Neun Kostbarkeiten

Auch ohne Apple oder Coca-Cola hat China beträchtliche kulturelle Strahlkraft

1. July 2015 - 0:00 | von Bernhard Bartsch

IP Länderpoträt 2, Juli-Oktober 2015, S. 76-79

Kategorie: Staat und Gesellschaft, Volksrepublik China

longtaildog|iStockphoto

Kung Fu: Der Traum vom Fliegen

Der Traum vom Fliegen ist die älteste Metapher für die menschliche Sehnsucht nach dem Unmöglichen. Wer die Gesetze von Physik und Anatomie außer Kraft setzen kann, darf auch hoffen, alle anderen Hürden zu überwinden, die ihn von seinem Glück trennen. Im chinesischen Fernsehen wird dieser Traum auf Dutzenden Kanälen Wirklichkeit. Fliegende Helden, die das Volk vor dunklen Mächten retten und zu Frieden und Wohlstand führen, sind der Stoff des chinesischsten aller Filmformate: Kung-Fu-Soaps. Dank Stars wie Bruce Lee und Jacky Chan ist die chinesische Kampfkunst Teil des globalen Mainstream. Kein westlicher Action-Held kann es sich heute mehr leisten, einfach stumpfsinnig drauflos zu prügeln. Technik ist wichtiger als rohe Kraft. Der chinesische Volksmund spricht den Kung-Fu-Epen geradezu kathartischen Charakter zu, weil man darin „hemmungslos Dankbarkeit und Hass ausleben“ könne. Und das eherne Gesetz der Kung-Fu-Kultur besagt, dass die guten Kräfte den bösen letztendlich immer überlegen sind. Wie gesagt: ein Traum.

Beamtensystem: Gleiche Chancen für alle

Als Preußen im 19. Jahrhundert sein Verwaltungs- und Bildungswesen reformierte, gehörte China zu den Vorbildern. Ämter im Staatsapparat nicht nach Herkunft, sondern nach Leistung zu vergeben, galt in Europa als revolutionär. In China sorgten seit dem 7. Jahrhundert die kaiserlichen Beamtenprüfungen dafür, dass auch Menschen aus ärmeren Verhältnissen die Möglichkeit erhielten, sich für den Regierungsdienst zu qualifizieren. Um Betrug vorzubeugen, mussten die Prüflinge oft tagelang in isolierten Kabuffs zubringen, und auf den Antwortbögen standen statt Namen nur Nummern. Zwar waren die Reichen, die sich gute Hauslehrer leisten konnten, stets im Vorteil. Nichtsdestotrotz war es auch in den unteren Bevölkerungsschichten üblich, dass Großfamilien für die Ausbildung begabter Kinder zusammenlegten, in der Hoffnung, eines Tages gemeinsam von ihrem Erfolg zu profitieren. So war das konfuzianische Bildungssystem ein Instrument der sozialen Mobilität. „Bildung muss allen zugängig sein“, verlangte Konfuzius – ein Zitat, das man auch von vielen heutigen Politikern hört.


Essen: Wo der Vielvölkerstaat funktioniert

Ein Volk, das so gut kocht, muss man einfach mögen. Niemand kann umhin, China als kulinarische Supermacht anzuerkennen. Wahrscheinlich haben Chinas Köche mehr zu Chinas Integration in die Weltgemeinschaft beigetragen als alle Wirtschaftsreformer zusammen. Denn beim Essen versöhnt China mit größter Zuverlässigkeit selbst seine schärfsten Kritiker. Das können wohl nur wenige Länder von sich behaupten, schon gar nicht der Rivale USA. Nirgends funktioniert der Vielvölkerstaat so gut wie in der Küche, und Peking ist seine unangefochtene Hauptstadt. Seit fast 800 Jahren ziehen Meisterköche nach Peking, um den Herrschern ihre Künste vorzuführen und Spitzenbeamte mit den Gerichten ihrer Heimatprovinzen zu bekochen. So traf die brennende Schärfe Sichuans auf die duftige Frische Yunnans, der Erfindungsreichtum der Kantonesen auf die Lagerfeuerkost der Mongolen, der Reichtum der Meere auf die Vielfalt der Berge. Die unterschiedlichen Geschmäcker existierten erst nebeneinander, dann miteinander und schließlich durcheinander. Fusion-Küche muss deshalb als eine chinesische Erfindung gelten.


Feng Shui und TCM: Immer aufs Ganze

Yin und Yang sind ein schönes Paar. Das Weibliche und das Männliche, der Mond und die Sonne, das Weiche und das Harte. Gegensätze, die einander brauchen. Chinas traditionelle Philosophie und Wissenschaft – die Grenzen zwischen den beiden Disziplinen sind fließend – hat weltweit viele Anhänger. Die einen schwören auf Feng Shui, die Lehre vom Wind und Wasser, die den Menschen helfen soll, sich in ihren Häusern im Einklang mit den Kräften der Natur einzurichten. Andere sind überzeugt von der Wirksamkeit der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Zehntausende professionelle Feng-Shui-Berater gibt es in China, und rund 500 000 Mediziner praktizieren TCM. Im Westen leiden Chinas traditionelle Geomantik und Heilkunst unter dem Stigma der Unwissenschaftlichkeit. Doch Peking investiert gewaltige Summen, um etwa die Wirkmechanismen von Akupunktur oder Kräutermedizin mit modernen Mitteln nachzuweisen und damit neue Märkte für genuin chinesische Produkte zu schaffen.

Dissidenten: Es kann nicht nur Pandas geben Ai Weiwei ist sicher kein Botschafter der Kommunistischen Partei. Ein guter Botschafter seines Landes ist der Künstler aber allemal. Chinas freie Geister, Regimekritiker und Dissidenten beweisen, dass die chinesische Gesellschaft weit komplexer und engagierter, bunter und kreativer ist als das so genannte „offizielle China“. Dass Namen wie Ai Weiwei, Liu Xiaobo, Chen Guangcheng oder Woeser immer wieder die ausländische Berichterstattung über China prägen, mögen aus Sicht der Partei Negativschlagzeilen sein. Dabei kann man darin auch positive Nachrichten sehen. Chinas Dissidenten bringen ihrem Land Sympathien ein, wo die KP keine gewinnen kann. Sie zeigen, wie sehr China mit sich ringt: mit seinen Gegenwartsproblemen, mit seiner Vergangenheit, mit seiner Zukunft. Das darf man ruhig sehen. Chinas Botschafter können nicht nur die Pandas sein.


Chinatowns: Leistung lohnt sich

2010 erregte die chinesischstämmige US-Autorin Amy Chua Aufsehen mit dem Buch „Battle Hymn of the Tiger Mother“ (deutscher Titel: „Die Mutter des Erfolgs“), in dem sie freimütig über die harten Erziehungsmethoden berichtete, mit denen sie ihre Töchter zur Verzweiflung, aber auch zum Erfolg getrieben habe. Westlichen Eltern hielt sie vor, durch Jahrzehnte des Wohlstands weich und leistungsscheu geworden zu sein. Man muss kein Anhänger martialischer Erziehungsmethoden sein, aber die chinesische Lern- und Leidensbereitschaft ist ein entscheidender Faktor dafür, dass die Chinesen das wohl erfolgreichste Migrationsvolk sind. Auswandern heißt, sich anzupassen und zu erkennen, welche Rolle man in der neuen Heimat hat. Meistens sind diese Erwartungen sehr klar: Migranten müssen härter arbeiten und die Jobs machen, zu denen die lokale Bevölkerung nicht bereit ist. Millionen Chinesen sind so in anderen asiatischen Ländern und weit darüber hinaus heimisch geworden. Chinatowns in aller Welt sind Zeugnisse dieses Erfolgs.

Feuerwerk: Vom Bambus zum Böller

Dieses „Oh“ und „Ah“ verdankt die Welt China. Feuerwerk ist eine chinesische Erfindung, die zum globalen Kulturgut geworden ist. Soll also noch einmal jemand sagen, China könne nicht mit eigenen Entwicklungen die Welt erobern. Vor über 1500 Jahren entdeckten die Chinesen, dass sich aus Salpeter, Schwefel und Holzkohle ein hochexplosives Gemisch herstellen lässt, dass sie „Schwarzes Feuermittel“ nannten. Als die Deutschen rund 1000 Jahre später das Gleiche erfanden, sprachen sie von „Schwarzpulver“. Im Jahr 621 soll der Gelehrte Li Tian dann den ersten Knallkörper gebaut haben. Der Legende nach hörte er Bambus im Feuer krachen und kam dabei auf die Idee, die hohlen Stämme mit Schwarzpulver zu füllen. Im 14. Jahrhundert hatten die Chinesen auch Feuerwerkskörper entwickelt, die nicht nur knallten, sondern auch farbig leuchteten. Über die Seidenstraße kam das Feuerwerk nach Europa. Bis heute stammen mehr als 90 Prozent aller Raketen und Kracher aus China. Die Herstellung ist arbeitsintensiv und gefährlich; jedes Jahr sterben zahlreiche Arbeiter bei Schwarzpulverexplosionen.

Glückskekse: Die adoptierte Tradition

Im Chinarestaurant endet das Essen mit einem klugen Spruch. Marketingtechnisch sind Glückskekse ein Clou: Sie erinnern die Gäste daran, dass China ein Land der Dichter und Denker ist, eine Kulturnation, die eben weitaus mehr kann als gut zu kochen. Was würden die USA darum geben, jedem Burger eine nationale Werbebotschaft hinterherschicken zu können? Dabei ist der Glückskeks ironischerweise gar keine chinesische, sondern eine amerikanische Erfindung. Nach dem Ersten Weltkrieg soll ein frommer Bäcker in Los Angeles erstmals Kekse gebacken haben, in denen er seinen Mitmenschen aufmunternde christliche Botschaften schickte. Doch erfolgreich wurde der Brauch erst in amerikanischen Chinarestaurants, von wo aus er seinen Siegeszug um die Welt antrat. Nur in China ist er noch nicht angekommen. Dort sind Glückskekse gänzlich unbekannt. Glück muss man haben.


Mao: Der große Vorknipsende

„Eine Revolution ist keine Dinnerparty.“ Mao Zedong zu zitieren, gehört in China bis heute zum guten Ton. Im Westen gilt es eher als politisch unkorrekt. Internationale Historiker ordnen ihn in die Reihe der grausamsten Herrscher des 20. Jahrhunderts ein, doch das Urteil der Geschichte ist längst nicht so eindeutig negativ wie bei anderen Tyrannen. Als die Autorin Jung Chang 2005 mit einer rabenschwarzen Mao-Biografie einen Weltbestseller landete, löste sie damit eine weltweite Diskussion aus, an deren Ende Mao neben neuen Feinden auch neue Freunde gewonnen hatte. Für viele ist er bis heute ein Faszinosum – nicht zuletzt, weil Mao in den wilden Sechzigern und Siebzigern eine Ikone der westlichen Linken war. Sein kleines rotes Büchlein gehört mit der Bibel und Harry Potter zu den meistverkauften Büchern aller Zeiten. Und sein Porträt am Pekinger Tor des Himmlischen Friedens gehört zu den populärsten Selfie-Motiven der Welt, auch für westliche Touristen.


Bernhard Bartsch ist Senior Project Manager im Programm „Deutschland und Asien“ der Bertelsmann Stiftung. Zuvor lebte er zehn Jahre als Ostasien-Korrespondent in Peking.
 

 
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