„Versöhnen, ermutigen, erneuern“

1. July 2019 - 0:00

IP Wirtschaft 02, Juli - Oktober 2019, S. 11-15

Kategorie: Wirtschaft & Finanzen, Südafrikanische Republik

IP: Herr Kappel, die Regierung Cyril Ramaphosa wurde bei den Wahlen im Mai im Amt bestätigt, allerdings mit dem schlechtesten Ergebnis seit Ende der Apartheid. Ein Denkzettel für den Präsidenten – oder doch eher für seine Partei?
Robert Kappel: In erster Linie für die Regierung insgesamt und den ANC. Aber natürlich auch für den Präsidenten, der nun über ein Jahr regiert und die versprochenen Reformen nicht so recht in Angriff genommen hat. Im Grunde ist der ANC in zwei fast gleiche Teile gespalten. Einmal den Reformflügel, der durch Ramaphosa repräsentiert wird, und dann die Fraktion der ehemaligen Zuma-Anhänger, die bis heute eine große Rolle spielt. Diese Spaltung ist das größte Handicap für die Bemühungen Ramaphosas, die Weichen neu zu stellen.

IP: Und die anderen Parteien?
Kappel: Die Economic Freedom Fighters konnten zulegen, die Democratic Alliance, die früher nur als weiße Partei angesehen wurde, aber seit Langem gemischt ist, ebenfalls. Das zeigt, dass das demokratische System in Südafrika funktioniert. Damit weiß der ANC, dass er nicht einfach so weitermachen kann wie bisher. Aber das eigentlich erschreckende Ergebnis ist, dass viele Millionen Wähler, gerade junge Leute, gar nicht zur Wahl gegangen sind. Die Menschen, die nach dem Ende der Apartheid geboren sind, setzen nicht mehr auf das alte ANC-Personal. Die haben sich total von der Politik abgewandt. Das hat vor allem mit der desaströsen wirtschaftlichen Lage der Jugend zu tun.

IP: Was könnte man tun, um die Situation zu verbessern? Die hohe Jugendarbeitslosigkeit hat ja auch viel mit dem maroden Bildungssystem zu tun.
Kappel: Die Regierung hat schon einiges an Geld ins Schulwesen gesteckt. Und es gibt ja auch ein exzellentes, gut funktionierendes Bildungssystem – allerdings nur für relativ reiche Menschen, wenn auch immerhin nicht mehr nur für Weiße. Selbst die Absolventen der teils exzellenten Universitäten finden oft keinen Job. Nicht nur wegen der oft mangelnden Qualifikation, sondern auch weil das Unternehmertum fehlt, das die Hochschul- und Berufsschulabgänger aufnehmen könnte – und das hat mit der Struktur der Wirtschaft zu tun.

IP: Konkret?
Kappel: Wir haben es mit einer stark oligopolistischen Struktur zu tun. Es gibt hier viele große Firmen, die auch international ein gewisses Renommee haben, etwa die Supermarktketten oder die Industrieunternehmen. Aber was fast ganz fehlt, ist der Mittelstand. Dort müssten eigentlich die Beschäftigten aufgenommen werden, die aus den Universitäten oder aus den Schulen kommen.

IP: Warum fehlt der Mittelstand?
Kappel: Kleine und mittlere Unternehmen werden nicht in ausreichendem Maße gefördert. Das gilt besonders für das verlorene Jahrzehnt unter Zuma. Dementsprechend haben wir hier auch eine relativ schmale Mittelschicht, vielleicht 20 Prozent der Bevölkerung. Die Elite hat einen Anteil von rund 4 Prozent.

IP: Und der Rest gehört zu den Armen?
Kappel: Ja. Die ganz Armen machen über 70 Prozent der Bevölkerung aus. Und wenn Sie sich die Zahlen genauer anschauen, dann sind rund 60 Prozent der Schwarzen arbeitslos. Bei den Farbigen sind es schon viel weniger, 40 Prozent. Bei den Indischstämmigen noch weniger, und bei den Weißen unter 10 Prozent.

IP: Hat denn das Black Economic Empowerment etwas gebracht, mit dem man Schwarzen, Farbigen und Indern bessere ökonomische Chancen ermöglichen will?
Kappel: Durchaus. Heute behauptet sich eine ganze Reihe „schwarzer“ Unternehmen auf dem Markt; eine schwarz-südafrikanische Mittelschicht ist entstanden. Außerdem müssen alle Firmen, die eine bestimmte Größe erreicht haben, einen gewissen Anteil an Nicht-Weißen einstellen. Daneben wollte man auch dafür sorgen, dass die Verwaltungen diversifiziert werden, ebenfalls durch „affirmative action“, quasi eine positive Diskriminierung der Schwarzen, Farbigen und Inder. Das hat dann aber zu neuer Ungleichheit geführt.

IP: Inwiefern?
Kappel: Weil sich nun die Weißen herausgedrängt fühlten. Und die haben, gut ausgebildet, wie sie waren, ihr Heil im privaten Unternehmertum gesucht. Die weiße Mittelschicht hat ihren Wohlstand vermehrt – und zwar stärker, als es auf der „anderen“ Seite geschah. Hinzu kommt, dass durch das BEE Unternehmen begünstigt wurden, die ihre Förderung allein ihren Kontakten zum ANC verdankten. Auf sich allein gestellt wären sie wohl kaum überlebensfähig gewesen, aber so erhielten sie Zugang zu Staatsaufträgen. Das hat zu erheblichem Unmut unter denen geführt, die solche Privilegien nicht genossen. Diese Stimmung bekommt auch Ramaphosa zu spüren – als Multi-Millionär und als jemand, der seinerseits als Profiteur des alten Systems gilt.

IP: Ramaphosa hat sich den Kampf gegen die Korruption auf die Fahnen geschrieben. Meinen Sie, dass er sich durchsetzen kann gegen Zuma und dessen ANC-Clique?
Kappel: Zunächst einmal hat Ramaphosa einen erheblichen Rückhalt in der Öffentlichkeit. Den Leuten ist bewusst, was die Korruption im verlorenen Jahrzehnt angerichtet hat. Nehmen Sie nur mal ein Unternehmen wie Eskom …

IP: Südafrikas staatlicher Stromkonzern …
Kappel: Das ist ein einziges korruptes System, mit Verschwendung von Geldern, unübersichtlichen Deals und zugleich einer miserablen Versorgung der Bevölkerung mit Elektrizität. Ähnlich sieht es bei South African Airways aus, bei Transnet und vielen anderen Staatskonzernen. Das wird ein harter Kampf, weil diese Unternehmen ausgesprochen mächtig sind. Und weil das System sich so weit verbreitet hat, quasi endemisch geworden ist. Man kann nur hoffen, dass Ramaphosa nicht nur mit seinen eigenen ANC-Leuten versucht, diese Reformen durchzuführen, sondern dass er auch mit anderen kooperiert, vor allem mit der Democratic Alliance. Die ist ja für Korruption nach allen Erfahrungen weit weniger anfällig als der ANC.

IP: Was für einen Spielraum hat Ramaphosa denn überhaupt für Reformen?
Kappel: Einen sehr begrenzten. Das hat auch damit zu tun, dass die Wirtschaft unter Zuma in eine falsche Richtung gelenkt wurde. Man hat sich auf den Rohstoffsektor konzentriert, der 60 Prozent des Außenhandels ausmacht. Das ist allerdings ein kapitalintensiver Sektor mit vergleichsweise wenigen Beschäftigten. Den Übergang zur nächsten Entwicklungsstufe, einer stärkeren Industrialisierung, hat das Land nicht geschafft; es steckt, wie es die Ökonomen nennen würden, in der „Mittlere-Einkommen-Falle“.

IP: Dabei hat Südafrika durchaus seine Stärken in der verarbeitenden Industrie …
Kappel: Ja, besonders in der Automobilproduktion, im Rüstungssektor, in der Metallverarbeitung. Aber gerade in der verarbeitenden Industrie haben wir in den vergangenen zehn Jahren einen Rückgang erlebt. Die Zahl der Beschäftigten in der Textilindustrie etwa ist von 200 000 auf heute rund 100 000 Beschäftigte zurückgegangen. Und das in einem Sektor, in dem gerade Geringqualifizierte Arbeit finden können! Hier zeigt sich, dass Südafrika im globalen Wettbewerb einige Nachteile hat. Das hat auch mit der isolierten Lage des Landes zu tun. Es liegt weit weg von den wirtschaftlichen Zentren, den USA, der EU, China. Und das direkte Umfeld ist wirtschaftlich nicht sonderlich stark.

IP: Der viel beschworene Absatzmarkt direkt vor der Tür ist gar nicht so viel wert?
Kappel: Nicht ganz so viel. Maximal 14 Prozent des afrikanischen Handels finden innerhalb Afrikas statt. Südafrika treibt seinen Außenhandel zu 60 Prozent mit den USA und mit Europa. Natürlich wachsen einige afrikanische Volkswirtschaften stark, aber dieses Wachstum startet häufig von einem sehr niedrigen Niveau aus und ist weitgehend rohstoffgetrieben. Es gibt allerdings mittlerweile viele südafrikanische Supermärkte auf dem Kontinent und auch Rohstoff­unternehmen vom Kap, die stark in anderen Ländern investieren.

IP: Inwieweit würde Südafrika von einer afrikanischen Freihandelszone profitieren?
Kappel: Für Südafrika als stärkster Wirtschaftsmacht wäre ein solcher Wirtschaftsraum sicher von Vorteil. Vor Ort höre ich aber auch ganz andere Stimmen. So könnten etwa im Zuge der Öffnung relativ billige Nahrungsmittel aus den Nachbarländern ins Land kommen, die den südafrikanischen Produkten Konkurrenz machen würden. Außerdem wird der afrikanische Markt nicht das ausgleichen können, was man durch den sich abschwächenden Handel etwa mit China verliert. Das hat auch mit dem nachlassenden chinesischen Wachstum zu tun und dem Wunsch Pekings, sich verstärkt nach innen zu wenden.

IP: Warum ist China für Südafrika so wichtig?
Kappel: Die Beziehungen sind sehr eng, und gerade Zuma hat auf die chinesische Karte gesetzt. Viele Südafrikaner gehen inzwischen zum Studium nach China, Peking hat Konfuzius-Institute in Südafrika errichtet, es gibt viele Schulen, an denen Chinesisch gelehrt wird. Aber es gibt auch gewisse Vorbehalte, weil durch chinesische Billigimporte ein Teil der Unternehmen Südafrikas unter Druck geraten ist, etwa im Textilbereich. Andererseits haben die Chinesen Missstände wie Korruption oder Gewalt deutlich kritisiert und Reformen angemahnt. Heute sind Hunderte, wenn nicht Tausende chinesischer Staats- und Privatunternehmen in Südafrika tätig. Diese Firmen bringen Technologie mit und neue Netzwerke, und insofern hat sich die stärkere Kooperation mit ­China unterm Strich für Südafrika gelohnt. Das gilt in ähnlicher Weise auch für die Zusammenarbeit mit Indien, vielleicht sogar noch stärker.

IP: Wenn man sich einem neuen Partner zuwendet, wendet man sich oft vom alten ab. Sie haben schon vor Jahren gewarnt, Europa dürfe Afrika, speziell Südafrika, nicht aus den Augen verlieren. Wie sieht es da zurzeit aus?
Kappel: Natürlich war man in Europa nicht gerade glücklich über den Wirtschaftskurs unter Zuma und hat wiederholt Reformen gefordert – Liberalisierung der Märkte, Korruptionsbekämpfung, Stärkung von Privatunternehmen. Die Diskussionen über Verstaatlichung haben die Zweifel natürlich nicht zerstreut. Doch daneben gäbe es viele Möglichkeiten, die Zusammenarbeit zu vertiefen und dabei vielleicht auch etwas von China zu lernen – etwa bei den Hochschulen, beim Studentenaustausch. Hier ist einiges versäumt worden. Auch in Deutschland setzt man nach den schlechten Erfahrungen mit Zuma auf Ramaphosa, mahnt aber ebenfalls Reformen an.

IP: Sie haben die Sorgen der Europäer vor Enteigungen angesprochen. Wie ist da der Stand der Diskussion? Seit Ende 2018 gibt es einen neuen Gesetzentwurf …
Kappel: Der Entwurf sagt nicht viel mehr, als dass Enteignungen möglich sind – auch von ausländischen Unternehmen und Immobilien. In diesem Zusammenhang fällt oft das Wort „entschädigungslos“, aber Ramaphosa hat schon erklärt, man werde entschädigen. Es wird also wohl hier und da zu Privatisierungen oder Aufkäufen kommen. Ansonsten dürfte nicht viel passieren.

IP: Warum nicht?
Kappel: Weil es viele weiße Farmer gibt, die im großen Maßstab exportieren, von der Wein- bis zur Gemüseproduktion. Das ist ein enormer Wirtschaftsfaktor. Natürlich, die Verteilung ist alles andere als gerecht. Unter 6000 südafrikanischen Weinfarmen finden sich gerade einmal sechs schwarze Weinbauern! Allerdings sind diese Großbetriebe komplexe Angelegenheiten. Es hat ja schon Übertragungen an lokale Bauern gegeben, aber die können so etwas nicht managen. Insofern wird eine Regierung, die das Land nicht in die Richtung Simbabwes führen möchte, es weitgehend bei der Rhetorik belassen. Zunächst müsste man ohnehin dafür sorgen, dass die ländliche Bevölkerung besser ausgebildet wird. Und man müsste schwarzafrikanische Bauern durch Förderung, durch Ausbildung, Beratung sowie Steuererleichterungen in die Lage versetzen, Landwirtschaft in einem größeren Maßstab betreiben zu können.

IP: Noch mal zum Blick aus Europa: Haben Sie den Eindruck, man gewinnt in Deutschland aus den Medien ein umfassendes Bild über Südafrika?
Kappel: Ich glaube, dass wir dazu neigen, zu großen Wert auf die Krisenphänomene zu legen. Es gibt sehr viele positive Dinge, die wir überhaupt nicht wahrnehmen. Etwa, dass Südafrika ein unglaublich starker Medienstandort ist. Sie haben hier eine ausgesprochen lebendige Zivilgesellschaft, eine innovative Start-up-Szene, jede Menge Kultur. Darüber wird bei uns kaum berichtet. Was auch damit zu tun hat, dass die Korrespondenten damit bei ihren Chefs nach eigener Aussage oft nicht durchkommen. Sonst würde man mehr über die ausgezeichnete Infrastruktur lesen oder über Südafrikas Rolle als internationale Drehscheibe.

IP: Hat denn die WM 2010 dazu beigetragen, das Image des Landes zu korrigieren?
Kappel: Durchaus. Ökonomisch gesehen war der Nutzen allerdings überschaubar. Es gab zwar einen Bauboom, aber man hat jetzt eben auch die Ruinen der Stadien, die niemand mehr nutzt. Im Grunde bin ich aber für die Zukunft des Landes ganz zuversichtlich. Ich glaube nicht an die These, die auch in Deutschland in gewissen Kreisen verbreitet ist, dass Südafrika weiter zurückfallen werde und eine Simbabwesierung des Landes drohe. Dazu sind die Potenziale zu groß, die Zivilgesellschaft zu stark und die Demokratie zu lebendig. Entscheidend wird es sein, das Land zu versöhnen, die Ungleichheit zu bekämpfen, Innovationen zu fördern und vor allem der Jugend eine Perspektive zu bieten.
 

Prof. Dr. Robert Kappel ist ehemaliger Präsident des German Institute of Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg und Prof. em. der Universität Leipzig.

Das Gespräch führte die IP-Redaktion.

 
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