Begrenzte Möglichkeiten

Japans Umgang mit Chinas Übermacht hält Lehren für Europa bereit

2. March 2018 - 0:00 | von Bernhard Bartsch

Internationale Politik 2, März-April 2018, S. 37 - 41

Kategorie: Wirtschaft & Finanzen, Internationale Politik/Beziehungen, Japan, China, Europa

Der Aufstieg Chinas und die Krise Amerikas zwingen Japan, sich weltpolitisch neu auszubalancieren. Mit dem ohne die USA geschlossenen Handelsabkommen TPP-11 und dem EU-Japan-Freihandelsvertrag hat es gezeigt, dass es global handeln kann. Doch seiner wirtschaftlichen Stärke zum Trotz hat Tokio politisch nur wenige Optionen.

picture alliance/AP Photo, CC BY

Zu den wenigen japanischen Wörtern, die es neben Sushi und Sumo in den internationalen Sprachgebrauch geschafft haben, gehört die Krankheit Hashimoto. Denn es war der japanische Arzt Hakaru Hashimoto, der vor gut 100 Jahren als erster eine verbreitete Autoimmunerkrankung beschrieb. Zu ihren Symptomen gehören Antriebslosigkeit, Müdigkeit und depressive Verstimmungen. Medikamente können ihre Ausprägung lindern, aber heilen lässt sich Hashimoto nicht. Patienten müssen sich damit abfinden, dass sie weniger Energie haben.

Die Symptome passen zu der Malaise, die heute Hashimotos Heimat quält. Seit mittlerweile einer Generation sehnen sich die Japaner zurück nach den Boomjahren der 1970er und 1980er Jahre, als die Welt und viele Japaner selbst ihrem Land zutrauten, was heute China nachgesagt wird: dass es die Welt erobern könnte, was auch immer das genau heißen mag. Zwar geht es Japan mal besser und mal schlechter (im Moment geht es wieder etwas besser), aber die wilde Wirtschaftswunderdynamik will nicht zurückkommen. Das ist frus­trierend, auch deshalb, weil neben den Japanern selbst auch das Ausland Japan noch immer an den alten Zeiten misst.

Doch wie Hashimoto-Patienten gut beraten sind, nicht allzu sehr mit ihrem Schicksal zu hadern, so richten sich auch die Japaner widerwillig in den neuen Realitäten ein – und auch wir Europäer dürften ruhig etwas wohlwollender nach Japan blicken. Denn viele der Symptome, die Japan plagen, sind uns nicht unbekannt. Auch wenn unsere Aufmerksamkeit in Asien derzeit vor allem auf China und vielleicht noch Indien liegt – Japan ist uns unter den asiatischen Wirtschaftsmächten noch immer die nächste.

Die Eckpunkte der japanischen Problematik sind bekannt. Wirtschaftlich: stagnierendes Wachstum, übermäßige Abhängigkeit von Exporten und hohe Schulden. Gesellschaftlich: eine schnell schrumpfende Bevölkerung – geht es so weiter, wird sie von heute gut 127 Millionen bis 2060 auf 87 Millionen zusammenschmelzen – und wachsende soziale Ungleichheit. Politisch: eine Demokratie mit gelegentlichen Selbstzweifeln und einer schwierigen Rolle in ihrer Region. Trotzdem ist Japan nicht der kranke Mann Asiens; die Probleme sind auch Folgen von Erfolg. Dass Japan am gegenwärtigen Aufstieg Asiens kaum teilnimmt, liegt nicht zuletzt daran, dass Japan diesen Aufstieg bereits gemeistert hat.

Widersprüchliche Interessen

Und dennoch: Japan steckt in einer Zwickmühle. So ist der Handel mit China die größte Wachstumschance der japanischen Wirtschaft. Gleichzeitig ist der Aufstieg Chinas das größte Problem der japanischen Außenpolitik. Wie soll Tokio sich verhalten? Ein Blick auf die japanische Debatte verdeutlicht das Problem. Seit Langem kreist sie um die Frage, mit welcher Priorität die beiden Vorgaben – Bindung an die USA und Integration in die Region – zu verfolgen sind.

Am einen Ende der Skala rangieren die „moderaten Pragmatiker“, die auf regionale Integration setzen. Sie fordern eine unabhängigere Außenpolitik, vor allem im Hinblick auf China, weil sie fürchten, dass eine zu enge Anlehnung an Amerika den japanischen Interessen schadet. Tatsächlich wird China – Japans größter Handelspartner – immer wichtiger. Der Wert des bilateralen Handels übersteigt den zwischen Japan und den USA bereits um mehr als die Hälfte. Die Tendenz ist steigend. Am anderen Ende der Skala befinden sich die „Bündnis­traditionalisten“. Für sie hat die starke Allianz mit Amerika die oberste Priorität. Denn Japan müsse an einer Eindämmung Chinas arbeiten, wenn ihm der große Nachbar nicht völlig über den Kopf wachsen soll, und dies könne nur gemeinsam mit den USA gelingen.

Man stelle sich vor, dass Deutschland den größten Teil seiner Geschäfte mit einem boomenden Russland abwickelt. Und zwar mit einem fiktiven Russland, das sich anschickt, ganz Europa ökonomisch zu dominieren und Amerika den Rang als globale Nummer eins abzulaufen; dessen Rüstungsausgaben jedes Jahr zweistellige Zuwachsraten zeigen und das obendrein Gebietsansprüche an Deutschland und ein halbes Dutzend anderer europäischer Staaten stellt. Dieses Gedankenspiel ist natürlich unvollkommen, aber es zeigt, warum man in Japan mit Blick auf China zumindest gemischte Gefühle haben kann. Und es zeigt, was die japanischen „Bündnistraditionalisten“ motiviert, deren Protagonist Premier Shinzo Abe ist.

Unter Präsident Barack Obama war Abe damit auf der sicheren Seite. Das Bündnis mit Japan war das Fundament von Obamas „Hinwendung nach Asien“. Mit Donald Trump ist das Verhältnis schwieriger geworden. Zwar war Abe der erste ausländische Staatschef, der Trump in den Tagen nach seinem Wahlsieg seine Aufwartung machte. Genützt hat es ihm wenig, und die Wirren in Washington lassen Japan nichts anderes übrig, als – um es mit Angela Merkel zu sagen – sein „Schicksal wirklich in die eigene Hand“ zu nehmen.

Das zeigte sich zum Beispiel bei der Trans-Pacific Partnership (TPP). Ausgehandelt während der Amtszeit Obamas, sollte die TPP die größte Freihandelszone der Welt werden, an der sich neben den USA und Japan zehn weitere Anrainer des Pazifiks beteiligen wollten. Der entscheidende Punkt: China war nicht eingeladen, was Peking – sicherlich zu Recht – als Versuch auffasste, seinen Einfluss in Ost- und Südostasien einzudämmen. Nach Trumps Rückzug aus dem Vertragswerk verfolgte Abes Regierung die TPP mit den verbliebenen zehn Interessenten weiter. Das Abkommen, nun bekannt als TPP-11, soll im März unterzeichnet werden. Für Japan ist das durchaus ein Erfolg, nicht nur, weil Tokio bei den Verhandlungen federführend war. Das Maximalziel – ein wirkliches Gegengewicht zu China zu fördern – dürfte zwar ohne die USA nicht erreichbar sein. Aber das Abkommen ist ein Signal dafür, dass Japan einen globalen, freien Handel unterstützt und in der Lage ist, eigene Bündnisse zu schmieden.

Auch das japanische Freihandelsabkommen mit der EU, kurz JEFTA, das Anfang 2019 in Kraft treten soll, zeigt, dass Japan sich auf der Weltbühne ins Spiel bringen kann. Die beteiligten Länder stehen gemeinsam für rund 30 Prozent des weltweiten BIP. Abe bezeichnete die Einigung als „die Geburt der größten Wirtschaftszone der Welt“. Tatsächlich dürfte JEFTA bedeutende Verbesserungen bringen. So kann Japan gemäß einer Studie der Bertelsmann Stiftung damit rechnen, dass es ihm Zuwächse im Umfang von bis zu 1,6 Prozent seines BIP bescheren wird. Für Deutschland, das unter allen EU-Ländern am meisten davon profitieren würde, dürften sich die Zuwächse auf bis zu 0,7 Prozent seines BIP belaufen. Das ist zwar für keinen der Partner ein Gamechanger. Dennoch setzt JEFTA positive Signale.

Trotzdem sind Japans Möglichkeiten begrenzter, als seine Wirtschaftskraft auf den ersten Blick vermuten lässt. Das gilt vor allem für die eigene Nachbarschaft. Ostasien fehlt das, was in Europa selbstverständlich erscheint: eine ­Kooperation auf belastbarer, institutioneller Grundlage. Es gibt in Ostasien nichts, was der EU oder der NATO nahe käme. Das liegt zum einen an Gegebenheiten, für die Japan nichts kann. Um nur eine davon zu nennen: Die Proportionen in Ostasien sind ungünstig. China wird sich wohl niemals auf eine Kooperation europäischer Art einlassen, sondern stets eine unabhängige Politik verfolgen. Und Japan überragt alle anderen Nachbarn so weit, dass diese befürchten müssen, Integration könne nur auf Dominierung hinauslaufen. Zumal Japan sich mehr als 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg noch immer nicht so deutlich von seinen damaligen Gräueltaten distanziert hat, dass die Sorgen der Nachbarn ausgeräumt wären.

Fast alle japanischen Nachkriegsregierungen haben eine revisionistische Geschichtspolitik betrieben, und die von Shinzo Abe ganz besonders. Trumps früherer Chefberater Stephen Bannon verlieh ihm dafür das zweifelhafte Lob, ein „Trump before Trump“ zu sein. Zwar ist Abe kein Rüpel vom Schlage des US-Präsidenten. Aber seine Ziele, Japans pazifistische Verfassung zu revidieren, den Stolz auf die militärischen Traditionen des Landes neu zu beleben und die „Mainstream-Medien“ zu diskreditieren, sind durchaus mit denen vieler US-Republikaner zu vergleichen.

Abes Populismus mag auch ein Grund dafür sein, dass es in Japan keine erfolgreiche Partei rechts seiner Liberaldemokraten gibt, keine „Alternative für Japan“. Die einschlägigen Ressentiments bedient der Premierminister selbst. Intern mag er seine Macht so zementieren, doch außenpolitisch schadet er Japan: Die populistische Kur vertieft die japanische Malaise, anstatt sie zu lindern.

Rivalisierende Nachbarn

Ein besonders hoher Preis für Abes Nationalismus ist das dauerhaft belastete Verhältnis zu China. Seit Jahrzehnten empfinden die Chinesen den ­japanischen Umgang mit der Geschichte als Provokation. Vor allem das Massaker von Nanjing (1937/38) gehört zu Chinas nationalen Traumata. Die Weigerung Japans, sich seiner Kriegsvergangenheit in ähnlicher Weise zu stellen wie Deutschland, kommt der Kommunistischen Partei Chinas allerdings durchaus zupass, lässt sich damit doch die eigene Vaterlandsliebe fördern. Denn was das Spielen der Nationalismuskarte angeht, steht der chinesische Präsident Xi Jinping ­dem japanischen ­Premierminister Shinzo Abe in nichts nach. Entsprechend schwer fällt es den beiden Nachbarn, sich politisch näher zu kommen.

Symbol des Konflikts ist eine Inselgruppe im Ostchinesischen Meer, die beide Seiten für sich beanspruchen und die immer wieder zu Scharmützeln führt. Das wahre Ringen findet jedoch in der regionalen Wirtschaftspolitik statt. Der Seidenstraßen-Strategie versucht Tokio seine Vision eines „freien und friedlichen Indopazifiks“ entgegenzusetzen. De facto umwerben damit China und Japan die gleichen Länder mit wirtschaftlicher Unterstützung und Infrastrukturprojekten. Zwar hat Pekings Initiative ungleich mehr Dynamik, doch dafür spielt Japan die in vielen Ländern wachsende China-Skepsis in die Hände.

Viel besser als Abes Populismus sind Japans Technik und Wirtschaft geeignet, in die Zukunft zu weisen. Denn gerade im Hinblick auf zentrale Schlüssel­industrien ist das Land hervorragend aufgestellt und hat gute Aussichten, diesen Vorteil noch weiter auszubauen. So belaufen sich die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Japan regelmäßig auf rund 3,5 Prozent des BIP. Das ist ein außerordentlich hoher Anteil, der nur von Israel und Südkorea übertroffen wird (in Deutschland liegen die Ausgaben seit einigen Jahren bei etwa 2,8 Prozent). Auch in absoluten Zahlen gehören die F&E-Ausgaben in Japan mit rund 180 Milliarden Dollar zur Weltspitze. Sie werden nur von denen der USA und Chinas übertroffen. Die deutschen liegen bei etwa 110 Milliarden pro Jahr.

Japans große technische Kompetenz wird deutlich auf dem Gebiet der Robotik. So ist Japan bei der Herstellung von Industrierobotern weltweit die Nummer eins. Japanische Hersteller decken heute 52 Prozent des weltweiten Bedarfs. Das ist spektakulär. Während es in Deutschland nur ein bedeutendes Unternehmen für Industrieroboter gibt – Kuka (inzwischen bekanntermaßen in chinesischem Besitz) –, konkurrieren in Japan FANUC, Yaskawa und Kawasaki Heavy um die Ausrüstung der Fabriken. Deutschland hat Siemens. Japan hat Hitachi, NEC und Toshiba. Ein ähnliches Bild bietet sich in der Chip-Industrie und bei Japans Elektronikfirmen, die nach Jahren der Krise wieder wachsen und investieren.

Auch bei den Themen Energie und Verkehr verfolgt Japan außerordentlich ehrgeizige Ziele. Das gilt zum Beispiel für die Entwicklung des Wasserstoffs als Energiequelle. Japan fördert diese Technik weitaus mehr als jedes andere Land, und Shinzo Abe ruft regelmäßig die „Wasserstoff-Gesellschaft“ als Fernziel aus, um Japan energietechnisch zu modernisieren. Auch Japans größte Autohersteller setzen auf die Technik.

Nun hofft man auch in Tokio, dass doch endlich ein Ruck durch Japan gehen möge – und setzt Hoffnung auf die Olympischen Spiele, die 2020 in Tokio stattfinden werden. Natürlich kann auch das beste Sportfest der Welt Japans objektive Situation nicht sehr verändern. Aber es kann Bild und Selbstbild positiv beeinflussen. Japans Regierung erträumt sich so etwas wie das „Sommermärchen“, die Fußball-WM in Deutschland 2006.

Dabei wäre das Land mit Stabilität und geduldiger Arbeit an seinen Stärken und Schwächen gut beraten. Japan ist zwar mit den Problemen des Wohlstands etwas schwerer beladen als manche europäischen Länder. Das drückt mitunter die Stimmung und erzeugt Symptome, die denen der Hashimoto-Krankheit ähneln. Trotzdem wäre es ein Fehler, Japans Schwierigkeiten als so etwas wie eine Krankheit aufzufassen. Japan befindet sich nicht auf einem Abweg. Es ist damit beschäftigt, die Resultate des eigenen Erfolgs zu meistern. Deshalb dürften wir seiner Entwicklung ruhig mehr Aufmerksamkeit schenken.

Bernhard Bartsch ist Senior Expert im Asien-Programm der Bertelsmann Stiftung. Zuvor arbeitete er über zehn Jahre als Ost-asien-Korrespondent in Peking, u.a. für die NZZ und Brand eins.

 
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