Vom digitalen Schatten

Neue Bücher zu den Schlachtfeldern der Digitalisierung

20. April 2018 - 0:00 | von Thomas Speckmann

Internationale Politik 3, Mai-Juni 2018, S. 138 - 141

Kategorie: Cyber Security, Medien/Information, Vereinigte Staaten von Amerika

Ein Cyberkrieg findet nicht statt; das Darknet ist nicht nur dunkel; der digitale Kapitalismus gefährdet sich selbst durch Illusionen über seine Geschäftsmodelle; die Geschichte der Überwachung beginnt nicht im 21. Jahrhundert, sondern im Wilden Westen Amerikas: An Thesen zum Digitalen mangelt es nicht. Vier Versuche, sie einzuordnen.

Neu in der Geschichte der Menschheit sind die Phänomene nicht: Aggression und Verbrechen, Sabotage und Spionage, Überwachung und Veröffentlichung, Krieg und Kapitalismus, Handel mit Drogen und Waffen. Analog gibt es all dies seit Jahrhunderten, zum Teil seit Jahrtausenden. Doch nun wird es immer stärker digital, kommt die digitale zur analogen Dimension hinzu, vermischen sie sich. Was dies für die Ordnung beziehungsweise Unordnung der heutigen und künftigen Welt bedeutet, lässt sich nur erahnen. Beinahe täglich erscheinen hierzu neue Analysen und Studien; der internationale Büchermarkt zur Digitalisierung wirkt ähnlich unübersichtlich wie sein Sujet.

Mit einer Überraschung wartet Thomas Rid auf. Der Professor für Strategic Studies an der Johns Hopkins University’s School of Advanced International Studies in Washington stößt nicht ins Horn der vielen Warner vor Cyberkriegen, in denen finstere Mächte geheime Computernetzwerke mobilisieren, um die Welt ins Chaos zu stürzen und durch einen Einbruch in die Computersysteme des Pentagons einen Atomkrieg auszulösen. Rid ist sich vielmehr sicher: Es hat bislang keine Cyberkriege gegeben. Es finden gegenwärtig keine statt. Und es ist überaus wahrscheinlich, dass auch in Zukunft keine über die Welt hereinbrechen werden

Hacken statt schießen

Rid glaubt, dass die derzeit geäußerten Ängste vor einem digitalen Untergang in die Irre führen und von der eigentlichen Bedeutung des Themas Cybersicherheit ablenken. Denn vieles spricht nach seiner Analyse dafür, dass Cyberangriffe keine neuen Schneisen für gewaltsame Auseinandersetzungen schlagen, sondern das Gewaltniveau von Konflikten absenken. Er nennt dafür Beispiele: Erst seit Beginn des 21. Jahrhunderts ist es Streitkräften durch einen Cyberangriff möglich, Radarstationen und Raketenwerfer des Gegners lahmzulegen, ohne dessen Luftabwehrsystem bombardieren und dabei Menschen töten zu müssen.

Erst im 21. Jahrhundert sehen sich Geheimdienste in der Lage, große Mengen an Informationen durch Computerhacks herauszufiltern und herunterzuladen, ohne Spione in gefährliche Missionen entsenden zu müssen, in denen sie Informanten zu bestechen, erpressen oder gegebenenfalls zu schädigen haben. Und erst im 21. Jahrhundert können Rebellen und Widerstandskämpfer ohne direkte Gewaltanwendung den Machtanspruch des Staates untergraben, indem sie Anhänger und Sympathisanten online mobilisieren und zu Tausenden auf die Straße bringen.

Mag die Welt durch diese technischen Möglichkeiten weniger gewaltsam im engeren Sinne werden – friedlicher dürfte sie nicht werden. Dies scheint auch Rid bewusst, wenn er die Möglichkeiten und Grenzen politisch motivierter Gewalt im Cyberspace auslotet. Das Ergebnis könnte lauten: Der weltweite Vormarsch vernetzter Computer beendet das Geschäft von Soldaten, Spionen und Subversiven nicht – er verändert es lediglich, da der Cyberspace neue Handlungsoptionen erzeugt, in der Offensive oder Defensive.

So birgt auch in Rids Augen die steigende Häufigkeit raffinierter Computerhacks erhebliche Gefahren: Zum einen ermöglichen ein als Waffe eingesetzter Programmcode sowie komplexe Sabotageoperationen ausgesprochen präzise Angriffe auf die Funktionsfähigkeit technischer Systeme des Gegners. Für noch wahrscheinlicher hält Rid Szenarien einer codebasierten Sabotage, die mit hohen finanziellen Verlusten für die Betroffenen einhergehen und stark imageschädigend sind. Zum anderen schränkt dieser Wandel im Charakter der politischen Gewalt seinerseits die Handlungsmöglichkeiten ein. Rid weist zu Recht darauf hin, dass der klassische Einsatz organisierter Gewalt und die Gefährdung eines speziell für diesen Zweck ausgebildeten Personals Vorteile mit sich bringen, die sich im Cyberspace nur schwerlich replizieren lassen.

Und diese Beschränkungen gelten wiederum für die Formen der politischen Gewalt auf unterschiedliche Weise: Für die Aktivisten der Subversion bedeuten Online-Organisation und Online-Mobilisierung zunächst einmal auch eine größere Mobilität der Mitglieder, eine stärkere Abhängigkeit von Zielen und einen geringeren Einfluss der Anführer, die einst vielleicht noch persönlich inneren Zusammenhalt und Disziplin erzwingen konnten. Eine Bewegung in Gang zu setzen, ist heutzutage weit einfacher – mit ihr nachhaltige Erfolge zu erringen, dagegen schwieriger.

Cyberspionage ohne menschliche Informanten stellt nach Rids Beobachtung diejenigen, die die Daten in einen Zusammenhang bringen, also geheimdienstliche Erkenntnisse interpretieren, bewerten und in politische oder kommerzielle Vorteile ummünzen sollen, vor ganz neue Probleme. Es ist zwar einfacher geworden, an Daten zu gelangen, nicht aber, sie zu nutzen. Und nicht zuletzt ist die technische Herausforderung immens, Cyberwaffen für übergeordnete politische Ziele und nicht nur für einmalige Sabotageakte einzusetzen, die nach Rids Urteil „eher etwas für Computernerds mit Tunnelblick als für Staatenlenker mit politischer Weitsicht“ sind.

„Tunnel“ dürfte das passende Schlagwort für die Welt sein, die der Berliner Journalist Stefan Mey betreten hat: das Darknet, ein Ort, um den sich viele Mythen ranken. Dort soll es „frei“ und „wild“ zugehen. Wie anderswo Bücher und CDs sollen hier Waffen und Drogen gehandelt werden. Cyberkriminelle und Terroristen sollen die Kunden sein. Keinerlei Regeln sollen gelten – eine unkontrollierbare Unterwelt, von der staatliche Ermittlungsbehörden und Geheimdienste ausgesperrt bleiben und in der die großen Konzerne des Digitalen nichts gelten. Zugleich soll die Anonymität des Darknets nicht nur für düstere Zwecke genutzt werden, sondern auch Oppositionellen und Whistleblowern helfen, Dokumente über Missstände in die Öffentlichkeit zu bringen.

Mey arbeitet heraus, was Darknet und Internet gemeinsam haben: die treibende Kraft des Kommerzes, die aus der ideologisch so umkämpften digitalen Unterwelt vor allem eine große Einkaufsmeile für Drogen aller Art gemacht habe. Hier können sich Junkies ihren Stoff besorgen, Freizeitkonsumenten bequem ihr Gras oder ihre Partypillen für den Rausch am Wochenende einkaufen. Mit wenigen Klicks, so Meys Erfahrung, lassen sich auch verschreibungspflichtige Medikamente, Waffen, gehackte Kreditkartendaten und sogar Falschgeld bestellen. Eine hoch organisierte, illegale Kommerzlandschaft habe sich entwickelt, mit hohen Tagesumsätzen und mit Skurrilitäten wie AGBs und Empfehlungsprogrammen.
Am Ende seiner Reise durch das „böse“ Darknet wirft Mey auch einen Blick auf die „gute“ Seite, nicht zuletzt mit ihren Visionen für eine „bessere“ digitale Welt als Antwort auf das „normale“ Internet; ein Internet, dessen Zustand als besorgniserregend wahrgenommen wird, da anscheinend sämtliche Kommunikation im Netz überwachbar ist und auf den Servern großer Konzerne landet, die daraus profitable Profile erstellen und sie auf Anfrage Geheimdiensten und anderen Interessenten übergeben. Daher stellt Mey die Frage, ob sich aus der digitalen Unterwelt von heute nicht eines Tages eine freiere und bessere Variante des Internets entwickeln lassen könnte.

Illusionen und Versprechen

Die Schaffung einer besseren Welt treibt auch Michael Betancourt um. Der kritische Theoretiker, Historiker und Künstler bewegt sich im Spannungsfeld der digitalen Technologien und der kapitalistischen Theorie. Er vertritt die These, dass im globalen Phänomen des digitalen Kapitalismus virtualisierte, digital produzierte Werte die materielle Warenform und immaterielle Arbeit die physische Produktion immer mehr ersetzen. Diese Entwicklung leiste zwei Phänomenen Vorschub: der Akkumulation von Wert ohne Produktion und der Produktion ohne ­Konsumtion. Beides sei für den digitalen Kapitalismus symptomatisch. Daraus erwachse die Vorstellung eines grenzenlosen Bereichs, in dem scheinbar ohne Aufwand Wert erzeugt werden könne, verbunden mit einer Leugnung materieller Kosten und der Begrenztheit von Ressourcen.

Diesen Immaterialismus hält Betancourt für eine Illusion, die für den digitalen Kapitalismus allerdings charakteristisch sei. Als Beispiel dient ihm die virtuelle Währung Bitcoin, die, von der physischen Wirklichkeit völlig getrennt, ohne materielles Gegenstück zu existieren scheint. Allerdings verschlingt die Existenz kryptografischer Währungen, die von der Funktion global verteilter Computer abhängt, riesige Mengen an Energie. Folglich kann von einer Unabhängigkeit von konkreten physischen Zwängen keine Rede sein.

Skeptisch zeigt sich Betancourt auch, was die nachhaltige Finanzierbarkeit des digitalen Kapitalismus angeht. Denn auch dieser basiert auf der Zusicherung künftiger Renditen auf investiertes Kapital. Dieses Versprechen sieht Betancourt jedoch als nicht mehr einlösbar, wenn die geschuldete Arbeit die Summe der möglichen materiellen, automatisierten und immateriellen Produktion übersteigt, wie dies im digitalen Kapitalismus der Fall sei. Da es immer eine größere offene Schuld gebe, als Geld zu ihrer Abzahlung vorhanden sei, zeichne sich der digitale Kapitalismus durch eine ständige Knappheit von Kapital aus. Weitere Finanzkrisen seien demnach unvermeidbar.

Wider den Alarmismus

Wer Phänomene der Gegenwart unter der Folie der Vergangenheit betrachtet, kann die Aufmerksamkeit auf wirklich neue Entwicklungen lenken, um vor jenem Alarmismus zu schützen, der heute weite Teile von Medien, Politik und Wirtschaft erfasst hat. Eine solche Lektüre bietet Rhodri ­Jeffreys-Jones. Der emeritierte Professor für amerikanische Geschichte an der Universität von ­Edinburgh und preisgekrönte Autor von Studien über das FBI, die CIA und das westliche Geheimdienstwesen erzählt die Geschichte der Spionage und der Observierung seit dem 19. Jahrhundert mit all ihren Organisationen, Persönlichkeiten, Technologien, Informationslöchern, Kritiken und Reformen.

Bei Jeffreys-Jones beginnt moderne Überwachung nicht in den Korridoren von Whitehall oder dem Penta­gon, sondern im Wilden Westen Amerikas und seinen Privatdetektivagenturen. Von dort verfolgt er das Überwachungsgeschäft durch die Epochen technologischer Sprünge mit der Einführung von Telegrafie und Telefon, Facebook und Twitter. Die Observierung politischer Gegner durch US-Präsidenten wie Franklin D. Roosevelt, Lyndon B. Johnson und Richard M. Nixon wird dabei ebenso beleuchtet wie die Rolle britischer Geheimdienste in ähnlichen Missionen.

Auch die von Jeffreys-Jones beschriebenen Konjunkturen des Überwachungsgeschäfts – vom Niedergang nach dem Ende des Kalten Krieges bis zur Wiedergeburt nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 – erinnern daran, dass vieles von dem, was heute als revolutionär und disruptiv bezeichnet wird, so neu nicht ist. Ob Aggression und Verbrechen, Sabotage und Spionage, Überwachung und Veröffentlichung, Krieg und Kapitalismus, Handel mit Drogen und Waffen: Nicht das Handeln an sich hat sich verändert, sondern die eingesetzten Mittel – ob analog oder digital oder beides zusammen.

Dr. Thomas Speckmann ist Historiker, Politikwissenschaftler und Lehrbeauftragter am Historischen Institut der Universität ­Potsdam.

 
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