Schlechte Verkäufer

1. November 2014 - 0:00

IP Länderporträt 3, November 2014-Februar 2015, S. 16-21

Kategorie: Wirtschaft & Finanzen, Frankreich

Der französische Außenhandel krankt seit Jahren, die Industrie verliert an Bedeutung. Der Grund sind strukturelle Probleme im Unternehmertum und Arbeitsrecht. Und obwohl der Staat aktiv die Vermarktung von Energie- und Rüstungsprodukten wie Atomreaktoren und Kampfflugzeugen vorantreibt, stagniert deren Absatz im Ausland.

Die Franzosen erzeugen tolle Produkte, keine Frage: Von Käse und Wein bis hin zu Flugzeugen und Satelliten. Doch eine florierende Exportnation ist Frankreich deswegen noch lange nicht. Als Verkäufer haben Franzosen im internationalen Geschäft nur mäßigen Erfolg. Ausgerechnet ihre technologischen Spitzenprodukte – Atomreaktoren, Hochgeschwindigkeitszüge und Rüstungsgüter – verkaufen sich auf dem Weltmarkt nicht so gut, wie die Regierung es gerne hätte und es der Wirtschaft gut täte.

Im vergangenen Jahr lag das französische Außenhandelsdefizit bei satten 61 Milliarden Euro, während Deutschland einen Rekordüberschuss von fast 200 Milliarden Euro aufwies. Zwar ist es Frankreich gelungen, das Defizit in den vergangenen Jahren etwas zu reduzieren – 2011 waren es noch 74 Milliarden Euro – doch der letzte Überschuss, den Frankreich verbuchte, liegt mehr als zehn Jahre zurück. In Europa ist der Marktanteil französischer Exporte zwischen 2000 und 2011 von rund 13 auf 9 Prozent gesunken.  

Warum hat Frankreich es auf dem Weltmarkt so schwer? Sind die Franzosen schlechte Verkäufer? Es gibt durchaus Erfolgsgeschichten im französischen Außenhandel: Flugzeuge und Satelliten etwa, die Frankreich zwischen Oktober 2012 und Oktober 2013 im Wert von 51 Milliarden Euro ausgeführt hat. Es folgen pharmazeutische Erzeugnisse für 27 Milliarden Euro und Autos für 23 Milliarden Euro. Im Umfang geringer, aber für das Image um so bedeutender sind typisch französische Produkte wie Parfum (10,7 Milliarden), Wein (7,8 Milliarden) und Käse (6,1 Milliarden Euro).

Aber selbst beim Wein muss Frankreich Rückschläge einstecken. Bis vor kurzem galt China noch als Lieblingskunde mit gigantischem Potenzial, denn dort ist sind Spitzenweine aus Bordeaux ein beliebtes „Geschenk“. Doch seit Xi Jinping sich den Kampf gegen Korruption auf die Fahnen geschrieben hat, sind diese Exporte eingebrochen. 2013 lieferte die berühmteste Weinregion Frankreichs 16 Prozent weniger als im Vorjahr nach China.

Hang zur Nabelschau

Der schlechte Zustand der Exportwirtschaft hat in erster Linie strukturelle Gründe: Es fehlt der exportstarke Mittelstand. Der Staat unterstützt traditionell die Industrieriesen, an denen er teils selber Anteile hält und sich bis hin zu Personalfragen kräftig einmischt – vom Atomkonzern Areva bis zum Autobauer PSA Peugeot Citroën. Nicht zu unterschätzen sind aber auch Mentalitätsunterschiede: Frankreich hat einen Hang zur Nabelschau, der dazu führt, das der Binnenmarkt fast immer Priorität hat. Viele Unternehmer stammen aus einer Generation, die Fremdsprachen eher passiv gelernt haben. Das erleichtert nicht gerade den Austausch mit anglophonen Kunden. Und schließlich rechnen internationale Kunden damit, dass sie das ganze Jahr hindurch Ansprechpartner haben, was sich nur schlecht mit der in Frankreich weit verbreiteten Praxis sommerlicher Betriebsferien vereinbaren lässt.

In den vergangenen zehn Jahren hat Frankreich den allmählichen Niedergang seiner Industrie erlebt. Louis Gallois, ehemaliger Chef des Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS, zog in einem viel beachteten Bericht für die Regierung im November 2012 eine düstere Bilanz: „Alle Indikatoren bestätigen es: Die französische Industrie ist seit zehn Jahren auf dem absteigenden Ast, und die Tendenz beschleunigt sich weiter. Das wachsende Außenhandelsdefizit verdeutlicht die Schwierigkeiten, die wir im Vergleich zu den anderen europäischen Industrienationen haben.“

In Frankreich ist die Unternehmerkultur deutlich weniger ausgeprägt als in anderen Ländern. Staatlicher Interventionismus hat eine lange Tradition. Kleine und mittlere Unternehmen leiden unter mangelnder Flexibilität des Arbeitsmarkts. Zeitverträge sind beispielsweise nur unter sehr detailliert beschriebenen Bedingungen möglich, und wer einmal einen unbefristeten Vertrag hat, ist nur schwer kündbar. Am überfälligen Bürokratieabbau haben sich schon mehrere französische ­Präsidenten vergeblich versucht. François Hollande versprach während des Wahlkampfs einen „Schock der Vereinfachung“, der bislang aber ausgeblieben ist. Und weil alles so kompliziert ist, verzichten viele Unternehmer bewusst darauf, die Belegschaft zu vergrößern.  

Die Wettbewerbsfähigkeit wird nicht zuletzt durch die hohen Arbeitskosten stark behindert. Im Jahr 2012 kostete eine Arbeitsstunde einen französischen Arbeitgeber im Schnitt 35 Euro, seinen deutschen Kollegen nur 31,50 Euro. Ein mittelständisches Unternehmen muss in Frankreich derzeit knapp 65 Prozent Steuern und Abgaben zahlen, in Deutschland sind es knapp 50 Prozent. Dass die niedrigen Arbeitskosten in Deutschland das Ergebnis der unter Gerhard Schröder begonnenen Reformen sind, ist auch in Frankreich bekannt. „Agenda“, „Hartz“ und „sozialer Dialog“ sind Worte, die französischen Politikern mittlerweile gut über die Lippen gehen. Bei manchen klingt es bewundernd, bei anderen eher skeptisch.

Für die französischen Gewerkschaften sind die deutschen Reformen jedoch ein rotes Tuch. Lohnzurückhaltung, Minijobs und die späte Einführung des flächendeckenden Mindestlohns hätten in Deutschland in erster Linie das Armutsproblem verschärft, heißt es. „Hollande soll endlich mal Merkels ­Rockzipfel loslassen“, schimpfte der Vorsitzende der Gewerkschaft CGT, Thierry Lepanon. Das bittere Fazit in Frankreich: Die Industrie trägt nur noch 10 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei, in Deutschland ist der Anteil mehr als doppelt so hoch. Seit den achtziger Jahren sind in der französischen Industrie zwei Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen.

Handlungsreisender ohne neue Aufträge

Wenn ein französischer Präsident im Ausland unterwegs ist, dann ist er immer zugleich auch Frankreichs wichtigster Handlungsreisender – u.a. für Atomkraftwerke, Hochgeschwindigkeitszüge und Rüstungsgüter. Bei all diesen Exportgütern hat es in den vergangenen Jahren allerdings erhebliche Probleme gegeben. So hätte der europäische Druckwasserreaktor EPR – an dessen Entwicklung auch Siemens beteiligt war – nach französischen Vorstellungen längst ein internationaler Verkaufsschlager werden sollen. Die im Bau befindlichen Prototypen in Finnland, Frankreich und China haben sich jedoch um Jahre verzögert und sind deutlich teurer geworden als ursprünglich geplant.

Der Atomreaktor im finnischen Olkiluoto etwa sollte ursprünglich 2009 ans Netz gehen – nach der jüngsten Terminkorrektur wird es nun 2018. Die Baukosten haben sich von drei Milliarden Euro auf mindestens 8,5 Milliarden Euro nahezu verdreifacht. Mit einer solchen Pannengeschichte dürfte es schwer werden, neue Kunden für den EPR zu werben. Abu Dhabi hatte sich 2009 trotz französischer Lobbyarbeit für den Kauf koreanischer Atomkraftwerke von Kepco-Hyundaï entschieden. Der französische EPR war ihnen zu teuer. Damit gingen Frankreich schätzungsweise 30 Milliarden Euro verloren. Der Atomkonzern Areva setzt seine Hoffnungen nun auf Saudi-Arabien, China, Indien und Polen. Konzernchef Luc Oursel hatte sich zum Ziel gesetzt, bis 2016 zehn EPR-Reaktoren zu verkaufen – doch davon ist Areva noch weit entfernt.

Auch beim Verkauf der TGV-Züge hat Frankreich heftige Schlappen erlebt: 2010 musste Alstom mit ansehen, wie der Zugbetreiber Eurostar für seine Strecke unter dem Ärmelkanal erstmals Züge beim deutschen Konkurrenten Siemens bestellte. Ein Jahr später vergaben die Saudis einen Milliardenauftrag zum Bau einer Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Mekka und Medina an ein spanisches Konsortium und nicht an das französische Tandem SNCF-Alstom.

Bei den Rüstungsgütern sieht es nicht unbedingt besser aus. Bislang hat der Dassault-Konzern trotz intensiver Bemühungen mehrerer Staatschefs noch kein einziges Rafale-Kampfflugzeug ins Ausland verkauft. Sowohl die Vereinigten Arabischen Emirate als auch Brasilien verzichteten letztlich auf den Kauf französischer Modelle. Frankreich hofft seit Jahren auf einen Großauftrag aus Indien. Doch die Verhandlungen über den Kauf von 126 Rafale-Flugzeugen für etwa 8,6 Milliarden Euro verlaufen eher zäh.

Der Verkauf zweier Hubschrauberträger vom Typ Mistral an Russland schien zunächst eine Erfolgsgeschichte zu werden. Der damalige Präsident ­Nicolas Sarkozy hatte das Geschäft in Höhe von 1,2 Milliarden Euro 2008 ausgehandelt und 2011 unterzeichnet. Doch dann kam der Ukraine-Konflikt, und die westlichen Partner machten Druck auf Frankreich, Russland in dieser Situa­tion nicht auch noch mit Kriegsschiffen zu beliefern. Hollande blieb nichts anderes übrig, als die Auslieferung des ersten Schiffes zu suspendieren. Als Bedingung für die Auslieferung hatte Frankreich einen Waffenstillstand in der Ukraine und eine politische Übereinkunft genannt. Sollte dies nicht zustande kommen, könnte Frankreich sich gezwungen sehen, den Verkauf rückgängig zu machen. Dann müsste nicht nur der Lieferpreis zurückerstattet werden, sondern es wäre vermutlich auch eine Vertragsstrafe fällig. Und darüber hinaus wäre Frankreichs Image als solider Vertragspartner auf dem internationalen Rüstungsmarkt beträchtlich angekratzt. Kein gutes Omen für den Rafale-Verkauf an Indien.

Der Einbruch der französischen Exporte – und die erbärmliche Lage der französischen Wirtschaft insgesamt – ist für Deutschland alles andere als eine gute Nachricht. Als Premierminister Manuel Valls im September in Berlin mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammentraf, war die Botschaft klar: Frankreich muss sich reformieren und sich an seine Verpflichtungen halten, insbesondere an den Stabilitäts- und Wachstumspakt. Der Abstand zwischen Deutschland und Frankreich darf nicht weiter wachsen. Deutschland braucht ein wirtschaftlich gesundes Frankreich an seiner Seite, das sich auch als Exportnation bewährt.


Dr. Ulrike Koltermann arbeitet als freie Journalistin in Paris.
 

 
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