Im Reich der Realpolitik

Heiko Maas braucht mehr Fantasie, will er den Syrien-Krieg beenden

27. April 2018 - 0:00 | von Alan Posener

Internationale Politik 3, Mai-Juni 2018, S. 144

Kategorie: German Foreign Policy, Syria

Heiko Maas sagt gern von sich, er sei „wegen Auschwitz in die Politik gegangen“. Unsinn. Als Maas geboren wurde, war das Vernichtungslager seit 22 Jahren außer Betrieb. Bei seinem Antrittsbesuch in Israel wurde der neue Außenminister deutlicher und peinlicher. Er habe als Student in der Familiengeschichte nach Widerstandskämpfern gesucht, doch nur Mitläufer gefunden. Er aber beschloss, Politiker zu werden.

Man möchte Heiko Maas raten, die Latte etwas tiefer zu hängen. Ein zweites Auschwitz zu verhindern, wird von ihm hoffentlich nie verlangt; Widerständler muss er auch nicht werden. Es mochte noch angehen, wenn der damalige Außenminister Joschka Fischer Auschwitz beschwor, um die Beteiligung Deutschlands am Kosovo-Krieg durchzusetzen: Da ging es auch darum, seine dem Pazifismus verpflichtete Partei auf den Grundsatz der humanitären militärischen Intervention zu verpflichten. Inzwischen akzeptieren auch die Grünen, dass Deutschland weltweite Interessen hat, die es auch militärisch verteidigt.

Zum Beispiel in Syrien. Es spricht für Maas, dass er kurz nach seinem Besuch in Israel ins Königreich Jordanien reiste und dabei auch die dort stationierte Tornado-Staffel der Luftwaffe besuchte. Es sind „Aufklärungsflugzeuge“, heißt es. Sprich: Sie suchen Ziele aus, in diesem Fall Stellungen des Islamischen Staates in Syrien, und überlassen anderen das Töten. Das hört man in Deutschland immer noch nicht gern. Nie liest man Erfolgsmeldungen wie: „50 IS-Kämpfer dank deutscher Vorarbeit getötet!“ Der Kavalier klärt auf und schweigt. Maas brachte den Soldatinnen und Soldaten ein Fass Bier mit, ein Stück deutsche Leitkultur in der arabischen Wüste. Das sorgte für gute Fotos und das Ausbleiben peinlicher Fragen.

Denn während deutsche Flugzeuge helfen, den IS zu vernichten, nutzen Baschar al-Assad und Wladimir Putin ihre Flugzeuge für Chemiewaffenangriffe gegen die Überreste der syrischen Opposition. Eine unselige Arbeitsteilung. Aus diesem Dilemma helfen weder der Bezug auf Auschwitz noch der Wunsch, die Familienehre zu retten. Wir sind hier im Reich der Realpolitik: Fifty shades of grey statt Schwarz und Weiß. Assad und Putin dürfen nicht ungestraft davonkommen. Sonst behält Joschka Fischer Recht, der in seinem neuesten Buch den „Abstieg des Westens“ beklagt und – meilenweit von seinen früheren moralischen Positionen entfernt – sich einen Frieden in Syrien nur im Gefolge einer „allgemeinen Erschöpfung“ oder eines militärischen ­Sieges von Assad und Putin vorstellen kann. Etwas mehr Fantasie wird man Heiko Maas abverlangen dürfen.

Alan Posener ist Korrespondent für Politik und Gesellschaft der WELT-Gruppe.

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