auf dem Vulkan? Hört man sich im Echoraum weltreisender Blogger, Hipster und Zeitgeistjournalisten um, ist die serbische Metropole inzwischen „der“ Partyort der Region, angeblich sogar das „neue Berlin“.

Henning Kettel

Der Verweis auf Dutzende neuer Clubs und angesagter Bars sowie alternative Galerien und Kulturräume könnte aber auch an die kurze Blüte in der Weimarer Republik erinnern, als ein Teil der physisch und mental versehrten Kriegsgeneration einen wilden Hedonismus lebte, während der andere bereits auf nationalistische Revanche sann. Wer gegenwärtig Belgrad durchstreift und die im Laufe ihrer wechselhaften Geschichte mehrfach zerstörte Stadt zu verstehen versucht, erlebt das Abenteuer einer Ambivalenz, das sich wohl nur fragmentarisch beschreiben lässt.

Der im Mai mit großer Mehrheit zum Präsidenten gewählte 47-jährige Aleksandar Vucic diente bereits in der Schlussphase der Milosevic-Herrschaft als Informationsminister. Und die Art, wie er noch heute die Medien gängele, so seine zahlreichen Kritiker, mache die öffentlichkeitswirksam zelebrierte Erzählung „Vom ultranationalistischen Saulus zum prowestlichen Paulus“ zur Farce. Freilich finden sich unter den Vucic-Gegnern nicht nur junge liberale Serben, sondern auch Verbitterte der älteren Garde, die dem Machtbewussten einen Verrat an den alten Idealen vorwerfen. In der Tat hat der seit seiner Zeit als Ministerpräsident (2014 – 2017) in die EU drängende Vucic als erster ranghoher Politiker die Verantwortung Serbiens für das Massaker in Srebrenica eingestanden und sich in der Frage der Kosovo-Anerkennung flexibel gezeigt. Zudem ernannte er die lesbische Politikerin Ana ­Brnabic zur Premierministerin.

Weder im Fernsehen noch in den Boulevardzeitungen war viel Kritik zu hören. „Immerhin stellte die unabhängige Zeitung Vreme die richtigen Fragen: Was ist von einer solch vermeintlich mutigen, vermeintlich proeuropäischen Personal­entscheidung zu halten, wenn der Ministerpräsidentin gleichzeitig die Kompetenzen beschnitten werden, vieles auf ein Präsidialsystem hindeutet und die gegenwärtige Animosität zwischen Aleksandar Vucic und Wladimir Putin eher persönlicher denn politischer Natur ist?“ Da spricht, in druckreifem Deutsch mit charmant österreichischem Einschlag, der 88-jährige Schriftsteller und Jahrhundertzeuge Ivan Ivanji. Vom Balkon im sechsten Stock eines Belgrader Hochhauses blickt der Holocaust-Überlebende und Tito-Dolmetscher auf seine Stadt und seziert deren Tiefenschichten.

Gemessen an der bis heute nicht aufgearbeiteten Gewaltgeschichte Jugoslawiens erscheint die Atmosphäre in Belgrad wohltuend zivil. Mag auch das Nationalmuseum noch immer geschlossen sein und im Militärmuseum der blutige Zerfall Jugoslawiens übergangen werden: Junge wie ältere Leute auf den Straßen der Hauptstadt sind des Englischen mächtig und begegnen trotz eines lächerlich geringen monatlichen Durchschnittslohns von 300 Euro ihren auswärtigen Gästen keineswegs mit Moskauer Mürrischkeit. Auch die zahlreichen, ausgezeichnet sortierten Buchläden entsprechen nicht dem erwarteten Bild geistiger Ödnis.

Aber es gibt eben auch die im his­to­rischen Festungsareal ­Kalemegdan feilgebotenen T-Shirts, die außer Putin vor allem Konterfeis des in Den Haag einsitzenden Kriegsverbrechers Ratko Mladic zeigen. Da sind die lauschigen Cafés am wieder urbar gemachten Donau-Kai, in denen die Jeunesse dorée Latte Macchiato trinkt, die Frauen in wandhohen Spiegeln ihre von hiesigen Schönheits­chirurgen verunstalteten Schmolllippen betrachten, während der jungmännliche Anhang seinen Bizeps prüft. Draußen verdingen sich die weniger betuchten Altersgenossen als Taxifahrer – gerne auch mit gefälschten Kilometerzählern. Gäste, die sich bei Erreichen des Fahrtziels nicht auf den horrenden Preis einlassen, werden beschimpft und einfach an den Ausgangsort zurückbefördert. Dieser auf archaischen Vorstellungen von Würde basierende Kamikaze-Machismo wird in den Romanen von Vladimir Pistalo oder Vladimir Arsenijevic als balkanisches Erzübel beschrieben.

Das neue Waterfront-Stadtviertel

Am Ufer der Sava wird an einem gigan­tischen Projekt gearbeitet: Hier entsteht die so genannte Waterfront mit klobiger Herrschaftsarchitektur der „Eagle Hills“-Hochhäuser. Mit staatlicher Unterstützung (und, wie zu hören ist, nicht zu knapp Bakschisch) wird ein von Abu Dhabi verantwortetes Megaprojekt durchgezogen. Die in der Nachbarschaft ansässige alternative Party­szene bekam bereits Besuch von einheimischen Schlägern, was prompt zu Protest­demonstrationen führte und die Waterfront-Investoren zwang, öffentlich zu versprechen, das kleine Biotop nicht anzutasten. Somit bleibt Belgrad, wie es wohl schon immer war: fragil, ostwestlich vermischt auf faszinierende, wenngleich nicht sonderlich beruhigende Weise.

Marko Martin lebt, sofern nicht auf Reisen, als Schriftsteller in Berlin. Jüngst ­erschien sein Erzählband „Umsteigen in Babylon“.

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