Wie wird man Sicherheitsexperte?

Ein kleiner Leitfaden für Anfänger

2. March 2018 - 0:00 | von Michael Rühle

Internationale Politik 2, März-April 2018, S. 144

Kategorie: Verteidigungspolitik, Cyber Security, Weltweit

Sie können eine Haubitze nicht von einem Kampfjet unterscheiden, möchten aber unbedingt in die Sicherheitspolitik? Sie halten eine „No-Fly Zone“ für ein Insektenspray und glauben, Panzeraufklärer seien Pädagogen, die den Stahlkolossen die Sache mit den Blumen und den Bienen näherbringen? Kein Grund zur Panik. Sie können es auch ohne Sachkenntnis zu hohen sicherheitspolitischen Weihen bringen. Sie sind schließlich nicht der erste.

Achten Sie vor allem auf die richtige Rhetorik. Mit Wörtern wie „dynamisch“, „komplex“, „global“ und „unvorhersehbar“ veredeln Sie jeden Vortrag. „Krieg“ oder „kämpfen“ sollten Sie vermeiden, das klingt vorgestrig. Unbedenklich ist hingegen alles, was „Hybrid“ oder „Cyber“ enthält. Denn der häufige Gebrauch dieser Begriffe weist Sie nahezu automatisch als Experten aus. Nutzen Sie auch das Digitalzeitalter zu Ihrem Vorteil, indem Sie eine Zahl hinter einen Begriff setzen: Fordern Sie eine NATO 3.0, eine Rüstungsbeschaffung 4.0 oder eine Bundeswehr 5.0, das suggeriert etwas Neues und Verbessertes. Auch der tiefe Griff in das Schatzkästlein der Diplomatenrhetorik ist erlaubt. „Sicherheit ist nicht gegen, sondern nur mit Russland möglich“ wird nach wie vor gerne gehört – wenngleich vermutlich nicht von Ukrainern.

Inhalte sind nicht zwingend, häufig sogar kontraproduktiv. Prangern Sie die Verschwendung innerhalb Europas an. Warum braucht Europa sechs verschiedene Panzertypen? Weisen Sie auf „Synergien“ hin, die sich durch „rationalisierte“ und „effektivere“ europäische Zusammenarbeit ergeben könnten. Wie das in der Praxis funktionieren soll, müssen nicht Sie erklären. Ihre Sphäre ist die hohe Strategie, nicht die niedere Taktik. Garnieren Sie Ihre Forderung nach „neuen Ansätzen in der Rüstungskontrolle“ mit einem Potpourri aus Begriffen wie „Nanotechnologie“, „3D-Printing“ oder „autonome Drohnen“. Sie brauchen sich für diese Schaustellerei übrigens nicht zu schämen. ­Jeder ­zweite Thinktank arbeitet schließlich genauso.

Das geneigte Publikum mag auf Inhalte verzichten können, aber eines wird es von Ihnen immer erwarten: Authentizität. Stellen Sie also klar, dass Sie sich keine „Denkverbote“ erteilen lassen, dass Sie „die Dinge beim Namen nennen“. Diese Floskeln verfehlen selten ihre Wirkung. Und sollte Ihnen einmal der Fehler unterlaufen, konkret geworden zu sein, bleiben Sie cool. Denn Sie können den Unsinn, den Sie gesagt oder geschrieben haben, als „provokanten Debattenbeitrag ohne Scheuklappen“ verkaufen, mit dem Sie bloß einen „Denkanstoß“ geben wollen. Schon sind Sie „authentisch“ – und vielleicht bald schon ganz oben. Einfacher geht es doch nun wirklich nicht, oder?

Michael Rühle war lange Jahre als Redenschreiber bei der NATO tätig und leitet heute das ­Referat Energiesicherheit in der Abteilung für neue Sicherheitsherausforderungen. Er gibt ausschließlich seine persönliche Meinung wieder.

 
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