Überleben im Untergrund

1. July 2019 - 0:00 | von Guido Steinberg

Internationale Politik 4, Juli/August 2019, S. 98-103

Kategorie: Terrorismus, Naher und Mittlerer Osten/Nordafrika

Der IS ist auch nach seiner Niederlage im Irak und in Syrien noch lange nicht besiegt. Im Gegenteil: Er kann sich in weiten Teilen der islamischen Welt halten

picture alliance / AP Photo

Mit dem Verlust des syrischen Dorfes Baghuz am Euphrat endete im März 2019 die fast fünfjährige Geschichte des „Islamischen Staates“ (IS) als Quasistaat mit eigenem Territorium. Dies war ein großer ­Erfolg seiner Gegner, der nicht nur die Sicherheitslage im Irak und in Syrien, sondern auch in Nachbarländern wie der Türkei und in Europa stark verbessert hat. Doch trotz dieser Niederlage ist der IS noch lange nicht besiegt.

Der wichtigste Grund dafür ist, dass die politischen Probleme, die zum Aufstieg der Organisation im Irak und in Syrien führten, fortbestehen. Überdies hat der IS mit seinen „IS-Provinzen“ ein Netzwerk von verbündeten Organisationen aufgebaut, die in vielen Ländern der arabischen und islamischen Welt operieren. Hinzu kommt, dass die Gruppierung aufgrund ihrer „attraktiven“ Ideologie mehr Freiwillige angezogen hat als alle anderen Dschihadisten vor ihr. Sie lässt weltweit Tausende Anhänger zurück, die weiterhin bereit sind, für die Sache des „Islamischen Staates“ Gewalt anzuwenden.

All dies bedeutet, dass der IS trotz einer starken Fragmentierung der Szene den internationalen Terrorismus weiter prägen wird. Seine Anschläge werden weniger anspruchsvoll und oft weniger opferreich sein als die in den Jahren 2015 und 2016, aber gleichzeitig wohl auch weniger vorhersehbar.


Ursprung im Irak

Der IS hatte seinen Ursprung in den Wirren nach der amerikanisch-britischen Intervention im Irak und dem Sturz des Diktators Saddam Hussein 2003; in seinem Kern ist er lange eine stark irakisch geprägte ­Organisation geblieben. Dass er es überhaupt schaffte, ab 2013 ein größeres Territorium in seinem Heimatland und in Syrien zu erobern, wurde erst durch die Fehler der irakischen Regierung nach dem Abzug der US-Truppen im Dezember 2011 möglich.

Ganz im Stil eines nahöstlichen Diktators nutzte der schiitische Ministerpräsident Nuri al-Maliki seine damals neu gewonnene Handlungsfreiheit, um sich politischer Gegner zu entledigen. Er startete eine regelrechte Verfolgungswelle gegen führende sunnitische Politiker und sonstige Oppositionelle, die im Frühjahr 2013 Zehntausende Demonstranten auf die Straßen trieb. Die Regierung in Bagdad begegnete der Bewegung mit brutaler Repression. Sie fand ihren Höhepunkt im April 2013, als Sicherheitskräfte in Hawidscha in der Provinz Kirkuk ein Protestcamp auflösten und fast 50 Demonstranten töteten.

Maliki glaubte offenbar, seine Gegner einschüchtern zu können, trieb auf diese Weise aber Teile der Bevölkerung in die Arme des damals rasch erstarkenden IS. Im vorwiegend sunnitisch bewohnten Westen und Norden des Irak galt die Terror­organisation den Bewohnern als das weitaus kleinere Übel im Vergleich zur Regierung in Bagdad, was den raschen Vormarsch der Dschihadisten 2014 begünstigte.

Seither hat sich die Politik der irakischen Regierung nicht grundsätzlich geändert. Sie setzte auf einen militärischen Sieg und machte keine Anstalten, die Sunniten an der Politik des Landes zu beteiligen. Zwar wurde Maliki im September 2014 abgelöst, doch scheiterte der von seinem Nachfolger Haidar al-Abadi versprochene versöhnliche Kurs gegenüber den Sunniten an der Schwäche der Armee.

Um den IS aufzuhalten, bildeten sich die „Volksmobilisierungseinheiten“, ein Bündnis mehrheitlich schiitischer Milizen, die mehr als 100 000 Freiwillige aufnahmen und großen Anteil am Sieg über den IS bis 2018 hatten. Diese verübten ebenso wie die Paramilitärs der Polizei zahllose Verbrechen an sunnitischen Gefangenen und der Zivilbevölkerung. Willkürliche Hinrichtungen, Folter und Vertreibungen von Sunniten waren an der Tagesordnung. Sie bewirkten, dass sich an dem im Westen und Norden des Irak verbreiteten Hass auf die Regierung nichts änderte. Dies ermöglicht es dem IS, wie schon vor 2013, im Irak als starke Untergrundorganisation zu überleben und eine Stabilisierung des sunnitischen Landesteils zu verhindern.


Ausweitung in Syrien

In Syrien profitierte der IS von dem Bürgerkrieg, der nach den Protesten des Arabischen Frühlings von 2011 ausbrach. Auch dort verübten die Regimetruppen und ihre Verbündeten grausame Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung. Der ungezielte Beschuss von Wohnvierteln mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, der wiederholte Einsatz von Chemiewaffen, Folter und Morde an Zivilisten ebenso wie an gefangenen Rebellen dienten dem Ziel, die meist sunnitische Bevölkerung aus den Gebieten zu vertreiben, in denen die Rebellen Unterstützung fanden. Die Verbrechen des Assad-Regimes haben dazu beigetragen, dass die Ressentiments gegenüber Damaskus gestiegen sind und das Land auf Jahrzehnte hinaus prägen werden.

Überdies ist die demografische Ausgangslage für den IS in Syrien sogar besser als im Irak, denn arabische Sunniten – die den Rekrutierungspool des IS bilden – stellen in dem Land trotz aller Verluste an Menschenleben, Vertreibung und Flucht immer noch mehr als 50 Prozent der Bevölkerung; im Irak sind es wahrscheinlich nicht einmal mehr 15 Prozent. In den verbliebenen Streitkräften des Regimes kämpfen vor allem Alawiten (die aus dem Schiitentum hervorgegangen sind). Es war auch dieser demografische Vorteil, der es den Aufständischen 2015 erlaubte, das Regime an den Rand einer Niederlage zu bringen, bevor Russland intervenierte und der Iran seine Unterstützung intensivierte.

Das syrische Militär leidet aufgrund dieses Nachteils seit 2011 an massiver Personalnot, sodass – auch wenn in den nächsten Jahren ganz Syrien unter die Kontrolle der Regierung gebracht werden sollte – ihm eine effektive Bekämpfung des IS im Untergrund schwerfallen wird. Dass der IS auch in Syrien präsent bleibt, zeigten zuletzt Attentate auf das US-Militär und Einheiten der syrischen PKK (den Volksverteidigungskräften, YPG), gerade in den Gebieten, die bis Anfang 2019 vom IS befreit wurden.


Das Netzwerk der IS-Provinzen

Der IS ist heute aber kein Problem mehr, das nur auf den Nahen Osten beschränkt ist. Die Organisation machte schon ab 2014 deutlich, dass ihr Herrschaftsanspruch weit über den Irak, Syrien und die unmittelbaren Nachbarländer hinausging. Möglicherweise bereitete sich der IS auch für den Fall einer Niederlage in seinem Kerngebiet vor. Er tat dies, indem er ab November 2014 die Gefolgschaftseide von mindestens acht offiziellen „Provinzen“ (des Islamischen Staates) in allen Teilen der islamischen Welt akzeptierte und diese Gruppierungen in das neu ausgerufene Kalifat aufnahm.

Oft wurden in einem Land mehrere Provinzen ausgerufen, bei denen nicht immer klar war, ob sie eigenständig waren oder ob es eine gemeinsame Führung für das jeweilige Land gab. In Libyen gab es zeitweilig drei Provinzen. Der IS folgte damit dem Vorbild von Al-Kaida, die ab 2003 Regionalorganisationen in Saudi-Arabien, im Irak, in Algerien, im Jemen und später in Syrien gründete und die es so schaffte, trotz der Schwäche ihrer „Zentrale“ in Pakistan eine weltweit gefürchtete Terrororganisation zu bleiben.

Dass sich die Provinzen dem IS anschlossen, lag in vielen Fällen an ideologischer Affinität und der großen Anziehungskraft, über die die Organisation aufgrund ihrer Erfolge im Irak und in Syrien verfügte. Der IS bot aber auch ganz praktische Hilfestellungen, indem er Ausbilder und Personal entsandte, Geld schickte und auch bei der Öffentlichkeitsarbeit half. Diese Unterstützung erlaubte es einigen Provinzen – vor allem in Libyen, in Ägypten (Sinai) und in Afghanistan –, ihre Heimatländer und teils auch deren Nachbarstaaten mit vielen opferreichen Anschlägen zu überziehen. In den Jahren 2015 und 2016 verschlechterte sich die Sicherheitslage in den genannten Staaten rapide.

Die IS-Provinzen in Libyen wurden rasch zur zunächst erfolgreichsten Filiale der Organisation. Möglicherweise ging es in dem nordafrikanischen Land darum, ein alternatives Hauptquartier aufzubauen. Denn die Zentrale förderte die ­libysche ­Dependance massiv – unter anderem, indem sie bis zu 500 meist libysche Kämpfer aus Syrien nach Libyen entsandte. Infolge der massiven Unterstützung aus der IS-Hauptstadt Mossul gelang es dem IS in Libyen, in den Jahren 2015 und 2016 zu erstarken und nach dem Vorbild der Mutterorganisation von seinem Hauptquartier in Sirte aus einige Gebiete an der zentralen Mittelmeerküste zu beherrschen.

Zwar verlor der IS seine Basis im Dezember 2016 an Milizen aus Misrata, die mit amerikanischer Luftunterstützung siegten, doch er blieb auch in den folgenden Jahren aktiv. Wenige hundert Mann profitierten von der anhaltenden Instabilität Libyens und blieben eine Gefahr für das Land und seine Nachbarn.

Die Entwicklung in Libyen erwies sich als paradigmatisch für die Expansionsbestrebungen des IS. Zwar gelang es ihm rasch, viele Provinzen an sich zu binden. Doch schaffte es keine von ihnen, auch nur annähernd die Bedeutung der Mutterorganisation von 2014 und 2015 zu erreichen. Zu stark waren die Gegner des IS trotz der in vielen Ländern grassierenden Instabilität.

Auf dem ägyptischen Sinai schloss sich eine lokale Gruppierung dem IS an, die ab 2014 enorm erstarkte und im Oktober 2015 sogar ein russisches Passagierflugzeug kurz nach dem Start in Scharm el-Scheich zum Absturz brachte. Die anschließend verschärfte Bekämpfung durch ägyptische Truppen führte zwar zu einer Schwächung des IS Sinai. Doch gelang es ihm, ab Dezember 2016 eine spektakuläre Anschlagswelle gegen christliche Ziele zu starten, die zeigte, dass die Organisation nicht geschlagen war.

Ähnlich entwickelte sich der IS in Afghanistan. Obwohl er dort nicht nur gegen die afghanische Regierung und die US-Truppen, sondern auch gegen die konkurrierenden Taliban kämpfte und immer wieder ­herbe ­Verluste erlitt, gelang es ihm, neue Rekruten zu finden und den bewaffneten Kampf fortzusetzen. Zumindest zeitweilig scheinen sich ihm auch Kämpfer angeschlossen zu haben, die vorher in Syrien beim IS waren.

Nach einer ersten Hochzeit im Jahr 2015 verlegte sich der IS in den Jahren 2016 und 2017 auf Anschläge in den städtischen Zentren. Opfer wurden vor allem Angehörige der schiitischen Minderheit in Kabul, die dem IS besonders verhasst sind. Bis heute scheiterten alle Versuche, die Gruppierung zu zerschlagen.


Attraktive Ideologie

Auch die besonders attraktive Ideologie des IS dürfte dazu beitragen, dass die Organisation relevant bleiben wird. Seit 2013 zeigte sich nämlich, dass sie mehr Anhänger gewinnen konnte als jede andere dschihadistische Gruppierung zuvor. Insgesamt reisten seit 2012 mehr als 40 000 Ausländer aus aller Welt nach Syrien, von denen sich die allermeisten dem IS anschlossen – obwohl sie die Wahl zwischen mehreren Gruppierungen hatten. Ein wichtiges Motiv für die Reise war, dass aus Sicht der ausländischen Kämpfer eine Pflicht bestand, in einen real existierenden „islamischen Staat“ unter Führung eines Kalifen auszuwandern. Ob die Zerstörung des „Staates“ die Attraktivität der Welt­anschauung des IS beeinträchtigt, muss sich noch erweisen.

Bis dahin aber gilt, dass der IS die Al-Kaida als „Marktführer“ im internationalen Terrorismus abgelöst hat und die Ideologie dabei eine wichtige Rolle gespielt hat. Al-Kaida war und ist eine Organisation, die in der Tradition der militanten Teile der Muslimbruderschaft steht und so wie diese politisch denkt und pragmatisch handelt – mit dem Ziel, die Macht in ihren arabischen Heimatländern zu übernehmen. Zu diesem Zweck geht sie Zweckbündnisse und Kooperationen ein: mit Staaten wie dem Iran, mit nichtsalafistischen Organisationen wie den Taliban und ideologisch nicht festgelegten jemenitischen Stämmen, die mit der reinen salafistischen Lehre nur schwer zu vereinbaren sind.

Der IS hingegen ist tiefer in der Tradition des Wahhabismus verwurzelt, dem es primär um die möglichst rasche und kompromisslose Durchsetzung seiner Interpretation des islamischen Rechts (Scharia) in einem islamischen Staat geht. Praktische Konsequenzen hat diese Ausrichtung vor allem im Vorgehen gegen Minderheiten. Der IS wurde für seinen radikalen Schiitenhass berüchtigt, der dazu führte, dass er ausnahmslos alle Schiiten tötete, die in seine Hände fielen.

In einer Zeit, in der Identitäts- und Religionskonflikte weltweit zunehmen und sich häufig gewaltsam entladen, erwies sich diese Strategie unter Islamisten als äußerst populär. Die enormen Rekrutierungserfolge des IS zeigen, dass seine Islaminterpretation viel mehr dem Zeitgeist entspricht als die der Al-Kaida.

Die Begeisterung vieler Gefolgsleute für die Ideologie erlaubte es dem IS, eine Vielzahl von Anschlägen für sich zu reklamieren, die von Sympathisanten und Unterstützern in seinem Namen verübt wurden, ohne dass sie sich der Organisation im Irak oder in Syrien angeschlossen hatten. Trotzdem verübt eine Ideologie alleine keine Anschläge, sodass die Zerstörung der IS-Strukturen in seinem Kernland zu einem Rückgang der Attentate weltweit führte. Ohne die syrischen und irakischen Stützpunkte wurden Anschläge wie die von Paris im November 2015, die von Raqqa aus geplant und vorbereitet worden waren, immer seltener.

Vielmehr war der IS seit 2017 darauf angewiesen, dass Terroristen ohne vorherige Ausbildung in seinem Namen handelten und Ziele fanden, die so schlecht geschützt waren, dass auch Amateure erfolgreich morden konnten. Dies war beispielsweise der Fall in Sri Lanka am Ostersonntag 2019, wo Unterstützer des IS mehr als 250 Christen töteten. Auffällig ist vor allem, dass die Zahl der Anschlagsplanungen zwar zurückging, aber weiter hoch blieb. Dass sie in der westlichen Welt ab 2017 häufiger vereitelt wurden, ändert nichts daran, dass der IS offenbar weiter mobilisieren konnte.


Eine globalisierte Organisation

Es spricht vieles dafür, dass der IS auch nach seiner Niederlage im Irak und in Syrien die einflussreichste islamistische Terrorgruppe bleiben wird. Seine Niederlage im Irak und in Syrien und die darauffolgende starke Fragmentierung der dschihadistischen Szene bewirken zwar, dass die ganz großen Anschläge ausbleiben. Sie führen aber auch dazu, dass terroristische Aktivität unberechenbarer wird.

Dies betrifft vor allem die Anschlagsorte, denn der IS und dschihadistische Gruppierungen insgesamt sind heute in viel mehr Staaten aktiv als noch 2014. Das geht in erster ­Linie auf die Gründung von IS-Provinzen und die Attraktivität der Ideologie zurück, die den Dschihadisten neue Rekrutierungspools erschlossen und die Bewegung multinationaler machten als zuvor. Al-Kaida ist bis heute eine arabische Organisation geblieben, die stark von ihren ägyptischen und saudi-arabischen Führungspersönlichkeiten geprägt wurde. Der IS war bis 2013 stark irakisch und – in geringerem Maße – syrisch geprägt, bevor er viele Nordafrikaner und Saudis ­aufnahm.

Ab 2014 jedoch schlossen sich ihm Tausende Islamisten aus aller Welt an. Unter ihnen waren Kaukasier, Türken, Europäer, Zentral-, Süd- und Südostasiaten sowie Afrikaner, die den IS zur vielleicht ersten tatsächlich multinationalen, multiethnischen und polyglotten Terrororganisation der Weltgeschichte gemacht haben. Sie sorgen heute dafür, dass sich die Organisation nicht nur im syrischen und irakischen Untergrund, sondern auch in weiten Teilen der islamischen Welt halten kann.

Es spricht einiges dafür, dass mit der Niederlage vom März 2019 nur eine neue Runde im Kampf gegen den IS begonnen hat.

Dr. Guido Steinberg arbeitet in der Forschungsgruppe Naher / Mittlerer Osten und Afrika der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

 
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