Stunde des Autokraten

Schlusspunkt

1. January 2020 - 0:00 | von Hasnain Kazim

Internationale Politik 1, Januar/Februar 2020, S. 128

Kategorie: Political Culture, Worldwide

bitteschön.tv

Klimawandel, Migration, Krieg und Krisen – die Welt ist nicht einfacher geworden. Das ist die Stunde der Anti-Demokraten.  Markig bieten „starke Männer“ einfache Lösungen für komplexe Probleme. Ein Auszug: Erdoğan, Orbán, Modi, Duterte, bin Salman, Bolsonaro, Putin oder Großmeister Trump. Bei allen Unterschieden haben sie doch sämtlich die zehn Regeln autoritären Regierens verinnerlicht. Leider erfolgreich.

1.     Teile die Welt ein in Freund und Feind. Wer nicht für dich ist, ist gegen dich. So einfach ist das.

2.     Nenne politische Konkurrenten nicht „Gegner“, sondern „Feinde“. Stecke sie in Schubladen, verpasse ihnen Etiketten: Sie sind „Ungläubige“, „Spione“, „Verräter“, „Terroristen“, „gegen das Volk“, „unpatriotisch“, „kulturfremd“.

3.     Mache klar, dass nur du das Sagen hast. Niemand sollte sich deiner Unterstützung allzu gewiss sein. Feuere regelmäßig einen Getreuen öffentlichkeitswirksam.

4.     Lass dich wählen, manipuliere nur notfalls. Benutze dieses demokratische Instrument. Beharre darauf, dass du Demokrat bist, obwohl du antidemokratische Ziele verfolgst.

5.     Markiere stets den starken Mann. Sei für Folter und Todesstrafe. Fordere notfalls deren Wiedereinführung.

6.     Merke: Journalisten sind Feinde. Nenne sie „Lügenpresse“, „Schmierfinken“ oder „Sprachrohr des Feindes“. Lobe Hofberichterstattung als kritischen Journalismus!

7.     Sprich immer alle Feindseligkeiten offen aus. Beklage sodann, dass die Meinungsfreiheit eingeschränkt sei und dass es einen „Meinungskorridor“ gebe.

8.     Verbreite Verschwörungstheorien als unerschütterliche Wahrheit. Kommt dir jemand mit Tatsachen, schreie: „Fake News! Ich habe alternative Fakten!“

9.     Wiederhole Lügen so oft wie möglich – irgendwann fangen selbst deine Kritiker an, sie zu glauben. Oder sie geben auf, dagegen zu protestieren.

10.    Vergiss nicht das Opfernarrativ: Alle sind gegen uns und unsere „stolze Nation“. Und dann versprich im nächsten Satz, dass du uns zu altem Glanz zurückführen, das alte Reich in neuer Größe wiedererrichten wirst.
 
Herzlichen Glückwunsch, du Herrscher der Stunde!

 
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