„Wir müssen das politische System doch eh erneuern“

Ein Gespräch mit Kim Stanley Robinson

1. November 2019 - 0:00

Internationale Politik 6, November/Dezember 2019, S. 48-49

Kategorie: Urbanisierung, Weltweit

Von wegen "raus aufs Land" - sollen stattdessen alle in die Städte ziehen, damit sich die Erde erholen kann? Drei Fragen an den Science-Fiction-Autor Kim Stanley Robinson.

Sean Curtin

Kim Stanley Robinson ist ein US-amerikanischer Science-Fiction-Autor, dessen Arbeit sich um soziologische und ökologische Fragen dreht. Sein bekanntestes Werk ist die Mars-Trilogie, die auf seiner lebenslangen Begeisterung für den Planeten fußt. Robinson lebt in Kalifornien.

Sie haben einmal gesagt, es sei besser für die Erde, wenn alle die Hälfte des Planeten verließen und in die Städte zögen. Warum das?
Das geht auf E.O. Wilsons Idee der „Half Earth“ zurück: ein Plan, mit der Biosphäre der Erde in eine nachhaltige Balance zu kommen. Ich glaube, dass es viele Wege gibt, um dieses Gleichgewicht herzustellen – die eine Hälfte der Erde zu verlassen und in die Städte zu ziehen, ist nur einer von ihnen. Am wichtigsten wäre es, schnell saubere Energiequellen zu schaffen. Logischerweise brauchen wir auch gerechte Gesellschaften; und wir benötigen eine regenerative Landwirtschaft, mit der wir uns sowohl ernähren als auch die Dekarbonisierung schaffen können. Um ein massenhaftes Aussterben zu verhindern, müssen wir die wilden Tiere schützen, die noch übrig sind. Das ist der Punkt, an dem das Thema Land in den Vordergrund rückt. Korridore für Lebensräume zu schaffen, in denen wilde Tiere den Vorrang haben, wäre entscheidend – die „Half Earth“-Idee ist lediglich der extremste Ausdruck dieser Haltung.
 

Wie sähe denn Ihre Vision für den perfekten Platz aus, an dem all diese Menschen leben sollen?
Ich arbeite gerade intensiv mit einer Gruppe, die versucht, eine einzige Stadt für die gesamte Menschheit zu designen, die sich dann an diesem Ort organisiert. Ich nehme das mal als Gedankenexperiment. In Wirklichkeit wären Städte aller Größe dann völlig in Ordnung, wenn sie sich im Einklang mit der sie umgebenden Landschaft befinden würden, die sie ja eh als Unterstützung und Rahmen benötigen. Wie gesagt – wir brauchen grüne Städte, erneuerbare Landwirtschaft, und wir brauchen freies Land für wilde Tiere. Menschen sollten dieses freie Land durchaus besuchen dürfen, aber nur, wenn sie die Tiere nicht stören. Wie das genau aussähe, wäre überall etwas anders. Das hängt von der Landschaft ab, vom Klima und von vielen anderen Faktoren. Es gibt nicht die eine Lösung für alle Situationen, wir müssen flexibel sein. Im Kern ist aber die Mischung aus Stadt, Land und wilder Fläche entscheidend. In jedem Fall schlecht wären Vorstädte. Und natürlich verschmutzte Landschaften. Wenn wir es schaffen würden, auf der ganzen Erde so zu leben, dass auch die Tiere ihren Platz haben, wäre alles okay. Städte sind eben für den Menschen da, und wenn sie richtig gestaltet sind, verringern sie unseren Einfluss auf die Erde.
 

Würde so etwas nicht eine vollständige Erneuerung des politischen Systems erfordern, weil Städte im globalen Zusammenhang dann noch wichtigere Akteure wären als heute?
Wir müssen das politische System doch eh erneuern. Wir haben schon jetzt keine angemessene politische Repräsentation mehr, völlig egal, in welchem System wir leben. Daneben brauchen wir ein post­kapitalistisches Wirtschaftssystem. Da so etwas aber das reichste eine Prozent der Welt seiner Macht berauben würde, wird eine solche Idee politisch bekämpft werden. Also muss die Erneuerung eine generelle sein – politisch, ökonomisch und im Umgang mit dem Land. Wir brauchen das alles miteinander verzahnt, und es macht wenig Sinn, sich nur auf einen Bereich zu fokussieren. Dafür ist dieses ganze Thema des Zusammenlebens einfach zu komplex.

Die Fragen stellte Martin Bialecki.

 
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