China im Jahr 2030

1. July 2015 - 0:00 | von Bernhard Bartsch

IP Länderpoträt 2, Juli-Oktober 2015, S. 56-61

Kategorie: Staat und Gesellschaft, Volksrepublik China

Der Markt für Prophezeiungen zu China boomt – Ausdruck des Wunsches, Unsicherheit und Komplexität zu reduzieren. Dabei sind Vorhersagen selten mehr als eine Mischung aus fortgeschriebener Vergangenheit und Bauchgefühl. Die Szenariomethode versucht, den Blick für Alternativen zu schärfen. Wie sieht China in 15 Jahren aus? Fünf Vorschläge.

Bertelsmann Stiftung/ Heyko Stöber

Wir befinden uns im Jahr 2030. An der Freien Universität Berlin wird mit einem Staatsakt ein neues Institut eröffnet: das „Xi-Jinping-Institut für Wirtschafts- und Reformpolitik“. Das Geld stammt aus China, ebenso die meisten Professoren. Sie sollen deutschen Wissenschaftlern und Studenten vermitteln, wie in China Politik gemacht wird. Die Deutschen sind nicht die ersten, die Peking mit einem solchen Institut beschenkt. Die Lehranstalten sind Teil der chinesischen Entwicklungszusammenarbeit. Denn China ist die globale Führungsmacht, ein Vorbild für erfolgreiche Wirtschaftssteuerung und Good Governance. Damit ist erreicht, was Xi Jinping seinen Landsleuten versprochen hat: der „chinesische Traum“ von der Rückkehr zu historischer Größe und Strahlkraft.

Das Szenario ist natürlich frei erfunden. Doch es lohnt, darüber nachzudenken. Denn egal, ob man Xis „chinesischen Traum“ für realisierbar hält: Chinas Entwicklung wird das Weltgeschehen in den kommenden Jahren prägen und  auch Deutschland verändern. Szenarien sind für solche Überlegungen bewährte Katalysatoren: Je bildlicher man sich ausmalt, wie China künftig aussehen könnte, umso konkreter lässt sich darüber diskutieren, welche Folgen das für Deutschland und Europa hätte und welche Handlungsoptionen sich daraus ergeben.

Solche Szenarien entwickelt derzeit die Bertelsmann Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Institut für Innovations- und Systemforschung (ISI) und zahlreichen Experten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Der Zeithorizont ist das Jahr 2030, eine Periode, die überschaubar ist und in der dennoch viele Veränderungen denkbar sind. Das Ergebnis ist eine strategische Denksportaufgabe für Politiker, Manager, Akademiker und interessierte Bürger: Was sollte Deutschland heute tun, wenn wir davon ausgehen, dass der chinesische Traum im Jahr 2030 Wirklichkeit ist? Worauf müssten wir uns einstellen, wenn Xis Reformen scheitern? Was wären die Folgen, wenn China sich ähnlich entwickelte wie Putins Russland? Oder wenn die Spannungen im Land so groß würden, dass die Kommunistische Partei sie nicht mehr unter Kontrolle bekäme? Oder aber, wenn sich China auf den Weg demokratischer Reformen begäbe?

Die Entwicklung von Szenarien erfolgt in einem systematischen Prozess. Im ersten Schritt werden die wichtigsten Faktoren identifiziert, die Einfluss darauf haben, wie China den Wirtschaftsstandort Deutschland verändern könnte. Dazu gehören offensichtliche wie politisches System, Wirtschaftssteuerung oder Innovationskraft, aber auch indirekte wie gesellschaftliche Werte oder Chinas Image. Für jeden dieser rund 20 Faktoren werden denkbare Zukunftsannahmen entwickelt. Im zweiten Schritt wird durchdacht, welche dieser Annahmen miteinander kombinierbar sind. Ist es zum Beispiel vorstellbar, dass China 2030 hochinnovative Unternehmen hat, aber weiterhin eine stark zentral gesteuerte Wirtschaft? Nach diesem Muster wird jede mögliche Ausprägung jedes Faktors mit jeder möglichen Entwicklung jedes anderen Faktors in Relation gesetzt. Anschließend werden mithilfe von Software passfähige Entwicklungsmuster identifiziert. Für China entstanden auf diese Weise fünf Szenarien, die im Folgenden kurz skizziert werden.


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Dieses Szenario ist eine Fortschreibung des Status quo: Die Kommunistische Partei ist 2030 unverändert an der Macht. Sie kontrolliert nicht nur den Staatsapparat, sondern greift auch stark in die Wirtschaft ein. Probleme wie Umweltverschmutzung oder soziale Ungleichheit sind nach wie vor ungelöst. Wirtschaftlich bleibt China dynamisch. Chinesische Unternehmen drängen mit staatlicher Unterstützung auf die Weltmärkte. Pekings Wirtschaftsplaner versuchen, zukunftsfähige Branchen und Unternehmen zu identifizieren und zu fördern. In einigen Bereichen ist das erfolgreich, im Großen und Ganzen aber ineffizient. Wirkliche Innovationsführerschaft lässt sich damit nicht erreichen. Für den Wirtschaftsstandort Deutschland wäre dies ein Szenario, bei dem vieles beim Alten bliebe: Protektionismus und Rechtsunsicherheit bedeuten für deutsche Unternehmen ein schwieriges Geschäftsumfeld. Chinas mangelnde Innovationsfähigkeit wäre aber in gewisser Weise auch ein Segen. Deutsche Schlüsselindustrien könnten ihre Führerschaft in ihren Branchen verteidigen.

Der chinesische Traum

Wie aber sähe China im Jahr 2030 aus, wenn die ehrgeizigen Reformen Xi Jinpings tatsächlich umgesetzt würden? Es bedürfte dafür eines Spagats: einerseits der Aufrechterhaltung des politischen Status quo, andererseits eines marktwirtschaftlichen Liberalisierungsschubs. Damit die Wirtschaftsreformen Erfolg haben, müsste China ein großes Interesse daran haben, sich in die Weltwirtschaft zu integrieren und sich für den freien Verkehr von Waren, Kapital und Know-how einzusetzen. Ausländische Unternehmen hätten damit einen starken Anreiz, neue Technologien nach China zu bringen. Chinesische Unternehmen könnten umgekehrt freier auf dem Weltmarkt agieren – und man kann sich gut vorstellen, dass sie unter solchen Bedingungen zu anerkannten Weltkonzernen würden. Schwerer vorstellbar ist, dass sich diese Vision verwirklichen ließe, indem Peking nur wirtschaftspolitische Reformen vornimmt. Eine innovationsgetriebene Wirtschaft braucht einen funktionierenden Rechtsstaat, ein reformiertes Bildungssystem, eine gewisse digitale Offenheit und ein einigermaßen freiheitliches Wertesystem. Für Deutschland wäre China in einem solchen Szenario ein wichtiger Partner, aber auch ein scharfer Konkurrent. Das deutsch-chinesische Sonderverhältnis dürfte sich kaum aufrechterhalten lassen. Um für diese Herausforderung gewappnet zu sein, müsste Deutschland wohl schon heute Instrumente für den Wettbewerb mit einem politisch und wirtschaftlich dominanten China entwickeln.


Von Singapur lernen

Dieses Szenario geht noch einen Schritt weiter: Es nimmt an, dass China bis 2030 nicht nur marktwirtschaftliche, sondern auch politische Reformen durchführt. Das muss nicht notwendigerweise eine Demokratie nach westlichem Vorbild sein. Realistischer wäre ein politischer Wandel nach dem Vorbild Singapurs, der einer immer anspruchsvolleren und selbstbewussteren Bevölkerung mehr Mitbestimmungsrechte gibt. Wenn dies mit dezentralisierter Wirtschaftssteuerung, effektiver Rechtsstaatlichkeit und weitgehender Meinungs- und Pressefreiheit einherginge, wäre es ein ideales Umfeld für Innovation und Wirtschaftswachstum. „Made in China“ könnte von einem Warnsignal zum Gütesiegel werden. Auch auf der politischen Bühne könnte sich China so zur anerkannten Führungsmacht entwickeln. Für den Wirtschaftsstandort Deutschland würde dieses Szenario harten Wettbewerb unter fairen Wettbewerbsbedingungen bedeuten, eine große Chance für alle Unternehmen, die der Konkurrenz gewachsen sind. Der Wettbewerb der politischen Systeme wäre weitgehend überwunden.


Putinisierung

Doch Chinas wachsende Integration in die Weltgemeinschaft ist keine ausgemachte Sache. Das Beispiel Russlands zeigt, wie schnell eine Großmacht in die Isolation steuern kann. Als Wladimir Putin im Jahr 2000 an die Macht kam, galt er vielen als pragmatischer Wirtschaftsreformer; 2015 gilt er als nationalistischer kalter Krieger. Wer mag da ausschließen, dass nicht auch China in 15 Jahren auf Konfrontationskurs ist, etwa wegen einer Eskalation der Spannungen im Süd- oder Ostchinesischen Meer? Für die deutsche Wirtschaft müsste eine solche Entwicklung nicht nur Nachteile haben, etwa wenn China nach Alternativen für japanische Technologieimporte suchen würde. Trotzdem kann sich Deutschland eine Isolation Chinas nicht wünschen, denn für die Stabilität der Weltwirtschaft und der internationalen Ordnung hätte ein Konflikt in Ostasien verheerende Folgen.


Chaos

Das disruptivste der fünf Szenarien geht davon aus, dass es der Kommunistischen Partei in den kommenden Jahren nicht gelingt, die Spannungen im Land unter Kontrolle zu halten. Naturkatastrophen, soziale Unruhen, ethnische Konflikte oder Brüche in der politischen Führung könnten dazu führen, dass China innenpolitisch im Chaos versinkt. Die allgemeine Unsicherheit würden deutsche Unternehmen in China schmerzhaft zu spüren bekommen. International wäre China für sie dann aber vorerst keine Konkurrenz mehr – und das von Francis Fukuyama prognostizierte Ende der Geschichte könnte doch noch eintreten.

Die fünf Zukunftsbilder erheben nicht den Anspruch, dass eines von ihnen notwendigerweise eintreten müsste. Anders als bei den üblichen Bauchgefühl-Prognosen sind die ihnen zugrundeliegenden Annahmen aber transparent und lassen sich hinterfragen, ändern, ergänzen. Auch über die Wahrscheinlichkeit einzelner Szenarien lassen sich zunächst keine Aussagen machen. Indikatoren können aber anzeigen, in welchem Szenario – oder in welchen Facetten verschiedener Szenarien – sich China aktuell bewegt.  

All das ist jedoch kein Selbstzweck. Szenarien sind Phantasievorlagen, mit denen jeder vor dem Hintergrund seiner eigenen Fragestellungen über die Chancen, Risiken und Handlungsoptionen möglicher Entwicklungen nachdenken kann. Sie sind quasi Science Fiction für den strategischen Hausgebrauch.
Deutschlands Zukunftsfähigkeit wird maßgeblich davon abhängen, wie erfolgreich es sich den Herausforderungen, die von China ausgehen, stellt. Oder, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel es formuliert: Heute ist Deutschland für China ein Schlüsselpartner, aber wie können wir dafür sorgen, dass das auch so bleibt?


Bernhard Bartsch ist Senior Expert im Programm „Deutschland und Asien“ der Bertelsmann Stiftung. Eine Publikation mit detaillierten Szenarien ist für den Herbst 2015 geplant.
 

 
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