Sinn fürs Soziale

Altkanzler billig zu haben: Wladimir Putin holt Sozialdemokraten von der Straße

1. September 2017 - 0:00 | von Alan Posener

Internationale Politik 5, September-Oktober 2017, S. 144

Kategorie: Politisches System, Sozialpolitik, Deutschland, Russische Föderation

Als man dem ehemaligen EU-Kommissar Günter Verheugen vorwarf, unmittelbar nach dem Ausscheiden aus der Politik eine Lobbyfirma gegründet zu haben, reagierte der Sozialdemokrat empört: „Wie wollen Sie gute Leute für die Politik finden, wenn die anschließend zum Sozialfall werden?“

Eine schreckliche Vorstellung. Man fährt S-Bahn, und nach den albanischen Musikanten und dem in die Jahre gekommenen Punk mit seinem stinkenden Hund wird man von einem Mann im abgewetzten Brioni-Mantel angebettelt, die erkaltete Cohiba zwischen den Lippen: „Tschuldigen Sie die Störung. Ich bin der Gerd und wurde vor zwölf Jahren aus meinem Job und meiner Dienstwohnung geworfen. Seitdem bin ich obdachlos und muss mit 8300 Euro im Monat auskommen. Brutto. Ich freue mich über jede Spende.“

Zum Glück hat der Gerd wahre Freunde, die man bekanntlich erst in der Not erkennt. Wladimir Putin, lupenreiner Demokrat mit Sinn fürs Soziale, gab ihm einen Posten als Aufsichtsratsvorsitzender bei der Pipelinefirma „Nord Stream“, einer Tochter der russischen Staatsfirma Gazprom. Jahresgehalt 250 000 Euro. Was zwar nicht gerade Hartz-IV-Niveau ist, aber doch ­Peanuts im Vergleich zu dem, was etwa ein Martin Winterkorn dafür bekam, Volkswagen in den Abgasskandal zu führen: über 16 Millionen Euro jährlich. Für 250 000 Euro würde Winterkorn nicht einmal die Nase unter eine Motorhaube stecken. Da muss das Blut eines Sozialdemokraten kochen, der für soziale Gerechtigkeit eintritt. Oder wie der kürzlich verstorbene, geniale Gunter Gabriel sang: „Hey Boss, ich brauch’ mehr Geld!“

Also gut, noch’n Posten für den Gerd: Vorstand bei Rosneft, einer Kreml-­Holding für Diebesgut wie die Öl- und Gasfirma Yukos, deren arbeits- und einkommenslos gewordener früherer Eigentümer in einem sibirischen Lager ­Arbeit, Brot und Bett fand. Bringt schätzungsweise 500 000 Euro. Im Jahr.

Was, ehrlich gesagt, immer noch nichts ist. 17 400 Einkommensmillionäre gibt es in Deutschland. Wahrscheinlich mehr, denn das sind nur die Leute, die dem Fiskus bekannt sind. Die rümpfen die feinen Nasen über die Summe, für die der Gerd bereit ist, seinen Ruf zu ruinieren und seine Ehre zu verkaufen. Klar, jeder Mensch hat seinen Preis. Dass aber ein Altkanzler so billig zu haben ist, das ist vielleicht das Peinlichste an der ganzen Geschichte. Dann lieber mit Klampfe in der S-Bahn alte Arbeiterlieder singen: „Und weil der Mensch ein Mensch ist, / Drum hat er Stiefel im Gesicht nicht gern! / Er will unter sich keinen Sklaven sehn / Und über sich keinen Herrn.“ Ach.

Alan Posener ist Korrespondent für Politik und Gesellschaft der WELT-Gruppe.

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