„Vielleicht sind wir ein bisschen mutiger“

Gründerinnenzeit: Eine saudische Unternehmerin im Gespräch

1. November 2018 - 0:00

IP Wirtschaft 03/2018, November 2018 - Februar 2019, S. 24-28

Kategorie: Wirtschaft & Finanzen, Geschlechterbeziehungen, Golfstaaten

Auch für gut ausgebildete Frauen in Saudi-Arabien bleibt der Einstieg ins Berufsleben schwierig; von der Rückkehr nach einer Schwangerschaft ganz zu schweigen. Immer mehr machen aus der Not eine Tugend und starten ihr eigenes Unternehmen – wie Maha Shira, Gründerin von SHEWORKS. Ein Interview über Kredite, Kinderbetreuung und die Parkplatzsuche in Riad.

IP: Frau Shira, wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Co-Working-Büro namens SHEWORKS zu gründen?
Maha Shira: Meine ursprüngliche Idee war es, als freiberufliche Fotografin zu arbeiten. Ich hatte zuvor in Kanada Fotografie studiert und daneben einen Abschluss als Finanzbuchhalterin gemacht. Von zu Hause aus zu arbeiten, gestaltete sich allerdings schwierig, weil ich kleine Kinder hatte und so ständig abgelenkt war. Und sich beruflich mit anderen in Cafés oder an sonstigen öffentlichen Orten zu treffen, fand ich unpraktisch und unprofessionell. 2013 begann ich deshalb, nach Räumlichkeiten zu suchen, in denen Freiberuflerinnen zusammen arbeiten und voneinander profitieren können. Co-Working war ein ausgesprochen neues Konzept in Saudi-Arabien. In Riad gab es nur zwei solcher Büros, und für mich als Frau war es unangenehm, dort zu arbeiten. Es wurde viel geraucht, und die Einrichtung war auf männliche Geschmäcker zugeschnitten. So bin ich auf die Idee für SHEWORKS gekommen, einen Co-Working-Space für Frauen. Ich habe mit viel Liebe fürs Detail die Räume so gestaltet, dass Frauen sich dort wohlfühlen. Wenn wir gewissermaßen „unter uns“ sind, können wir uns wie zu Hause fühlen, unsere ­Hijabs und Abayas ablegen, Alltagskleidung und Make-up tragen.

IP: Berufliche Selbstständigkeit ist in Saudi-Arabien ein vergleichsweise junges Phänomen. Was treibt gerade Frauen hier an, ein Unternehmen zu gründen?
Shira: Tatsächlich ist es bei uns nach wie vor eher üblich, für die Regierung zu arbeiten. Doch immer mehr Menschen starten ihre eigene Firma; man könnte von einer Art Trend sprechen. Bei der Motivation spielt Arbeitslosigkeit eine entscheidende Rolle. Viele Frauen müssen ihre Jobs kündigen, wenn sie schwanger werden. Mir ging es genauso, weil ich Komplikationen während der Schwangerschaft hatte und mich eine Weile um meine Kinder kümmern wollte. Es war nicht leicht, danach wieder ins Berufsleben einzusteigen. Ich hatte viel verpasst. So geht es einigen Frauen. Denn auch wenn es nicht offen gesagt wird – Unternehmen stellen lieber jüngere Frauen ein als ältere, verheiratete. Das ist für viele Frauen ausschlaggebend, ihre eigene Firma zu gründen. Soziale und wirtschaftliche Faktoren, aber auch die Möglichkeit, sich die Arbeitszeit flexibel einzuteilen, haben diesen Trend vorangetrieben.

IP: Mit welchen Problemen hatten Sie beim Aufbau Ihrer Firma zu kämpfen?
Shira: Mit einigen. Für bestimmte Dinge gab es noch keine Vorschriften oder Genehmigungen, weil es das Konzept Co-Working in dieser Form vor fünf Jahren noch nicht gab. Außerdem befand sich das Land in einer Umbruchphase. König Abdullah war tot, König Salman hatte die Führung Saudi-Arabiens übernommen. Seitdem hat sich vieles verändert. Inzwischen gibt es Bestimmungen für die Eröffnung von Co-Working-Büros, und man kann online eine Genehmigung beantragen. Das ist gar nicht mehr so kompliziert. Wir waren Vorreiter und haben dazu beigetragen, diese Prozesse zu vereinfachen. Wir mussten viele Hürden überwinden, um das Denken der Menschen zu verändern – insbesondere das in den Behörden.

IP: Was bedeutete das konkret?
Shira: Wir sind im Dialog geblieben, haben auf Twitter diskutiert, unsere Verbindungen genutzt und uns mit Ministern und Ministeriumsmitarbeitern getroffen, die an der Förderung von Start-ups interessiert sind. Natürlich war das alles nur möglich, weil Kronprinz Mohammed bin Salman die Ministerien angewiesen hat, Unternehmen und Start-ups zu unterstützen.

IP: Sie haben Kontakt zu vielen Gründerinnen. Welche Art von Unternehmen werden am häufigsten ins Leben gerufen?
Shira: Die Mehrheit der Start-ups, die ein Büro benötigen, sind Unternehmen aus der digitalen Branche. Alles, was mit E-Commerce zu tun hat, wie Webseiten-Entwicklung, aber auch Innenarchitektur, Grafikdesign und Buchhaltung. Daneben finden Sie eher traditionelle Unternehmen wie Frauen-Cafés oder Beauty-Salons. Andere Frauen arbeiten von zuhause aus und vertreiben selbst gekochte Speisen oder selbst designte Abayas und andere Kleidungsstücke über Instagram und andere soziale Medien.

IP: Laut offizieller Statistik ist der Anteil saudischer Unternehmerinnen ­zwischen 2007 und 2017 von 4 auf 39 Prozent angestiegen. Sie haben bereits einige Gründe genannt, aber der Anstieg ist schon bemerkenswert …
Shira: Zum Teil mag das mit den King Abdullah Scholarships zu tun haben, die seit 2005 vergeben werden – eine großartige Initiative der Regierung. Ich gehörte zu den Studentinnen und Studenten, die im Rahmen dieses Programms ins Ausland entsandt wurden; ich begleitete meinen Mann. Viele Saudis haben seitdem Bachelor- oder Master-Abschlüsse in Kanada, den USA oder Deutschland erworben, und viele der Frauen, die im Ausland studiert haben, finden auch anschließend eine Beschäftigung. Allerdings herrscht bei uns nach wie vor ein Missverhältnis. Verglichen mit anderen Ländern verfügen überdurchschnittlich viele Frauen über einen Universitätsabschluss; sie haben bessere Noten als die Männer und besuchen mehr Weiterbildungskurse. Dennoch ist die Arbeitslosenquote bei Frauen höher als bei Männern – und damit auch der Druck, in die Selbstständigkeit auszuweichen. Männer können sich bei uns freier bewegen und Erfahrungen sammeln, und deshalb fällt es ihnen leichter, Jobs zu finden. Das ist allerdings ein globales Problem, nicht nur ein saudisches.

IP: Inwieweit kann die Vision 2030 hier Abhilfe leisten?
Shira: Frauen und Männer arbeiten jetzt schon gemeinsam in Ministerien. Früher gab es das nicht, da gab es spezielle Frauen-Abteilungen. Jetzt geht die Regierung mit gutem Beispiel voran, damit private Unternehmen nachziehen. Immer mehr Frauen besetzen Führungspositionen. So hat Prinz Salman Prinzessin Reema bint Bandar zur Vizepräsidentin für Planung und Entwicklung bei der saudischen General Sports Authority berufen, gewissermaßen dem saudischen Sportministerium. Auch in anderen Ministerien gibt es weibliche Stellvertreter.

IP: Fast 40 Prozent weibliche Unternehmer – ist das typisch für die Golfstaaten?
Shira: Mein Eindruck ist, dass wir in Saudi-Arabien etwas fortschrittlicher und mutiger sind als die Frauen in den Emiraten. Die Frauen in Kuwait waren uns früher voraus, aber wir haben mittlerweile aufgeholt.

IP: Nutzen eigentlich auch Frauen aus dem Ausland SHEWORKS?
Shira: Bislang noch nicht – grundsätzlich sind sie aber bei uns willkommen. Ich hatte einige Anfragen aus dem Ausland. Viele von ihnen leben in Dubai und möchten den saudischen Markt für sich erschließen. Ich stand zum Beispiel in Kontakt mit zwei Britinnen und einer Russin, die nach Saudi-Arabien expandieren möchten. Sie arbeiten noch an ihrem Geschäftsmodell. Seit einigen Jahren gibt es auch eine Regierungsinitiative namens SAGIA, die sich an ausländische Investoren richtet.

IP: Haben Sie Anfragen aus Deutschland?
Shira: Da hilft in Riad eine Vertretung der Deutschen Außenhandelskammer (AHK). Ein weiteres Büro wird demnächst in Dschidda eröffnet. Ziel ist es, die Handelsbeziehungen zwischen den beiden Ländern zu stärken. Zwar war das Verhältnis zwischen Deutschland und Saudi-Arabien in den vergangenen eineinhalb Jahren nicht so gut, wie es sein sollte. Aber derzeit sind wir wieder auf einem guten Weg.

IP: In welchem Maße sind Frauen in Saudi-Arabien von der finanziellen Unterstützung ihrer Familien abhängig, um ein Geschäft zu gründen?
Shira: Für Start-up-Gründerinnen war es in der Vergangenheit ausgesprochen schwierig, einen Kredit von der Bank zu bekommen. Die Auflagen für ein Darlehen waren schlicht zu hoch. Mittlerweile wird das einfacher, weil die Banken ihre Anforderungen nach und nach herunterschrauben. Außerdem gibt es neue Regierungsinitiativen, die Start-up-Gründern einen leichteren Zugang zu Krediten ermöglichen sollen. Dennoch bleibt die Familie ein wichtiger Faktor. Man muss ja wissen, dass Saudi-Arabien früher kein reiches Land war. Viele unserer Eltern kommen aus ärmlichen Verhältnissen und wissen daher, wie wichtig Ersparnisse sind. Ich wurde von meinem Großvater unterstützt. „Warum steckst du deine Energie nicht in dein eigenes Geschäft, anstatt zu Hause zu bleiben und für andere zu arbeiten?“, fragte er mich. Also gab er mir Geld, um meine eigene Firma zu gründen. Er ermutigte mich, denn er glaubte an mein Talent und an meine Fähigkeiten. Nicht alle Frauen erhalten solche Unterstützung. Manche gründen Firmen, weil sie, wie erwähnt, arbeitslos sind, weil sie geschieden sind oder weil sie aus prekären Verhältnissen kommen und sich selbst versorgen müssen.

IP: Wie könnte die Regierung in Saudi-Arabien Gründerinnen das Leben ein­facher machen?
Shira: Ich wäre schon sehr glücklich, wenn es nur eine einzige Internet-Plattform für Unternehmerinnen und Unternehmer gäbe, auf der alles Wichtige zusammengefasst wird. Im Moment muss ich fünf oder sechs Internetseiten von Ministerien besuchen, um Anträge einzureichen. Zugegeben, das ist schon eine Verbesserung im Vergleich zu früher, als man noch alles per Hand erledigen musste. Dennoch könnte es nichts schaden, wenn wir hier noch ein bisschen fortschrittlicher würden. Aber die Regierung arbeitet daran.

IP: Wie sieht es mit der Kinderbetreuung aus?
Shira: Mein Büro, SHEWORKS, befindet sich über einer Kindertagesstätte. Das ist einer der Gründe, warum ich diesen Standort gewählt habe. Viele Frauen möchten ihre Kleinkinder nicht bei Fremden lassen und verzichten deshalb darauf, arbeiten zu gehen. Der gesellschaftliche Wandel und die Auflösung der Großfamilie bringen es mit sich, dass unsere Eltern oft als Babysitter ausfallen. Die staatliche Kinderbetreuung ist auf die Arbeitszeit von Lehrern ausgerichtet und endet um 13 Uhr. Angestellte im privaten Sektor arbeiten länger und wissen oft nicht, wo sie ihre Kinder betreuen lassen können. Viele private Kitas wie die unter meinem Büro haben ihre Öffnungszeiten bis 17 Uhr ausgedehnt. Es gibt auch Unterstützung seitens der Regierung, die im ersten Arbeitsjahr der Mütter die Hälfte der Kitagebühren übernimmt. Mit anderen Worten – es gibt Kinderbetreuung, aber wir brauchen ein noch größeres Angebot.

IP: Seit Kurzem dürfen Frauen in Saudi-Arabien Auto fahren. Wie wird sich das auswirken?
Shira: Frauen waren bisher auf private Fahrer angewiesen, weil es keinen öffentlichen Nahverkehr gibt. Taxi-Unternehmen, Uber und das lokale Careem sind auch teuer. In Riad leben sieben Millionen Menschen, und alle fahren gleichzeitig mit dem Auto zur Arbeit oder zur Schule. Das kann gar nicht ohne Staus abgehen. Eine U-Bahn ist im Bau, aber bis die fertig ist, wird es noch dauern. Und viele Frauen hatten bisher nicht genug Geld, um Fahrer einzustellen. Berufseinsteigerinnen verdienen im besten Fall 1000 Euro. Oft mussten sie die Hälfte davon für einen privaten Chauffeur ausgeben. Dazu noch die Kosten für das Auto – da blieben viele lieber gleich zu Hause. Eine meiner Freundinnen ist Ärztin. Sie fährt ihre Kinder selbst mit dem Auto zur Schule und danach weiter zur Arbeit. Früher musste sie zwei Fahrer finanzieren, einen für sich und einen für ihre Kinder. Ich persönlich hasse übrigens Autofahren in Riad – die Hitze, die Parkplatzsuche. Ich freue mich auf die Metro!

Maha Shira ist Gründerin von SHEWORKS, dem einzigen Gemeinschaftsbüro in Riad, das ausschließlich Frauen offensteht. Vorher arbeitete sie bei einer saudischen Bank und als Foto-grafin. SHEWORKS bietet nicht nur Büroräume, sondern hilft auch bei der Ideenfindung und Umsetzung. Shira hat bereits fast 60 von Frauen geführte Start-ups auf den Weg gebracht.

Die Fragen stellten Henning Hoff und Joachim Staron.

 
Aktuelle Ausgabe

IP Wirtschaft

 

ip archiv
Meistgelesen