Das Land, in dem jeder Premier ist

70 Jahre Israel: Eine ungemein vitale Debatten-Demokratie feiert Geburtstag

27. April 2018 - 0:00 | von Marko Martin

Internationale Politik 3, Mai-Juni 2018, S. 134 - 137

Kategorie: Politisches System, Politische Kultur, Israel

Als am 14. Mai 1948 in Tel Aviv die Gründung des modernen Israels vollzogen wurde, stritt man bis zuletzt über den Verfassungstext. Die Lust am Diskurs hat den Staat bis heute begleitet und zu mancher gesellschaftlichen Verwerfung geführt – und das in einem Land, dem es an äußeren Feinden wahrlich nicht mangelt. Drei Neuerscheinungen.

„Am Morgen des 7. November 1923, dem sechsten Jahrestag der Oktoberrevolution, stand ein Mann auf dem Roten Platz in Moskau und wartete auf Leo Trotzki. Er hatte eine Einladung. Er weilte als offizieller Gast in der Sowjetunion, in seiner Eigenschaft als Sekretär der Histadrut, des Gewerkschaftsbundes der hebräischen Arbeiter in Eretz Israel.“

Diese Szene findet sich im achten Kapitel von Tom Segevs großangelegter Biografie David Ben Gurions. Zu dieser Zeit war Israels späterer Staatsgründer bereits 37 Jahre alt, hatte seinen Geburtsort Plonsk im seinerzeit russisch okkupierten „­Kongresspolen“ längst verlassen und war im britisch verwalteten Jerusalem neben seinen politischen Aktivitäten damit beschäftigt, Werner Sombarts frühe Studie „Sozialismus und soziale Bewegung im 19. Jahrhundert“ ins Hebräische zu übersetzen.

Einige Jahrzehnte später erkor er einen Jüngeren zu seinem engen Vertrauten: Szymon Perski, 1923 ebenfalls in einem polnischen Städtchen geboren, ebenfalls lesehungrig und polyglott. Unter dem hebräisierten Namen Schimon Peres wurde der spätere Premier, Friedensnobelpreisträger und Staatspräsident dann auch jenen bekannt, die Israel lediglich aus den Fernsehnachrichten kennen.

Segev erzählt vor allem von den Konflikten im Leben jenes David Ben Gurion, der am 14. Mai 1948 im Städtischen Kunstmuseum von Tel Aviv die Unabhängigkeitserklärung des modernen Staates Israel verlas. Doch der Festakt wurde „hastig abgewickelt, denn er sollte noch vor Anbruch des Sabbats beendet sein. Im letzten Moment wäre beinahe alles an der Frage gescheitert, ob Gott im Text erwähnt werden sollte oder nicht. Die Vertreter der religiösen Parteien bestanden darauf, einige Linke lehnten es ab. Ben Gurion überredete alle, sich auf die biblische Wendung Zur Israel (Fels Israels) zu einigen.“

Als Ben Gurion in der darauffolgenden Nacht eine ­Rundfunkrede hält, sind im Hintergrund bereits das summende Geräusch ägyptischer Flugzeuge und erste Bombenexplosionen zu hören: Der Krieg um die Unabhängigkeit Israels hatte begonnen.

Gegenwartsrelevant ist diese ebenso faktengesättigte wie stilistisch fluide historische Nacherzählung insofern, als dass sie ein Muster beschreibt, das Israel bis zum heutigen Tage prägt: interner und durchaus fundamentaler Zwist um die quasi „letzten Dinge“ (der dann mit Kompromissformeln zwar nicht gelöst, doch zumindest eingefroren wird) und dazu eine äußere Bedrohung, die nur unter größten ­Opfern abgewehrt werden kann – ebenfalls nur temporär.

Hinzu kommt das moralische Dilemma. Nachdem der UN-Teilungsplan 1947 von jüdischer Seite akzeptiert, von den arabischen Staaten jedoch abgelehnt worden war und der junge Staat im Mai 1948 um sein Überleben kämpfte, sanken die Skrupel in Bezug auf die arabische Bevölkerung. Viele verließen ihre Städte und Dörfer auf Geheiß ihrer Muftis, die nach der versprochenen „Vernichtung der Juden“ eine baldige Rückkehr in Aussicht stellten. Viele wurden jedoch auch durch jüdische Armeeeinheiten vertrieben; in Einzelfällen kam es zu Massakern an arabischen Zivilisten. Segev zitiert seinen Kollegen Benny Morris und nennt eine Zahl von 300 000 bis 400 000 emigrierten, geflohenen oder auch vertriebenen Arabern.

Ben Gurion war hierbei weder Scharfmacher noch Bremser, sondern kühl kalkulierender Staatsmann – was übrigens auch seinen Umgang mit der innerjüdischen Opposition betraf und dazu beitrug, ihn in den ersten Jahren und Jahrzehnten zu einem von der Rechten zutiefst gehassten Politiker zu machen.

Bereits im Juni 1948 hatte er Befehl gegeben, am Strand von Tel Aviv auf das Schiff Altalena feuern zu lassen, auf dem sich auch Menachim Begin befand, der spätere Ministerpräsident, der mit Ägypten ein bis heute fortdauerndes Friedensabkommen schloss. Damals war der 1913 im russischen Brest-Litowsk geborene Begin noch Kommandeur der terroristisch agierenden ­Untergrundorganisation „Etzel“, die auch nach der Unabhängigkeit bewaffnet bleiben und sich nicht der Kontrolle der neuen israelischen Armee unterstellen wollte. Ben Gurion zögerte nicht und ließ auf das Waffen transportierende Schiff schießen; den Einsatz befehligte ein junger Militär namens Jitzchak Rabin.

Segev erlaubt sich in seiner detailreich und rasant erzählten Jahrhundertgeschichte keine essayistischen Einschübe bezüglich der Gegenwart, doch er lässt eines deutlich werden: Die oft beklagten Verwerfungen innerhalb der israelischen Gesellschaft sind alles andere als neu, sondern haben den Staat seit jeher begleitet. Bereits innerhalb der ersten zwei Jahrzehnte führten sie zu Ben Gurions Rücktritten, manifestierten sich in einer erneuten Spaltung der ohnehin spaltungsfrohen Sozialdemokratie und ließen den Staatsgründer schließlich ausgerechnet Hoffnung beim Therapeuten Moshé Feldenkrais suchen. Als David Ben Gurion am 1. Dezember 1973 im Alter von 87 Jahren starb, war der Yom-Kippur-Krieg gerade zu Ende gegangen, der Israel denkbar unvorbereitet getroffen hatte, und die Amtszeit von Premierministerin Golda Meir neigte sich einem eher ruhmlosen Ende zu.

Vom gegenwärtig als kitschiges Kontrastbild so gern gemalten „Zusammenhalt der Gründergeneration“ finden sich in Segevs Biografie noch nicht einmal Pinselstriche. Hatte Ben Gurion in einer der letzten seiner Abertausenden Tagebuchaufzeichnungen und Notizen den „geistigen Niedergang im Land“ beklagt, zieht Schimon Peres zu seinem Lebensende 2016 eine andere Bilanz. Sein Buch „Mein Leben für Israel“ ist trotz Passagen, die eindrucksvoll an die Kindheit in Polen und die prägenden Jugendjahre im Kibbuz erinnern, weniger Autobiografie denn Plädoyer – nicht zuletzt in eigener Sache.

Im Unterschied zu seinen Generationsgenossen Moshe Dayan und Jitzchak Rabin hatte Peres in keiner Kampfeinheit gedient und wurde diesen Makel sein Leben lang nicht los; heute noch sind in Israel Armeeposten die Sprungbretter und gleichzeitig Reputationsgarantien für politische Karrieren. Doch ohne den mondänen Peres hätte es der jüdische Staat noch schwerer gehabt. Hatte er bereits mit 25 Jahren während des Unabhängigkeitskriegs 1948 bitter benötigte Waffen aus der Tschechoslowakei „herbeiorganisiert“, so wurde er in den folgenden Jahrzehnten zum geheimen und effizienten Aushandler von Rüstungsdeals – ob mit dem damaligen deutschen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß oder mit Pariser Spitzenpolitikern, die schließlich ihr d’accord für einen französischen Kernreaktor in Israel gaben – im wahrsten Wortsinn Kernzelle des einheimischen Atomprogramms.

Während im Ausland und innerhalb der israelischen Eliten Peres’ Verhandlungsgeschick geschätzt wurde, galt er im heimischen Politikbetrieb lange Zeit als arrogant und intrigant – quasi als Zerrbild des als geradlinig empfundenen Jitzchak Rabin. Peres geht in seinem Buch jedoch auf frühere Konflikte nicht ein. Er konzentriert sich darauf, auch seine Gegner davon zu überzeugen, dass die Verhandlungen mit der PLO und die ­Oslo-Verträge Anfang der neunziger Jahre, die er maßgeblich mitgeprägt hatte, nicht völlig gescheitert waren, sondern inzwischen auch neue Türen in die arabische Welt geöffnet haben. Ganz Elder Statesman, gilt sein Plädoyer allein jenem „Friedensprozess“, den er als moralisch und staatspolitisch gebotenes Projekt beschreibt.

Einst in der Euphorie nach dem gewonnenen Sechstagekrieg 1967 selbst ein Unterstützer der ersten Siedlungen, sieht Peres im hohen Alter sein Land gerade wegen der Okkupation, in die es sich schleichend hatte hineinziehen lassen, in immenser Gefahr. Verweigert Israel den Palästinensern weiterhin staatsbürgerliche Rechte, so Peres, verliert es seinen demokratischen Charakter; gewährt es diese Rechte, verliert es via demografischer Entwicklung seinen Status als Heimstatt der Juden.

Schimon Peres – von den gleichen Leuten, die ihn einst als Intriganten geschmäht hatten, später als „wolkiger Utopist“ verspottet – beschreibt hier noch einmal mit zwingender Logik, dass allein eine Zweistaatenlösung Israels Charakter als jüdisch und demokratisch bewahren könne. Was gleichzeitig auch das beste Antidot zur drohenden Verrohung im Inneren sei, denn der Mord an Premierminister Rabin habe doch offenbart, wohin politisches Eifertum führe. Zu den eindrücklichsten Passagen in Peres’ geradezu testamentarischen Aufzeichnungen zählt deshalb jene über den 4. November 1995, als bei einer großen Friedensdemonstration in Tel Aviv die beiden einstigen Kontrahenten alle kleinteiligen Händel endgültig hinter sich gelassen hatten und zu Freunden geworden waren, für die ganze Welt sichtbar in Rabins und Peres’ hochemotionaler Körpersprache. Nur Minuten später fielen die tödlichen Schüsse.

Ein progressives Phänomen

Von aktuellen ­Verwerfungen dagegen berichtet der ehemalige ARD-Korrespondent Richard C. Schneider in seiner Bestandsaufnahme „Alltag in Israel“. Schon wegen seines Porträts Benjamin Netanjahus ist das Buch ein Augenöffner, denn bei Schneider geraten alle Aspekte des umstrittenen, wiewohl (ähnlich wie Ben Gurion und Peres) zutiefst säkularen und hoch belesenen Premiers in den Blick: seine Traumatisierung durch den Tod des bei der Entebbe-Befreiungsaktion 1976 umgekommenen Bruders Yoni; die (politisch einengende) Prägung durch den intellektuell-rechtsnationalistischen Vater; seine mit weiten Teilen der israelischen Bevölkerung geteilte Kompromiss-Skepsis angesichts der Hamas-Massenmorde gerade nach „Oslo“; sein Opportunismus gegenüber den innenpolitisch Illiberalen des eigenen Lagers; seine auf Hightech und IT basierende ökonomische Erfolgsbilanz; die fortgesetzten Nebelkerzen in Bezug auf die Zweistaatenlösung.

„Möglicherweise ist nämlich ausgerechnet die Siedlerpartei von Naftali Bennett diejenige, die das Konzept der Zukunft bereits formuliert hat. Sie will 60 Prozent des Jordanlands annektieren, das ist mehr oder weniger jenes Area C, das zur Gänze unter israelischer Herrschaft steht. 95 Prozent der Palästinenser leben sowieso jetzt schon in den Gebieten A (Autonomiegebiet) und B (gemeinsam kontrolliert von Palästinensern und Israelis). Der Lösungsweg führt hinüber nach Jordanien, wo die Mehrheit der Bevölkerung bereits jetzt palästinensisch ist, für Bennett und seine Gefolgsleute ist das alles nur logisch. Am Ende könnte der Plan tatsächlich aufgehen, selbst wenn er kaum Frieden bringen würde.“

Am Schluss von Schneiders wohlinformiertem, beunruhigendem und doch keineswegs in alarmistischem Tonfall geschriebenen Buch findet sich eine treffende Beschreibung jener „Nahost-Experten“, die „schon mal dort waren“ und ihre Ersterlebnisse dann sogleich als das vermeintlich Letztgültige in die Welt hinausposaunen – die Tatsache ignorierend, dass gerade im hochkomplexen Israel sich hinter jeder Realität noch unzählige weitere auftun.

Drei unterschiedliche Bücher, die dennoch über alle beschriebenen Zeitschichten hinweg ein zutiefst erfreuliches, regionsweit ausnahmslos progressives Phänomen beleuchten, auch wenn es einst aus dem Munde David Ben Gurions eher wie ein Stoßseufzer klang: „Wie ein Land regieren, in dem jeder ein Premierminister ist?“

Marko Martin lebt, sofern nicht auf Reisen, als Schriftsteller in Berlin. Soeben ist seine Monographie „Nelson Mandela“ ­erschienen (Reclam).

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