Kaleidoskop der Perspektiven

Georg Mildes „In Transformationsgewittern“ erkundet eine Welt im Umbruch

30. August 2019 - 0:00 | von Roderich Kiesewetter

Internationale Politik, online exklusiv, August 2019

Kategorie: Medien/Information, Weltweit

16 Städte, 14 Länder auf fünf Kontinenten, 100 Gesprächspartner. Wer nimmt so etwas heute noch auf sich, im Zeitalter des „All inclusive“? Georg Milde hat es getan. Mit seinem Werk „In Transformationsgewittern“ legt der Herausgeber der Zeitschrift Politik & Kommunikation eine kaleidoskopische Momentaufnahme unserer Zeit vor – mit viel Analyse und perspektivischem Weitblick.

Seine Gesprächspartner wählte er kurzfristig, aber aus einem sehr breiten Spektrum aus, von Ministern über Forscher, Unternehmer, Studentinnen und NGO-Aktivisten bis hin zu Obdachlosen. Immer versucht er auch die Rückseite des Spiegels zu beleuchten und offizielle Statements am praktisch Erlebten zu messen, auch in den glanzlosen Vierteln Rio de Janeiros, Kigalis oder Beiruts. Das macht sein Buch so einzigartig.
 

In etlichen Bereichen drittklassig

Dieses Werk fordert den vollen Einsatz und die ganze Aufmerksamkeit der Leserschaft. Dafür steht am Ende ein großartiger Erkenntnisgewinn. Eine Momentaufnahme der Entwicklung unserer Welt, in der sich die Lage zuspitzt und bislang kaum hinterfragte Annahmen sich als überholt erweisen. Ein Kaleidoskop der Perspektiven, verbunden mit präzisen Analysen.

Einige Linien ziehen sich durch: Umgang mit Verunsicherung (Mexiko, England), Ausnutzung der guten wie der problematischen Seiten der Globalisierung (China), Angst vor Bekenntnis und Haltung (Ruanda), Abschottung der Eliten vom wirklichen Leben (Brasilien), hartnäckige Beharrungskräfte (Deutschland) und die ungeheure Impulsivität der Veränderungskraft in allen besuchten Ländern.

Deutschland kommt dabei nicht so gut weg wie erwartet, wir müssen uns anstrengen, um nicht in etlichen Bereichen drittklassig zu werden, es mangelt an Drive und Drang nach vorn. Politik wie Wirtschaft in Deutschland müssen einiges tun. Das Deutschland-Kapitel am Ende des Bandes stimmt sehr nachdenklich.

Drei Viertel seiner Reisen hat der Autor bewusst zu den größten Metropolregionen der Welt gemacht, um, wie er sich ausdrückt, der „Transformationsenergie“ nachzuspüren: Tokio, Delhi, Seoul, Shanghai, New York, São Paulo, Peking, Mexico-City, Moskau, Kairo, Rio de Janeiro und London. Dort spürte er den weltweit zu beobachtenden Umwälzungen und Entwicklungen nach. Daneben stehen auch kleinere Länder auf der Besuchsliste, ­etwa der Libanon oder Ruanda.

Brasilien erlebt der Autor in Saõ Paulo und Rio de Janeiro als Land, in dem die Konkurrenz zwischen alter und neuer Mittelschicht wächst, die Verschuldung steigt und horrende Korruption und Kriminalität das Leben unsicher machen und die Wirtschaft schädigen. Statt Bildungszugänge zu verbessern und damit Minderheiten zu integrieren, verschärft die amtierende Regierung die Klassentrennung. Konsum auf Kosten von Natur, Umwelt und einer geordneten Entwicklung wirkt als Narkotikum und dient der Nachahmung des Lebensstils von Neureichen, statt Bildung, Partizipation und Teilhabe zu ermöglichen. Ein Land, das sich gefährlich nahe am Abgrund befindet.

Im Libanon stehen sich derweil nicht weniger als 18 Religionsgruppen gegenüber, die teilweise ausgesprochen fundamentalistisch orientiert sind. Zusammen mit wachsender politischer und ökonomischer Instabilität ist das eine explosive Mischung, Milde spricht vom „Labor der Globalisierung“.

Von dort führt die Reise weiter nach Ägypten, ein Land, das gelähmt ist durch Ungleichheit, Korruption und geringe soziale Mobilität. Die politische Führung lebt in Angst vor Aufständen und versucht sich das Wohlwollen der Bevölkerung durch Subventionen und Preisdeckelungen zu erkaufen. Die Gesellschaft ist gespalten, die Medien berichten nicht frei. Wer es sich leisten kann, flüchtet in Konsum oder verlässt das Land.

Kaum anders in Kenia. Zwar sind hier moderne Tendenzen stärker ausgeprägt als in Ägypten, etwa bargeldloser Zahlungsverkehr via Handy. Doch die schwierige Sicherheitslage bremst die Entwicklung. Der Wunsch, das Land hinter sich zu lassen, wächst auch hier. 

Hinzu kommen die Folgen des Klimawandels – die permanente Dürre ist zur Normalität geworden. Radikaler als in Ägypten wirkt sich der islamistische Extremismus aus. Das hat auch demografische Ursachen: Die Hälfte der kenianischen Bevölkerung ist minderjährig; 80 Prozent aller Arbeitslosen sind unter 35. Der Arbeitsmarkt schafft es bei weitem nicht, die jährlich zusätzlich benötigten 800.000 Arbeitsplätze zu generieren. Der HI-Virus breitet sich in besorgniserregender Weise aus. Der nur partiell funktionierende Staat hinterlässt Freiräume, in die islamistischer Terror und organisierte Kriminalität stoßen. 

Wesentlich positiver wirken zunächst Mildes Eindrücke aus Ruanda. Die öffentliche Infrastruktur wirkt 25 Jahre nach dem verheerenden Völkermord überraschend geordnet. Es gibt so gut wie keine Flüchtlinge und auch keine Auswanderung. Der Staat betreibt aktive Korruptionsbekämpfung.

Auf den zweiten Blick aber laufen die Dinge nicht ganz so rund. Die Angst vor dem Sicherheitsapparat ist groß. Der Staat verspricht wiederholt Wohlfahrt und Transparenz, doch ist er im Grunde eine Diktatur. Zuletzt ist das Ausmaß der Staatsgewalt gegen Oppositionsgruppen wieder gestiegen.

Das spiegelt sich auch im Bildungssystem. Kritisches Denken spielt hier keine Rolle, man glaubt an Hierarchien und ist nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen. Einziger Hoffnungsschimmer bleibt die stärkere Rolle der Frau, die allerdings viel damit zu tun hat, dass der Völkermord insbesondere an Tutsi-Männern verübt wurde. Die Frage bleibt: Wie lange geht das noch gut, über welche Ventile baut sich der aufgestaute Druck ab?
 

Von Afrika nach Asien

Der Sprung von Afrika nach China ist ein gewaltiger. Er ist der Sprung in ein prosperierendes Land: Bis zum Jahr 2030 will man Weltmarktführer in Künstlicher Intelligenz sein und in allen Wirtschaftssektoren bis 2049. Die Schlüsselherausforderung dabei ist die Transformation von der Schwerindustrie zur digitalisierten Wirtschaft.

Doch auch hier gilt: Wenn die materiellen Ansprüche der Bevölkerung wachsen, wenn es gilt, erhebliche Umweltschäden zu vermeiden, wenn die Regierung eine soziale Verhaltenssteuerung durch ein rigoroses Überwachungssystem- und Bewertungssystem anstrebt und dadurch in enormem Umfang Daten sammelt, dann macht all das ein immer aufwendigeres staatliches System erforderlich – ein System, das letztlich zum gefährlichen Gegenmodell des aufgeklärten Liberalismus westlicher Prägung werden wird. Ausgang offen.

Was Milde über Südkorea schreibt, ist besonders überraschend. Denn entgegen unseren intuitiven Einschätzungen zeigt er ein sehr verschlossenes Land, in dem es schwer ist, eine persönliche Beziehung zu den Menschen aufzubauen, die über Höflichkeiten hinausginge. Milde beschreibt eine vergleichsweise junge Demokratie, die zwar prosperiert, aber verunsichert ist und Angst vor Fremdbestimmung hat. Südkorea ist ein ausgesprochen strukturkonservatives Land mit einem hohen Arbeitsethos und großem Misstrauen gegenüber ausländischen Einflüssen – auch wenn das angesichts der weltweiten Präsenz südkoreanischer Spitzenprodukte überraschen mag.

Ein Bogen zu Kenia lässt sich insofern schlagen, als beide Staaten Anfang der 1960er Jahre demografisch und ökonomisch ähnliche Voraussetzungen hatten. Doch heute hat Südkorea ein zwanzigmal höheres Bruttoinlandsprodukt als Kenia aufzuweisen und muss, andererseits, mit einer deutlich überalterten Gesellschaft kämpfen. 

In Japan, wo man die Südkoreaner gern „die Deutschen Asiens“ nennt, macht Milde eher enttäuschende Erfahrungen. Er spricht von einer „tresorischen“ Gesellschaft – einer überalterten Gesellschaft, die in sich verharrt, an Konventionen glaubt und vom Erreichten zehrt. Es mangele an Hunger nach neuem, an Kreativität, an Eigeninitiative und Querdenkerei. Eine Einschätzung, die der Autor dieser Zeilen aus eigener Anschauung für zu pessimistisch hält. Gerade der regionale Wettbewerbsdruck und selbst der demografische Wandel dürften Japan zu neuen Höchstleistungen anspornen.

Neben China ist Indien eher in den Hintergrund der öffentlichen Wahrnehmung geraten, zu Unrecht. Es wird bald das bevölkerungsreichste und dynamischste Land der Erde sein. Die größte Herausforderung ist die Überwindung des Kastendenkens, etwa durch Bildungsförderung. Dafür, dass das gelingen kann, sprechen der Aufstiegswille und die Bildungsbeflissenheit, die weite Teile der Gesellschaft auszeichnen. Als wichtige Hemmfaktoren sind der abwertende Umgang mit Frauen und die wachsende religiöse Intoleranz zu werten. Als Demokraten sollte uns die Entwicklung Indiens am Herzen liegen – vielleicht lässt sich der Druck, der von China ausgeht, durch intensivere politische und ökonomische Allianzen mit dem großen Subkontinent ausbalancieren.
 

Herzkammer des globalen Kapitalmarkts

Weiter geht es zur früheren Kolonialmacht des Subkontinents, nach England. Zielort ist London, immer noch die Herzkammer des globalen Kapitalmarkts und ein Schmelztiegel der Globalisierung. Allerdings zeigt Milde, wie auch hier die Parallelgesellschaften wachsen. Zudem sind die Aufstiegschancen extrem begrenzt – dafür sorgen die elitären Einflusszirkel. Die Kluft zwischen dem bunten Bild, das man von sich zeichnet, und den tatsächlichen Möglichkeiten begabter aufstiegswilliger Briten ist beträchtlich und wird sich Mildes Einschätzung zufolge mit dem Brexit noch vertiefen. Und dann ist da noch die permanente Kameraüberwachung der Menschen, die auf die Terroranschläge in der jüngeren Vergangenheit zurückgeht. Wenn wir eine solche Praxis in China kritisieren, sollten wir es auch im Westen tun.

Die USA schildert Milde als geteiltes Land, in dem Abstiegsängste weit verbreitet sind. Reisenden aus Europa fällt seit gut zwei Jahrzehnten die immer maroder werdende Infrastruktur außerhalb der Metropolregionen auf. Dennoch bleiben die USA in etlichen Wirtschaftsbereichen weltweit führend, besonders bei der Anwendung von Digitalisierungsprodukten. Diese Position werden sie auch halten, gleichwohl ganze Landstriche abgehängt bleiben werden. Hoffnungsvoll stimmen die Begeisterung für Neues und die Macher-Mentalität, die sich nicht von Bürokratie und Bedenkenträgern aufhalten lässt. Gerade hier könnten wir Deutschen uns einiges abschauen.

Das vorletzte Ziel seiner Erkundungsreise führt Milde nach Mexiko, ein Land, das Kriminalität und Korruption in die Apathie geführt haben. Weite Teile der Bevölkerung leben in Angst vor Gewalt, Entführung und Mord. Mexiko wirkt nicht nur geografisch eingezwängt zwischen dem unerreichbaren verlockenden reichen Norden und den weitaus ärmeren Staaten Mittelamerikas. Es hat auch jede Menge hausgemachte Probleme, vom verheerenden Umgang mit der indigenen Bevölkerung bis zu einer Elite, die sich im Wesentlichen selbst bereichert und keinerlei Interesse an Teilhabe und Veränderung hat. Dass Mexiko als Wirtschaftsnation auf Platz 15 von 193 steht, nutzt da nicht viel – die Erfolge kommen nur wenigen zugute.

Als letztes Reiseziel der Tour um die Welt hat Milde Russland gewählt. Hier mangelt es nicht nur an einem breiten Mittelstand, sondern auch an einer funktionierenden Zivilgesellschaft. Und doch existiert in Russland eine breite Bewegung, die interessiert am wirtschaftlichen Aufstieg ist. Milde weist dies anhand sorgfältig ausgewählter Gesprächspartner nach – Juristen, Ökonomen, Lehrer, Studenten oder Computervertreter. Diese Menschen träumen vom ökonomischen Aufstieg, ziehen sich aber in Zeiten der stärker werdenden Repression immer mehr ins Private zurück. Wohin treibt Russland? Das bleibt unsicher.

Plädoyer für die freiheitliche Gesellschaft

Mildes Werk, in anschaulicher bilderreicher Sprache verfasst, ist ein flammendes Plädoyer für die freiheitliche selbstbestimmte Gesellschaft. Es steht ein großes Fragezeichen über dem „Wie weiter?“, jedenfalls wird es kein „Weiter so“. Manches wird schneller kommen oder anders, aber nichts bleiben, wie es ist.

Seit seiner Reise vor gut einem Jahr und mit der zweiten Auflage des Buches ist die geopolitische Lage nicht besser geworden. Brasilien gefährdet mit der neuen Regierung Bolsonaro noch stärker das ökologische Erbe des Amazonas, China wird immer deutlicher als Kontroll- und Sanktionierungsstaat zum Gegenmodell des europäischen Westens, in Ruanda geht der Regierungschef immer brutaler gegen Oppositionelle vor, in Moskau zeichnet sich eine weitere gewaltsame Unterdrückung der Opposition ab.

Auch wer sich vor dicken Bänden scheut, sollte zu dem Werk greifen, bereits allein die aus den Reiseerfahrungen hergeleiteten sehr verdichteten „12 Thesen zur Transformation weltweit“ am Ende des Buches verdienen vertiefte Lektüre. Sie zeigen sechs Bremsfaktoren und sechs Energiequellen für Veränderungen auf. Das Buch spürt diesen Veränderungen, seinen Treibern wie Beharrungskräften nach, wandelt die Perspektive und schärft den Verstand.

Georg Milde: In Transformationsgewittern. Eine Reise um die Welt zu den Schauplätzen des Umbruchs, B&S Siebenhaar Verlag, Berlin/Leipzig 2018, 542 Seiten, 2. Auflage.

 
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