Allez les nerds

1. November 2014 - 0:00 | von Malte Buhse

IP Länderporträt 3, November 2014-Februar 2015, S. 44-49

Kategorie: Wirtschaft & Finanzen, Bildung, Informationstechnologie, Frankreich

Sie ist der Lichtblick im Grau der Wirtschafts-Tristesse. Frankreichs IT-Branche ist kreativ, erfolgreich und verfügt über beste Fundamente: die starke naturwissenschaftlich-technische Ausrichtung der Schulen und Universitäten, reichlich und langfristig zur Verfügung gestelltes Wagniskapital – und eine Politik, die es in diesem Sektor mal richtig macht.

Das britische Wirtschaftsmagazin The Economist druckte 2012 auf seinem Titel fünf Baguettestangen, die zu einer Bombe zusammengebunden waren, die Zündschnur war schon fast abgebrannt. Das Handelsblatt zeigte im August einen schwitzenden, bleichend Napoleon mit Fieberthermometer im Mund, darunter die Zeile „Der französische Patient“. Ganz Gallien scheint von der Krise erfasst. Ganz Gallien? Nein. In hellen Büro-Lofts arbeiten junge Franzosen mit Abschlüssen von Eliteuniversitäten an der Zukunft. Dort gründen sie Unternehmen, verdienen Millionen und schaffen neue Arbeitsplätze. Auch diese Szenen passen, denn Frankreich ist in den vergangenen Jahren zum Silicon Valley Europas geworden.

Unternehmen wie der Computerhersteller Bull und der Online-Werbegigant Criteo gehören inzwischen zu den erfolgreichsten IT-Firmen der Welt. Entwicklerstudios wie Ubisoft produzieren Blockbuster-Computerspiele wie die Assassin’s-Creed-Reihe, die weltweit Milliarden einspielen. Und die lebendige und erfolgreiche Start-up-Szene muss sich selbst vor den genialen Erfindern aus Kalifornien nicht verstecken. Die traditionelle Industrie befindet sich in einer Krise. Aber gewissermaßen „gleich nebenan“ gibt es einen Wachstumserfolg, gefertigt aus Mikroprozessoren, Festplatten, Daten und Programmcodes. Die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt ist gerade dabei, sich mit Hilfe der Informationstechnologie neu zu erfinden.

Alles, was man für einen Technologieboom braucht

Die Voraussetzungen dafür sind gut. Das Land hat alles, was man für einen Technologieboom braucht. „Das fängt schon ganz vorne an, beim Bildungssystem“, sagt Marcus Knupp, der für Germany Trade and Invest (GTAI) seit Jahren die französische Wirtschaft beobachtet. „Im Schulsystem und vor allem an den Universitäten sind Naturwissenschaften und angewandte Mathematik wichtige Schwerpunkte.“ Das legt die Grundlagen, denn Informatik, Programmieren und Softwareentwicklung sind in großen Teilen vor allem angewandte Mathematik. Der entscheidende Unterschied ist aber weniger ein organisatorischer, sondern vielmehr ein kultureller: Schüler und Studenten müssen nur selten zu Mathematik gezwungen werden. „Mathematik ist cool, wer Mathe kann, gilt als intelligent“, sagt Jean-François Chianetta, eine der neuen französischen Unternehmerhoffnungen.

In nur vier Jahren hat Chianetta ein Unternehmen aufgebaut, das inzwischen Großkonzerne wie L’Oréal und Disney beliefert. „Augment“ heißt es und ist ein gutes Beispiel für die günstigen Bedingungen, von denen die IT-Industrie in Frankreich profitiert, den „Cocktail aus unterschiedlichen Faktoren, die sich gegenseitig verstärken“, wie Marcus Knupp es nennt.

Schon während des Studiums an der Universität Mons in Belgien arbeitete Chianetta an den ersten Geschäftsideen und kam schließlich auf das Konzept für „Augment“. Sein Produkt ist eine Software, mit der man bequem vom Sofa aus schauen kann, wie sich der Schrank aus dem Möbelkatalog im eigenen Wohnzimmer machen würde. Dafür muss man nur die „Augment“-App auf seinem Smartphone oder Tablet öffnen, den Schrank aus einem Katalog auswählen und die Kamera des Geräts auf die Stelle halten, wo das neue Möbelstück stehen soll. Die Software erstellt dann ein Bild, auf dem der Schrank im echten Wohnzimmer steht. „Augmented Reality“, „erweiterte Realität“, heißt diese Technik.

Mit seinem Programm war Chianetta so erfolgreich, dass er die Arbeit bald alleine nicht mehr schaffen konnte und Mitarbeiter brauchte. Die zu finden, war nicht schwer. „Es gibt einen großen Talentpool an gut ausgebildeten Programmierern, Informatikern und Softwareentwicklern in Frankreich“, sagt Chianetta. „Das hilft sehr, wenn man als junges IT-Unternehmen wachsen will.“ Ein Grund dafür sind die großen Eliteuniversitäten mit technischem und naturwissenschaftlichem Profil, wie zum Beispiel die berühmte École polytechnique im Pariser Vorort Palaiseau. Aber auch kleinere Universitäten bieten IT-Studiengänge mit hervorragendem Ruf an. Und bald wird es in Frankreich noch etwas Einzigartiges geben: eine Eliteuniversität für die IT-Welt.

Im 17. Arrondissement im Nordwesten von Paris entsteht gerade ein futuristisches neues Gebäude, in dem demnächst die „École 42“ zuhause sein wird. „Born to code?“, fragt sie in ihrem Slogan. „Geboren, um zu programmieren?“. Die „École 42“ will die Kaderschmiede für die digitale Wirtschaft sein. Gegründet wurde sie unter anderem von Xavier Niel und Nicolas Sadirac, zwei Größen der IT-Industrie. Niel ist Gründer und Chef des Telekommunikationskonzerns Iliad, der in den vergangenen Jahren mit Kampfpreisen den französischen Mobilfunkmarkt umgekrempelt hat und gerade Aufsehen erregt, weil er die US-Tochter der Deutschen Telekom übernehmen will. Sadirac hat unter anderem das IT-Sicherheitsunternehmen Intrinsec gegründet. Mit der „École 42“ wollen sie die Erfinder und Unternehmer von morgen ausbilden. Bald soll der erste Jahrgang mit dem vierjährigen Studium starten. Zahlen werden die Studenten nichts, die neue Elite-Uni der Technologiewelt erhebt keine Studiengebühren. Man braucht auch keinen speziellen Schulabschluss. Wer angenommen werden will, muss einfach nur gut sein. Kreativ, mutig, bereit, die Welt neu zu erfinden.

„Genau das sind die großen Stärken der Franzosen“, sagt John Rauscher, Chef der Softwarefirma „Yseop“. „Wir sind vielleicht nicht immer so diszipliniert, aber dafür kreativ und immer offen für Neues.“ Französische Programmierer seien deswegen auf der ganzen Welt gefragt. Rauscher lebt inzwischen in Dallas, wo Yseop ein Büro eröffnet hat, um den amerikanischen Markt zu erschließen. Das Unternehmen hat eine Software entwickelt, die automatisch Texte schreibt: Artikel für Firmenwebseiten, Zusammenfassungen von Meetings, Rechercheberichte. Zu den Kunden gehört unter anderem die Großbank Société Générale. Auch Yseop ist eine dieser französischen IT-Erfolgsgeschichten. „Der Kern unserer Technologie wurde vor 17 Jahren an einer französischen Universität entwickelt“, sagt Rauscher.

Das kreative Talent der Franzosen und die starke naturwissenschaftliche und technische Ausrichtung in Schulen und Universitäten sind aber nur zwei Faktoren, die die IT-Industrie in Frankreich so stark machen. Der dritte wichtige Faktor ist überraschend: In der IT macht ausgerechnet der französische Staat ausnahmsweise mal vieles richtig.

Dass Jean-François Chianetta mit seinem Unternehmen so schnell wachsen und bereits Kunden aus den USA gewinnen konnte, lag auch an „Le Camping“, einem Wettbewerb, an dem unter anderem die Lokalregierung der Ile-de-France, der Region um die Hauptstadt Paris, beteiligt ist. Jedes Jahr werden für „Le Camping“ zwölf französische Technologie-Start-ups ausgewählt und bekommen kostenlose Existenzgründerworkshops und vor allem die Möglichkeit, ihre Ideen Investoren aus der ganzen Welt zu präsentieren. Auch der Kontakt zu Unternehmen wie Google, einem Investor von „Le Camping“, hilft den jungen Start-ups. Jean-François Chianetta gewann mit dem Konzept für „Augment“ einen Platz in dem Wettbewerb und damit wertvolle Kontakte zu Investoren, die ihm das weitere Wachstum finanzierten.

Außerdem unterstützt der Staat Technologie-Start-ups, indem er Wagnis­kapital organisiert und absichert. „An Kapital zu kommen, ist für Technologieunternehmen in Frankreich kein Problem“, sagt daher John Rauscher. „Vor allem denken viele Wagniskapitalgeber hier langfristiger als zum Beispiel in den USA. Das ist für Unternehmen wie unseres sehr wichtig, denn Systeme für künstliche Intelligenz, wie wir sie entwickeln, sind ein Langzeitinvestment.“ Neben Gründerwettbewerben und der staatlichen Investitionsbank gibt es für Technologieunternehmen zudem zahlreiche Steuererleichterungen, die gerade den jungen Firmen helfen, die schwierigen ersten Jahre zu überstehen.

So kommt es, dass Unternehmer wie John Rauscher Sätze sagen, die man in Frankreich sonst nur selten hört, wie „Die Ministerin hat hervorragende Arbeit geleistet“. Allerdings: Rauscher meint damit die ehemalige Ministerin für die digitale Wirtschaft, Fleur Pellerin, die ihr Amt inzwischen auch schon wieder los wurde und nun für Kultur zuständig ist. Um die IT-Branche kümmert sich seit April Axelle Lemaire. „Diese häufigen Wechsel sind ein Problem“, sagt dann auch Rauscher. „Wir brauchen mehr Stabilität.“

Wird sich der Staat in Zukunft auch in der IT-Branche aktiv einmischen?

Zuletzt ist der Ton zwischen dem aufstrebenden Technologiesektor und der Politik ohnehin rauer geworden. „Die französische Wirtschaft ist kein Spiel“, mit diesen Worten machte der Co-Gründer der Videoplattform Dailymotion, Benjamin Bejbaum, im Mai vergangenen Jahres seinem Ärger auf Twitter Luft. Gerade hatte der damalige Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg die Übernahme von Dailymotion durch den amerikanischen Internetkonzern Yahoo per Dekret verhindert. Möglich war das, weil der französische Staat 27 Prozent der Anteile der Muttergesellschaft von Dailymotion, ehemals France Télécom, heute Orange hält. Montebourg begründete sein Veto damals mit dem schlechten „Gesundheitszustand“ von Yahoo. Das hat die Beziehung zwischen Politik und Hightech-Industrie empfindlich gestört. Viele Unternehmer fürchten, dass sich der Staat bald auch in ihre Geschäfte so stark einmischt wie in das Schicksal von Stahlwerken und Autokonzernen – und dabei ähnlich viel Schaden anrichtet.

Vor allem weil die Blockadehaltung des linken Sozialisten Montebourg nicht der Amoklauf eines einzelnen Politikers ist. „Das entspricht durchaus der Mehrheitsmeinung in Frankreich“, sagt Marcus Knupp. „Es gibt hier dieses latente Misstrauen gegen amerikanische Internetkonzerne, das auch hinter dem Fall Yahoo und Dailymotion steckte.“ Tatsächlich macht es Frankreich bei aller Technikaffinität vielen Technologieunternehmen nicht gerade leicht. Die Regierung wirbt seit Jahren am lautesten für eine staatliche Regulierung von Google und Facebook. Auch Apple sehen viele Franzosen sehr kritisch, weil das Unternehmen seine Gewinne geschickt verschiebt und dadurch nur wenig Steuern zahlt. Und zuletzt bereiteten die Franzosen dem Videostreamingdienst Netflix bei dessen Markteintritt einen ungemütlichen Empfang. Weil Netflix sein Europa-Hauptquartier in Amsterdam hat, muss das Unternehmen nicht die berüchtigte Abgabe zur Unterstützung der französischen Kulturindustrie zahlen. Das sei eine Form von Kulturdumping und gefährde die anspruchsvolle Kulturpolitik in Frankreich, schimpfte Guillaume Prieur, Direktor für europäische Angelegenheiten der Société des Auteurs et Compositeurs Dramatiques (SACD), die die Urheberrechte von Künstlern schützt.

Diese störrische und konservative Beschützerhaltung für die französische Kultur, die „exception culturelle“, wird im Ausland oft als Technologiefeindlichkeit missverstanden. In Wirklichkeit ist sie eine Mischung aus kulturellem Nationalstolz und einem traditionellen Anti-Amerikanismus, den die Franzosen seit langem pflegen. Das heißt noch lange nicht, dass sie technische Neuerungen grundsätzlich ablehnen. Aber man möchte gerne, dass diese Neuerungen aus Frankreich und eben nicht aus den USA stammen. Auch deswegen ist Dailymotion mit 100 Millionen Nutzern der einzige ernstzunehmende Konkurrent des US-Marktführers YouTube, und der Musikstreamingdienst Deezer mit dem Ruf, eine französische Alternative zu US-Firmen wie Napster zu sein, erfolgreich. „Das Misstrauen gegenüber US-Unternehmen schafft eine große Binnennachfrage nach französischer IT-Technologie“, sagt Marcus Knupp. Letztendlich profitiere die französische IT-Industrie daher sogar von den Streitigkeiten der Regierung mit Google, Apple und Netflix.

Die entscheidende Frage am Ende wird aber sein: Kann die IT-Industrie Frankreich retten? Kann sie irgendwann eine Rolle spielen, wie sie die klassische Industrie jahrzehntelang gespielt hat, und für sichere Arbeitsplätze sorgen? Noch sind beide Bereiche – die neue und die alte französische Wirtschaft – weit voneinander entfernt. Etwa 1,15 Millionen Arbeitsplätze bietet die IT-Technologie momentan, schätzt die Unternehmensberatung McKinsey. Das ist nur etwa halb so viel wie zum Beispiel die Automobilindustrie. Doch die Branche wächst extrem schnell und trägt bereits jetzt ein Viertel zum Wirtschaftswachstum Frankreichs bei. Und IT-Technologie unterwandert immer stärker andere Industrien und lässt die Grenzen zwischen Branchen verschwimmen. Auch das lässt sich gut am Beispiel der Autohersteller beobachten, die schon seit Jahren zu den besten Arbeitgebern für Programmierer gehören. Im Zeitalter von selbstfahrenden Autos könnten sie endgültig zu IT-Konzernen werden, die wie Apple die Hardware nur noch von Zulieferern bauen lassen.

Wo IT anfängt und wo sie aufhört, wird man dann nur noch schwer sagen können. Die Technologie wird in jedem Arbeitsplatz stecken und davon wird profitieren, wer früh die Grundlagen gelegt hat. So wie es Frankreich gerade macht.


Malte Buhse ist Gesellschafter im Journalistenbüro „Weitwinkel Reporter“ und schreibt u.a. für ZEIT, Handelsblatt und Tagesspiegel.

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