„Städte bringen immer wieder etwas Neues hervor“

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Susanne Heeg

1. November 2019 - 0:00

Internationale Politik 6, November/Dezember 2019, S. 26-29

Kategorie: Urbanisierung, Weltweit

Es gibt zahlreiche Gründe, warum Menschen im Norden wie im Süden in Städten leben wollen. Denn hier wird sozioökonomische Entwicklung gestaltet.

dfg

Prof. Dr. Susanne Heeg ist Professorin für Geografische Stadtforschung am Institut für Humangeografie der Goethe-Universität Frankfurt. Sie untersucht Städte als Kristallisationspunkte gesellschaftlicher Auseinandersetzungen und als lokale Knotenpunkte im Netzwerk globaler Dynamiken.

IP: 2030 werden beinahe zwei Drittel aller Menschen in Städten leben. Nicht zuletzt wegen ihrer Bevölkerungsdichte sind sie schon jetzt Dreh- und Angelpunkte der Entwicklung der Menschheit. Im Wandel der Stadt zeigen sich gesellschaftliche Veränderungen und soziale Konflikte besonders deutlich. Welche aktuellen Entwicklungen beobachten Sie?
Susanne Heeg: Fragen Sie nach Städten des Südens oder des Nordens?
 

Gibt es eine globale Betrachtungsweise?
Ja, die gibt es. Alle Städte sind Zentren von politischer, wirtschaftlicher und sozialer Dynamik und von Innovationen, unabhängig von ihrer geografischen Lage. Allerdings unterscheiden sich Städte des Südens wie Mexico City oder auch chinesische Städte vom Norden schon allein durch ihr wirklich enormes Wachstum in den vergangenen Jahrzehnten. Das verleitet manchmal zum Begriff der Megacity – als hätten diese Orte keine soziale oder gesellschaftliche Funktion mehr. Das stimmt aber nicht.
 

Was gilt für die Städte des Nordens?
Sie erleben eine Entwicklung in verschiedenen Phasen, die mit Investitionen und Desinvestitionen, Zu- und Abwanderung einhergehen. Gegenwärtig erlebt die Mehrheit der Städte wieder eine Zuwanderung. Deutlich langsamer als im Süden und lange nicht so wie zu Zeiten der Industrialisierung, aber dennoch. Und sie entfaltet Druck auf diese Städte. Das gilt ausdrücklich auch hinsichtlich einer sozialen Entmischung, also einer Trennung der Schichten. Investitionen auf dem Wohnungsmarkt für Besserverdienende führen zu Vertreibungen.
 

Sind Metropolregionen mit oft weit mehr als zehn Millionen Einwohnern überhaupt noch eine konsistente Stadt?
Das ist schwierig, das gilt aber auch für den Norden. Dort haben sich politische Grenzziehungen im Laufe der Zeit mit dem Wachstum der Stadt verändert. Städte des Südens wie Mexico City haben sich schneller verändert, als dass Grenzziehungen das hätten nachvollziehen können. Die politischen Grenzen sind also nicht mit der Stadt gewachsen. Diese Städte sind jetzt Konglomerate von verschiedenen ­Gebietseinheiten, wie es zum Beispiel in Lagos der Fall ist.
 

Wie ist es in sehr großen Städten um den öffentlichen Raum bestellt? Zerfällt er, und wenn ja, was hat das für Folgen für das Zusammenleben von Menschen?
Öffentlichen Raum im Sinne eines zentralen Ortes, an dem man sich trifft, auch um Dinge auszufechten oder zu verhandeln, haben Sie auch in den ganz großen Städten. In den meisten gibt es Orte, an denen große Demonstrationen stattfinden, aber auch Kulturveranstaltungen; Orte des Flanierens, des Austauschs, des Kennenlernens.
 

Also muss man sich das von Stadt zu Stadt anschauen, richtig?
Man muss auf jeden Fall differenzieren. Es gibt neben den großen zentralen Plätzen fast überall auch in kleineren Gebietseinheiten Orte der Gemeinsamkeit und des Treffens. Was es aber auch gibt, und das zielt dann auf den Zerfall des öffentlichen Raumes, ist eine massive Zunahme der gated communities, abgeschirmter Wohnviertel für Wohlhabende. Sie ziehen eine andere, ausschließende Art der Kommunikation nach sich. Das ungeplante Zusammentreffen findet dort nicht mehr statt.
 

Ein Kennenlernen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen wird so verhindert.
Ja – wir müssen ja sehen, dass es potenzielle Konfliktpunkte reduzieren kann, wenn man sich kennt. Es gibt eine Tendenz zur Abschottung, und Abschottung erzeugt Angst, eben weil man etwas nicht kennt.
 

Ist diese Abschottung eine beidseitige?
Nein, das ist ganz klar ein Herausziehen von oben. In vielen Ländern ziehen sich diejenigen heraus, die es sich leisten können. Denn es gibt internationale Immobilien- und Projekt­entwickler, die genau das als ein Modell anbieten: abgeschottetes Wohnen für eine exklusive Schicht. Was dann folgt, ist eine Bedrohung des städtischen Raumes. Denn in der Konsequenz kommt es vor, dass auch ein Mittelschichtsstadtteil nachträglich selber Abgrenzungsmaßnahmen vornimmt. Schließlich genießen diese gated communities hohes Ansehen, versprechen sie doch sichere Räume und sind teuer. Also baut man Mauern und fängt an, Straßenzüge zu blockieren, man erschwert den Zutritt.
 

Wenn Ungerechtigkeit und Ungleichheit so augenfällig werden, gibt es die These, dies könnte zu einer Zunahme sozialer Unruhen in den Städten führen. Das wäre Ihnen zu alarmistisch?
Ja. Eine solche Situation erzeugt sicher ein Unwohlsein bei denen, die draußen sind. Aber nur, wenn die Armut weiter zunimmt – insbesondere in direkter Nachbarschaft –, kann es zu Konflikten führen, auch zu kleineren Formen von Aufständen.
 

Ist das Gewaltmonopol in solchen Kon­glomeraten nach wie vor das staatliche?
Nein. Das war es noch nie. Selbst im Norden war es das kaum, und in Städten des Südens haben wir andere Formen der politischen Organisation. Nochmal das Beispiel Mexico City, wo wir ein ganz anderes Verhältnis von Regierenden zur Bevölkerung haben, eher ein väterliches: Ich gebe dir etwas, aber dafür wählst du mich dann bitte. Es gibt daneben eine Vielzahl von Zwischenräumen, in denen Militär oder Polizei agieren, aber eben nicht nur für den Staat, sondern auch für andere Akteure der Macht. Und organisierte Kriminalität gibt es natürlich auch. Die Sicherung von Herrschaft geschieht in einem Dreieck: erstens Polizei und Militär als staatliche Akteure, zweitens Polizei und Militär als staatlich unabhängig und drittens kartellartige Kriminalität, die oft ja auch akzeptiert wird. In Mexiko kommt es – ohne das verharmlosen zu wollen – häufig dann zu Todesfällen, wenn organisierte Kriminalität und die Politik nicht mehr zusammenarbeiten.
 

Kommen wir zu einem anderen Aspekt. Weltweit sind sehr große Kapitalmengen unterwegs, die nach Anlagemöglichkeiten suchen. Auch die Stadtplanung orientiert sich oft an den Bedürfnissen konsum- und kulturorientierter Oberschichten und an ökonomischen Wachstumsbranchen. Führt das zu einem inneren Auseinanderdriften der Städte?
Wenn Sie in die Innenstädte gehen, erleben Sie im Libanon dasselbe wie in Mexiko. Neue Gebäude, gläsern, beeindruckende Fassaden, die den Stadtraum dominieren. Sie können häufig erkennen, dass damit die Bewegung der Menschen in diesen Räumen eine ganz eigene Qualität bekommt. Eher amerikanisch beziehungsweise nördlich aussehende Menschen bewegen sich mit großer Selbstverständlichkeit in diesen Räumen. Man ist zuhause, gehört dazu. Wer nicht dazugehört, sind häufig die Einheimischen und Angehörige indigener Gemeinschaften, die sich dann durch solche Räume regelrecht hindurchdrücken. Das sieht man tatsächlich an einem anderen Gang.
 

Warum ist das wichtig?
Ich erwähne das, weil die Investitionen in diese Bürohäuser, Gebäude und Banken von überwiegend nördlichem Kapital getätigt werden, das dann Raumnutzungen und Raumansprüche prägt. Vor dem Hintergrund der neoliberal geprägten Grundstimmung hat diese Art der Investitionen einen ausschließenden Charakter.
 

Wie wäre das zu verändern?
Das ist eine große Frage. Wenn ich das ­wüsste, säße ich nicht hier … Was ich aber sicher glaube: mehr Vorsicht bei internationalen Investitionen! Denn sie gehen mit Renditeansprüchen einher, die eingelöst werden müssen. Das wiederum zieht nach sich, dass Kapitalfraktionen Druck auf Regierungen ausüben. Man bräuchte eine stärkere Regulierung, aber bei Gott: Ich weiß nicht, wie das geschehen könnte.
 

Wenn Sie das so beschreiben: Sehen Sie uns in einer Phase mit klarem Anfang und absehbarem Ende, oder sind wir in einer viel längerfristigen Ära?
Ich glaube, dass alle den Eindruck haben, dass es ewig so weitergeht. So ist es aber nicht! Wir sehen immer wieder, dass durch Diskussionen und die Herausbildung neuer Leitbilder Phasen enden. Auch das neoliberale Paradigma wird abgelöst werden. Es wird immer gehandelt, gerungen und damit verändert. Nehmen Sie doch nur die Diskussionen, die mit der Klimaschutzbewegung Fridays For Future so an Fahrt aufgenommen haben, oder die Debatten um Mietpreise und Wohnen. Das gegenwärtige Entwicklungsmodell stößt nicht per se auf Akzeptanz, sondern fordert Veränderungen heraus.
 

Städte werden größer, gleichzeitig entkoppeln sich Stadt und Land. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Es gibt die Argumentation, dass aufgrund technologischer Möglichkeiten der Unterschied zwischen Stadt und Land geringer wird. Das beruht auf der Übermittlung von Bildern und Lebenswelten. Unterschiede zwischen Stadt und Land ebnen sich ein, das gilt auch für Städte des Südens.
 

Das ist ein überraschender Befund. Die weitgehende Entkopplung zwischen Stadt und Land hat doch auch einen erkennbaren politischen Ausdruck, etwa im Wahlverhalten – Stichwort Gelbwesten, Stichwort Trump. Beides hat auch viel mit Herkunft und Lebenswelten der Menschen zu tun.
Das stimmt, das Vorhergehende bezog sich auf Lebensstile. Was in der Tat einen großen Unterschied macht, sind die oft mangelnde Anbindung des ländlichen Raumes beziehungsweise seine Abgehängtheit und die ganz andere Integriertheit seines Gegenübers, der Stadt.
 

Städte sind ja ganz wesentlich auch Anbieter von Arbeitsmöglichkeiten. Reduziert eine Stadt, je größer sie ist, den Menschen umso mehr auf seine Funktion als Arbeitnehmer?
Das sehe ich nicht. Solange es in Städten eine gewisse Freiheit der Meinung und des Ausdrucks gibt, können wir erkennen, dass Städte doch immer wieder das Neue und den Zufall ermöglichen und herausfordern. Sie unterstützen durch die Konzen­tration von Menschen neue Ideen, Projekte und Bewegungen, die soziale, kulturelle und politische Entwicklungen gestalten.
 

Wenn man mit Ihnen über Städte und ihre Zukunft spricht, entdeckt man so überhaupt nichts Dystopisches, sondern nur Optimismus.
Ja! Wenn ich mein Leben in Mexico City verbringen müsste, würde ich vielleicht mit Blick auf die wirklich katastrophalen Umweltbedingungen dystopischer werden. Aber: Auch das ist so eine lebendige Stadt, man schafft nie alles, was man schaffen möchte, weil es so vieles gibt – und immer jenseits der ökonomischen Verwertung. Auch, wenn es in Städten nicht immer harmonisch zugeht: Für mich sind sie immer die Orte, die Neues hervorbringen. Und das ist das wirklich Schöne daran.

Das Interview führte Martin Bialecki.

 
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