Wieder manierlich?

Der Höhenflug der Banker ist vorbei, ein neuer Typus zeigt mehr Verantwortung

1. March 2016 - 0:00 | von John F. Jungclaussen

IP Länderporträt 1, März - Juni 2016, S. 50-54

Kategorie: Wirtschaft & Finanzen, Finanzkrise, Finanzmärkte, Vereinigtes Königreich

In London trieben es die Bankiers und Finanzjong­leure bis zum großen Crash von 2008 besonders toll. Seit die Bank of England auch für die Bankenaufsicht zuständig ist, sollen in der „Quadratmeile“ wieder moralische Verantwortung und der Kunde im Mittelpunkt stehen. Junge Banker tragen die Wende mit, Großbanken leisten Widerstand.

Es ist noch gar nicht so lange her, da hatten Banker aus London den besten Ruf von allen. Das war in den sechziger und siebziger Jahren. Der maßgeschneiderte Nadelstreifenanzug und der Bowler-Hut waren Berufskleidung. Mittags wurde so ausgiebig getafelt, dass der Feierabend schnell erreicht war und der Umgangston, genau wie die Geschäftsmethoden, waren so höflich und zurückhaltend wie die Atmosphäre in einem Gentlemen’s Club.

Es war, mit anderen Worten, genau das Gegenteil von dem, was wir in den vergangenen zwei Jahrzehnten erlebt haben, als die City of London – das ­Finanzzentrum, dessen „Quadratmeile“ (square mile) sich in etwa auf den mittelalterlichen Stadtkern erstreckt – zur Boxengasse für den neoliberalen Turbokapitalismus wurde. Dieser hinterließ nach seinem Crash 2008 eine schlimme Wirtschaftskrise und brachte den altehrwürdigen Berufsstand in Verruf. Heute misstrauen die Briten den Bankern so sehr wie Gebrauchtwagenhändlern – oder Journalisten.

Die Gegensätze zwischen diesen beiden Versionen des Geldgeschäfts, der verschlafenen und der ausgeflippten, erscheinen vor allem deswegen so krass, weil die Briten dafür bekannt sind, dass sie ihre Traditionen besonders gut pflegen. Nicht nur die Queen hat eine goldene Kutsche. Auch der Lord Mayor, seit über 800 Jahren der gewählte oberste Vertreter der City of London, rollt einmal im Jahr in seiner goldenen Karosse durch die Stadt, um die Würde seines Amtes zu unterstreichen. Am Ende ist das jedoch nichts weiter als „großes Theater“, erklärt der Historiker David Kynaston. Entscheidend für den Erfolg der City als Wirtschaftsstandort über die Jahrhunderte ist seiner Meinung nach „die Tradition der Veränderung“. London habe die einmalige Fähigkeit, sich ständig neu zu erfinden, sagt er. „Durch die liberale Grundeinstellung der Briten war London schon immer ein Ort, an dem Außenseiter und Ausländer sich niederlassen wollten, und mit ihnen kamen neue Ideen, die bestehende Handelsregeln verbesserten oder erneuerten.“

 

Ein neuer Typ Banker

Wenn man so will, ist London das historische Paradebeispiel für das, was der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter den Prozess „der schöpferischen Zerstörung“ nannte. So gesehen ist es also keine Überraschung, dass der Banker seinen guten Ruf nicht nur in London gewann, sondern ihn auch hier verspielte. Und weil die Welt des Geldes sich nun mal unaufhörlich weiter dreht, entsteht in der City of London allmählich ein neuer Typ Banker. Einer, dem soziale Nachhaltigkeit wichtiger ist als teure Sportwagen. Einer, der die ­Rolle der Banken in der Gesellschaft neu definieren will. Es ist ein Typ wie Kamal Hashim.

Im Herbst 2007 ging die britische Hypothekenbank Northern Rock ­Pleite. Es war der Knall, der die Katastrophe ankündigte. Kamal Hashim war damals 16 Jahre alt und verfolgte alles vor dem Fernseher in seinem Elternhaus in Mumbai. Die Welt der Finanzen hatte ihn schon damals fasziniert, und er wusste genau, dass er nach der Schule eine Bankkarriere in London machen wollte.

Während er in Indien mit seinem Schulabschluss beschäftigt war, konnte er im Fernsehen beobachten, wie das Image seines Traumberufs zerbröckelte. Im September 2008 brach Lehman Brothers zusammen und einen Monat später stand die Hälfte des globalen Finanzsystems auf der Klippe. Von Habsucht getrieben, hatten die Investmentbanker die Ersparnisse der Kleinkunden im Handel mit wertlosen Kreditpaketen verzockt, bis die Blase platzte. Allein in Großbritannien brauchte die Regierung Steuergelder in Höhe von 500 Milliarden Pfund, um die Kernschmelze zu verhindern. Die Folge war eine Jahrhundertrezession, von der sich das Land nur langsam erholt.

Kamal Hashim blieb trotzdem bei seinem Entschluss. Er zog nach England, studierte Volkswirtschaft und internationale Politik an der Universität von Cambridge und bekam einen Job bei einer der großen Londoner Invest­mentbanken. Sein erster Arbeitstag war der 1. Juli 2013 – genau der Tag, an dem der neue Governor der Bank of England, Mark Carney, „den Beginn einer neuen Ära in der Geschichte des Finanzzentrums London“ verkündete. Die alten Weisheiten, dass die Finanzmärkte sich am Ende selbst regulieren und dass sie der Gesamtwirtschaft am meisten nutzen, wenn sie unbeaufsichtigt bleiben, bezeichnet der Zentralbankchef schlicht als „Lüge“. In Zukunft müsse die Finanzwelt „moralische Verantwortung übernehmen“. Banker müssten begreifen, dass sie ihren Kunden dienen, nicht sich selbst.

Kurz gesagt: Der Kanadier Carney will den britischen Bankern wieder Manieren beibringen. So lautet sein Auftrag von der Regierung. Der konservative Finanzminister George Osborne hat die Bankenaufsicht neu strukturiert und den Chef der Bank of England zum obersten Aufseher gemacht. Ihm zur Seite steht zum einen die neu gegründete Financial Conduct Autority (FCA) als Regulierungsbehörde für sämtliche Finanzdienstleister und zum anderen das Financial Policy Committee (FPC), das mit der Systemaufsicht beauftragt ist, mithin langfristige Trends, die die Stabilität der Branche gefährden könnten, aufspüren und gegen sie vorgehen soll.

Beispielsweise warnte das FPC die Regierung jüngst vor den Folgen ihrer Steuerpolitik, den Erwerb von Immobilien als Anlageobjekt für die Vermietung zu fördern. Daraus könnte eine neue Schuldenblase entstehen, die bei einer Anhebung der Leitzinsen zu Unsicherheit führen und eventuell platzen könnte.
 

Klagen über das neue Regime

Die älteren Kollegen von Kamal Hashim beschweren sich leidenschaftlich über das neue Regime. Sie erinnern sich noch an die Zeit vor dem Crash, als sie der Hochadel der gesamten britischen Wirtschaft waren. Mit ihren Deals erwirtschafteten sie über 12,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Auf Regulierung wurde da weitgehend verzichtet. Hashim dagegen hält die strikte Überwachung für „wichtig und richtig“. Für ihn sind die Mitarbeiter der FCA und des FPC keine Gegner, sondern Kollegen. „Das globale Finanzsystem ist derartig komplex, da ist eine Einschätzung von außen oft wertvoll, um einen Deal wirklich gut hinzubekommen“, findet er.

Kamal Hashim ist zweifellos zum richtigen Zeitpunkt Banker geworden. Seiner Meinung nach ist er als Investmentbanker genauso in der Gesellschaft verwurzelt wie der Bäcker in der Nachbarschaft. „Es gibt keinen Beruf, der ohne jegliche Verantwortung für das Gemeinwohl ausgeübt werden kann“, erklärt er. „Das Vertrauensverhältnis zwischen einem Banker und seinen Kunden ist der Schlüssel für eine gut funktionierende Volkswirtschaft.“

Hamish erzählt von seinem Vater, der in Mumbai eine kleine Supermarktkette aufgebaut hat. „Ohne das respektvolle Verhältnis zu den Banken wäre er nie so erfolgreich gewesen.“ Es ist eine Sicht der Dinge, die genau in den Kulturwandel passt, den Mark Carney durchsetzen will. Und in mancher Hinsicht hat sich die Atmosphäre in der City seit der Bankenkrise schon erheblich verändert. Alle reden von einem neuen Arbeitsklima.

„Vor dem Crash war das Büro eine Löwengrube“, sagt einer von Hashims älteren Kollegen. „Wer nicht in der Lage war, jederzeit Höchstleistungen zu vollbringen, galt als Versager. Am schlimmsten waren diejenigen dran, deren Jahresbonus unter 500 000 Pfund lag.“ Heute ist der Umgang kollegialer. Bankenvorstände bestehen auf Personalführung, die das Wohlergehen der Mit­arbeiter über die Profitmaximierung stellt.

Dennoch: Seit einem Jahr wächst der Widerstand gegen Carneys neue Welt des Banking. Lobbyisten argumentieren, dass neue Regeln wie etwa die Deckelung der Jahresboni den Standort London im Wettbewerb mit New York und Hongkong erheblich benachteiligen. Viel ist auch die Rede von angeblichen Plänen der fünf größten Banken für eine gemeinsame Strategie, um das „Ring-­Fencing“-Gesetz zu torpedieren. Dieses würde die Geldhäuser dazu verpflichten, das Investmentbanking und das traditionelle Kundengeschäft ab 2019 ­jeweils als eigenständige Unternehmen zu führen.

Barclays Bank behauptet, diese Umstrukturierung würde eine Milliarde Pfund kosten; Geld, das den Anlegern nicht durch Dividenden ausbezahlt werden könnte. Derweil drohte die Großbank HSBC eine Zeitlang damit, ihren Hauptsitz von London nach Hongkong zu verlegen, entschied sich Mitte Februar aber doch dagegen. Das mag der Politik wie ein unverschämter Erpressungsversuch vorkommen, aber Finanzminister Osborne weiß auch, dass er die Interessen der City nicht vollkommen ignorieren kann. Auch nach dem Crash erwirtschafteten die Finanz­dienstleister immerhin noch 8 Prozent des BIP, und angesichts der Kräfteverschiebung in der Weltwirtschaft nach Fernost muss Osborne alles tun, damit der Standort London für den globalen Finanzmarkt weitrhin attraktiv bleibt.
 

Brexit: Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich

Genau an dieser Stelle tut sich ein weiteres Problem auf. Was wird aus der ­Europäischen Union? Innerhalb der nächsten 18 Monate werden die Briten in einem Referendum entscheiden, ob sie aus der EU austreten wollen oder nicht. Premierminister David Cameron verhandelt über EU-Reformen, die Londons parlamentarische Souveränität gegenüber Brüssel stärken, Europas Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und die Briten von weiteren Schritten zur politischen Integration ausnehmen sollen. Was er dabei erreicht, wie weit die EU ihm entgegenkommt, ist jedoch fast nebensächlich. Die Brexit-Befürworter wird er nie umstimmen können, und die meisten Wähler interessieren sich kaum für kleingedruckte Paragrafen in politischen Abkommen. Europa ist ein hochemotionales Thema. Am Ende werden die Briten in der Wahlkabine aus dem Bauch heraus entscheiden. So ist ein Brexit zwar unwahrscheinlich, aber keineswegs unmöglich.

Die Banker macht das unruhig. London gilt nicht zuletzt wegen seiner engen Verflechtungen mit Europa als Hauptstadt der globalen Geldwelt. Das Londoner Forschungsinstitut Global Counsel beziffert das Kreditvolumen von in der City beheimateten Banken an Privathaushalte, Unternehmen und Regierungen innerhalb der EU auf rund 900 Milliarden Dollar. Umgekehrt haben europäische Banken und Investoren in Großbritannien Kredite in Höhe von 1,7 Billionen Dollar laufen.

Die logische Schlussfolgerung: „Ein Brexit würde Londons Standortvorteil als globalen Finanzplatz erheblich einschränken.“ Hashim nennt ein anderes Beispiel: „Knapp 70 Prozent des Welthandels mit internationalen Euro-Bonds werden in der City abgewickelt, und es liegt doch auf der Hand, dass ein Großteil davon durch den Brexit nach Frankfurt und Paris verlagert werden würde.“ Alle Zahlen bestätigen den Instinkt des jungen Bankers: „Natürlich gehört Großbritannien zu Europa. Ein Brexit wäre wahnsinnig.“

Die City of London befindet sich im Umbruch. Der Höhenflug der Banker vor der Finanzkrise wird sich nicht wiederholen. Die Generation von Kamal Hashim glaubt, dass maximaler Profit und soziale Nachhaltigkeit miteinander vereinbar sind. Ob sie sich damit durchsetzen können, ist ungewiss.

Dr. John F. Jungclaussen ist London-Korrespondent der Wochen­zeitung DIE ZEIT.

 
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