Energie-Revolution

1. July 2016 - 0:00 | von Silke Mertins

IP Länderporträt 2, Juli - Oktober 2016, S. 24-29

Kategorie: Rohstoffe & Energie, Erneuerbare Energien, Nicht-erneuerbare Energien, Israel

Riesige Offshore-Gasfelder, gigantische Ölfunde am Toten Meer und auf dem Golan: Die Zeiten, in denen Israels Ressourcenarmut geradezu sprichwörtlich war, sind seit ein paar Jahren vorbei. Doch zusammen mit den Chancen, die das dem Land eröffnet, kommen die in der Region unvermeidlichen Streitigkeiten darüber, wem eigentlich was gehört.

Wer schon einmal mit Israelis über das Thema Ressourcen gesprochen hat, wird diesen Witz kennen: „Moses ist mit dem Volk Israel 40 Jahre lang durch die Wüste gelatscht, um es schließlich zum einzigen Fleckchen Erde im gesamten Nahen und Mittleren Osten zu führen, das kein Öl hat.“

In der Tat – während die Israelis sich in den Gründungsjahren damit plagten, dem kargen Land ein Auskommen abzutrotzen und Hunderttausende Flüchtlinge durchzubringen, begannen von Saudi-Arabien über den Iran bis nach Libyen die Ölquellen zu sprudeln, und mit ihnen breitete sich relativer Wohlstand bis hin zu märchenhaftem Reichtum aus. Israel konnte sich damit trösten, zumindest stärker zu sein als die reichen, feindseligen Nachbarn. In Arabien wiederum stellte man befriedigt fest: Wenigstens hat das zionistische Gebilde kein Öl.

Doch das war einmal. Die vergangenen sieben Jahre haben alles verändert. In Israel hat nichts weniger als eine Energie-Revolution stattgefunden. Zuerst wurden riesige Offshore-Gasfelder entdeckt und ausgebaut. Und dann ergaben Probebohrungen in diesem Frühjahr eine weitere spektakuläre Entdeckung: größere Mengen Erdöl am südlichen Toten Meer und auf den Golanhöhen.

Möglich geworden sind diese Funde erst durch technischen Fortschritt und erheblich verbesserte Bohrmethoden, mit denen nun in viel größere Tiefen vorgedrungen werden kann. Schon um die Jahrtausendwende wurden so Felder vor der Küste der Stadt Aschkelon nahe des Gazastreifens aufgespürt. Doch die Vorkommen dort waren so gering, dass sie heute bereits aufgebraucht sind.

2009 wurde aber das Erdgasfeld Tamar etwa 80 Kilometer vor der Hafenstadt Haifa im nördlichen Israel entdeckt – das Vorkommen in rund 1700 Meter Tiefe wird auf mindestens 200 Milliarden Kubikmeter geschätzt, eine auch kommerziell erhebliche Menge und der bis dahin größte Fund. Seit Tamar 2013 in Betrieb gegangen ist, kann Israel rund 40 Prozent seines Energiebedarfs durch Erdgas abdecken. Das ist auch deshalb eine gute Nachricht, weil die Erdgaslieferungen aus Ägypten immer wieder durch Anschläge auf die Pipelines gefährdet waren. Nun braucht der jüdische Staat sie nicht mehr. Der Rest des israelischen Bedarfs wird nach wie vor mit importierter Kohle erzeugt.


Neue Alternativen und Allianzen

Doch erst mit der Entdeckung des noch weit größeren Feldes Leviathan und einer Reihe von kleineren Feldern eröffnen sich tatsächlich neue Dimensionen. Die Vorkommen von Leviathan liegen 130 Kilometer vor Haifa in 1400 Meter Tiefe und werden auf mindestens doppelt so groß wie die des Erdgasfeldes Tamar geschätzt. Kurzum: gewaltig, einer der größten maritimen Funde. Nun wird möglich, was sich vor wenigen Jahren niemand in seinen wildesten zionistischen Träumen hätte vorstellen können: Israel kann Erdgasexporteur werden. Insgesamt geht die Regierung von etwa 1000 Milliarden Kubikmeter Erdgas aus, wovon man etwa die Hälfte ausführen will, so Oded Eran vom Institute for National Security Studies in Tel Aviv.

Zunächst soll Jordanien beliefert werden. Das Nachbarland leidet wie Israel darunter, dass die Erdgaspipelines aus Ägypten von Terroristen sabotiert werden. Auch Exporte in die Türkei lägen nahe, doch die derzeit eher schlechten Beziehungen erschweren eine Kooperation. Man bräuchte schon internationale Garantien für einen Erdgasdeal, so Eran.

Der neue Rohstoffreichtum bietet aber auch Möglichkeiten für ganz neue Allianzen. Im levantischen Meer hat auch Zypern ein großes Erdgasfeld entdeckt. Zusammen könnten die drei von dem US-Unternehmen Noble Energy entwickelten Felder Europas Erdgasbedarf der kommenden 20 Jahre decken, schätzen Experten. Israel, Zypern und Griechenland haben sich deshalb darauf verständigt, eine gemeinsame Erdgas-Pipeline in die EU zu bauen.

Potenziell könnte auch eine Zusammenarbeit mit Ägypten entstehen, das im Sommer 2015 ein noch größeres Erdgasfeld als Leviathan entdeckt hat: Zohr, gigantische 100 Quadratkilometer groß und nicht weit von zyprischen Gewässern. Würden sich alle Mittelmeerländer mit Offshore-Erdgas zusammenschließen, könnten sie Europa eine echte Alternative zu der Abhängigkeit von russischem Gas bieten.

Doch politisch ist das derzeit nur schwer vorstellbar. Vor allem im Libanon hegt man ernsthafte Zweifel daran, dass Tamar und Leviathan tatsächlich in israelischen Gewässern liegen. Im Gegenteil, man ist überzeugt, dass sich die Felder in libanesisches Gewässer erstrecken. Normalerweise gilt, dass jeder den Teil ausbeutet, der auf eigenem Territorium liegt. Da der Libanon die Existenz Israels jedoch nicht anerkennt und Israel den Libanon als feindlichen Staat ansieht, kann man sich darüber schwerlich verständigen. Beirut hat Noble Energy bereits davor gewarnt, libanesischen Hoheitsgewässern bei den Bohrungen zu nahe zu kommen. Seinerseits ist der politisch instabile Libanon aber noch nicht aktiv geworden, um die Felder zu erschließen oder nach weiteren zu suchen.

Ebensowenig haben sich die Palästinenser gerührt, um die Vorkommen vor der Küste des Gazastreifens zu nutzen. Bohrlizenzen wurden zwar mit israelischer Zustimmung an British Gas erteilt, doch passiert ist seither nichts. Die politische Spaltung des palästinensischen Lagers in Hamastan im Gazastreifen und Fatahland in der Westbank lähmen die Entwicklung auch in diesem Sektor. Zum Teil mag die Untätigkeit dem Kalkül geschuldet sein, dass man die Einnahmen nicht so dringend braucht, solange die EU, die UN und andere Geber für die Palästinenser aufkommen. Erdgas wird deshalb trotz eigener Vorkommen eingeführt.


Bedenkliche Verflechtungen

Die Konflikte darum, wem die Rohstoffe zustehen, könnten noch größer und zahlreicher werden. Experten vermuten, dass noch viel mehr fossile Brennstoffe im levantischen Meer zu finden sind; nicht nur Gas, auch Öl könnte sich in großer Tiefe verbergen. Wegen des permanenten Kriegszustands in der Region und der wachsenden Terrorgefahr ist der neue Rohstoffreichtum deshalb nicht nur ein Segen. Gerade die teuren Offshore-Anlagen lassen sich viel schwerer schützen.

Auch in Israel selbst sorgt die kommerzielle Nutzung der Erdgasvorkommen für Auseinandersetzungen. Nichtregierungsorganisationen kritisieren, dass die israelische Regierung den Rohstoffreichtum Privatinvestoren überlasse und die Bevölkerung bisher kaum davon profitiere. Das erdgasfördernde Konsortium wird von dem israelischen Mischkonzern Delek Group und dem texanischen Konzern Noble Energy geführt. Umweltorganisationen stören sich vor allem an der engen Verflechtung zwischen Politik und Konsortium. Häufig wechselten Politiker und hohe Beamte in eines der am Konsortium beteiligten Unternehmen, kritisiert das Israeli Energy Forum (IEF). „Diese Nähe ist eine Bedrohung für unsere Demokratie“, sagt Geschäftsführerin Yael Cohen-Paran. „Wir haben das Gefühl, dass uns das Land gar nicht gehört.“

Die Investoren haben vor allem ein Interesse daran zu exportieren, um die hohen Kosten für die Erschließung wieder einzuspielen. Sie haben drei bis vier Milliarden Dollar investiert und wollen nun zügig Geld verdienen – mehr als der Verkauf allein auf dem israelischen Markt hergibt.

„Aus unserer Sicht ist aber der Export die schlechteste aller Möglichkeiten“, so Cohen-Paran. Denn aus Gas Strom zu erzeugen, sei zumindest viel „grüner“ als Kohle oder Öl zu verbrennen. Zwar wird heute schon viel mehr Erdgas zur Stromerzeugung eingesetzt als früher. Der Anteil am Energiemix beträgt 40 Prozent; viele Industrieanlagen – darunter Israel Chemicals, Dead Sea Works und Delek Desalination – haben auf Erdgas umgestellt und damit die Luftverschmutzung reduziert. „Aber wir wollen eine Energiewende“, so Cohen-Paran. „Warum sollten wir also das Erdgas exportieren, bevor wir selbst Alternativen haben?“ Bisher fließen 82 Prozent des Erdgasverbrauchs in Israel in Kraftwerke und 18 Prozent in Industrieanlagen. Es gibt jedoch auch Pläne, Erdgas als Treibstoff für Fahrzeuge einzusetzen, was bisher kaum verbreitet ist.

Das IEF sieht das ölreiche Norwegen als Vorbild für demokratische Teilhabe am Rohstoffreichtum des Landes. Dort hat der Staat die Mehrheitsanteile trotz der Beteiligung von Privatunternehmen nicht aus der Hand gegeben und stellt mit einer Besteuerung von 78 Prozent sicher, dass auch die Bevölkerung profitiert. In Israel flössen dagegen nur 12 Prozent in die Staatskasse, kritisiert die NGO. Auch die Besteuerung sei noch unklar. Aufgrund der Monopolbildung seien nicht mal die Gaspreise in Israel gesunken.

Die Kampagnen der Umwelt-NGOs und die öffentliche Debatte hatten durchaus Erfolg. Den Protesten gegen die Erdgasexporte und für mehr Mitbestimmung im Jahr 2013 schlossen sich sehr viele Israelis an. „Die Menschen haben verstanden, dass hier etwas total schief läuft. Das hat viele auf die Straße getrieben“, so Cohen-Paran. Im Ergebnis sollen nun statt ursprünglich 53 Prozent nur noch 40 Prozent der Fördermenge ausgeführt werden.


Bevorzugter Bodenschatz Öl

Exporte stark einzuschränken, ist nicht ohne Risiko für die Regierung. Es könnte den Anreiz für die auf Bohrung und Erschließung spezialisierten Konzerne, in neue Funde zu investieren, verringern. Zumal in Jerusalem ohnehin befürchtet wird, dass nicht wenige große Unternehmen den iranischen Markt nach der Aufhebung der Sanktionen interessanter finden.

Die Frage ist umso wichtiger, als in den vergangenen sieben Monaten auch noch größere Mengen Erdöl entdeckt wurden. Öl ist nicht nur für Israel der bevorzugte Bodenschatz, denn Rohöl lässt sich per Schiff in die ganze Welt transportieren. Für den Transport von Erdgas dagegen braucht man eine Pipeline und Abnehmer in der Nähe – schwierig für ein größtenteils in der Region immer noch isoliertes Land.

In Hatrurim nahe Ein Bokek am südlichen Toten Meer liegen ersten Einschätzungen zufolge sieben bis elf Millionen Barrel Öl. Das ist nicht viel im Vergleich zum Iran oder zu Saudi-Arabien, aber doch eine durchaus kommerziell nutzbare Menge. Es wurde zwar auch schon im Negev Öl gefunden, doch gemessen am israelischen Bedarf sehr wenig und stark fragmentiert. Dass es Öl am Toten Meer gibt, ist schon seit 1995 klar. Doch vor 20 Jahren waren den Investoren die Ölpreise zu niedrig und die Aussichten zu ungewiss, um das Projekt weiter zu verfolgen. Man vermutete keine allzu großen Mengen dort. Inzwischen haben sich die Bohr- und Fördertechniken so verbessert, dass auch die Förderung in größerer Tiefe kein Problem mehr ist.

Obwohl ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass Ein Bokek im israelischen Kernland liegt, bestreitet die Palästinensische Autonomiebehörde, dass der jüdische Staat diese Ölquellen entwickeln dürfe. Das jedenfalls berichtete Khaled Abu Toameh, ein renommierter israelisch-arabischer Journalist, der für die Jerusalem Post schreibt, auf Twitter. „Israel hat kein Recht, diese Ölreserven nahe dem Toten Meer zu nutzen, da es nach internationalem Recht unter palästinensische Souveränität fällt“, zitiert er die Autonomiebehörde. Selbst wenn der Einspruch nur prophylaktisch war, zeigt er doch, wie sehr solche Funde von politischen Konflikten überlagert sind.

Auch bei dem anderen großen Ölfund auf den Golanhöhen wird Israel grundsätzlich die Berechtigung abgesprochen, das schwarze Gold überhaupt aus dem Erdreich pumpen zu dürfen. Die Mengen sollen ersten Berichten zufolge gigantisch sein. Israel hat die Golanhöhen, die das Land nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 von Syrien erobert hat, aus strategischen Gründen 1981 annektiert. Doch kein anderer Staat hat dies je anerkannt. Nach internationalem Recht gehört das Gebiet zu Syrien. Ob sich unter diesen Umständen Investoren finden lassen, ist fraglich, zumal viele dieser Unternehmen auch im arabischen Raum aktiv sind. Technisch nicht ganz einfach ist darüber hinaus, dass es sich hier um vulkanischen Boden handelt. Damit hat man bisher in der Ölbranche wenig Erfahrung. Doch der mit der Erkundung befasste Geologe Yuval Bartov von Genie Energy sagte dem Economist, dass man ein Ölreservoir „mit dem Potenzial von Milliarden Barrel“ gefunden habe.

Was für eine Verlockung. Eine Lobbygruppe, zu der auch Ministerpräsident Benjamin Netanjahus Ex-Kabinettsminister Zvi Hauser gehört, plädiert dafür, das Chaos in Syrien zu nutzen, um international auf die Anerkennung des Golan als Teil Israels zu bestehen. Israel hat mit seiner IT-dominierten Start-up-Szene bereits eine weitgehend krisenfeste Wirtschaft. Unabhängigkeit bei der Energieversorgung wäre ein weiterer enormer Vorteil für ein Land in einem feindlichen Umfeld.

Der Aufruf blieb in Jerusalem nicht ungehört. Im April 2016 – rund ein halbes Jahr nach den Ölfunden – hielt Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erstmals eine der wöchentlichen Kabinettssitzungen auf den Golanhöhen ab. Mit einer klaren Botschaft, wie er betonte: „Der Golan wird immer in israelischen Händen bleiben.“ Er wählte den Ort Maaleh Gamla für das Treffen. Von dort hat man nicht nur einen traumhaften Blick auf den See Genezareth. Er liegt auch direkt neben einer Ausgrabungsstätte, die jüdische Präsenz schon zu Zeiten des Römischen Reiches in der Gegend belegt. „Nach 50 Jahren wird es Zeit, dass die internationale Gemeinschaft der Realität ins Auge blickt.“

Silke Mertins ist Deutschland-Korrespondentin der NZZ am Sonntag. Zuvor war sie lange Jahre Korrespondentin der Financial Times Deutschland in Jerusalem.

 
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