Brasilien von A bis Z

1. July 2013 - 0:00

IP Länderporträt Brasilien, Juli/August 2013, S. 20-41

Kategorie: Staat und Gesellschaft, Sozialpolitik, Demografie, Brasilien, Südamerika

Bildung
Favelas
Frauen
Gewerkschaften
Infrastruktur
Internet und Medien
Investitionsstandort
Klima- und Umweltschutz
Landwirtschaft
Migration
Protektionismus
Schönheitschirurgie
Tourismus

 


Bildung

In Brasiliens Bildungssystem hat sich seit dem Ende der Militärdiktatur 1985 viel verändert. Konnte vor 30 Jahren noch ein Viertel der Brasilianer über 15 Jahren nicht lesen und schreiben, sank die Quote bis 2009 auf 10 Prozent. Die Zahl der Kinder, die eine Schulbildung erhalten, ist deutlich gestiegen. Waren es Anfang der neunziger Jahre nur 80 Prozent der Schulpflichtigen, so besuchen mittlerweile 98 Prozent der Kinder im Alter zwischen sechs und 14 Jahren eine Schule. Die Höhe der staatlichen Bildungsausgaben hat sich in den vergangenen 15 Jahren verdoppelt. Damit entsprechen sie pro Schüler gerechnet nur einem Viertel des OECD-Durchschnitts. Den Vergleich mit anderen BRIC-Staaten muss Brasilien hingegen nicht scheuen (siehe Grafik).

Höhere Bildung ist aber weiterhin ein Privileg der Oberschichten. Mittlerweile gibt es keine verschiedenen staatlichen Schultypen mehr, sondern eine acht Jahre dauernde, allgemeinbildende Schule und einen dreijährigen Sekundarschulbereich, in dem zwischen einem allgemeinbildenden und einem berufsbildenden Teil unterschieden wird. Die Qualität lässt allerdings zu wünschen übrig. Beim jüngsten PISA-Test (2009) landete Brasilien auf den hinteren Plätzen: bei der Lesekompetenz und in den Naturwissenschaften auf Rang 53, in Mathematik auf Rang 57 (von 65). Schuld daran ist unter anderem ein immenser Lehrermangel. Die Folge sind überfüllte Klassenzimmer, auch an Unterrichtsmaterial fehlt es. Insgesamt sind die öffentlichen Bildungseinrichtungen eher schlecht ausgestattet, insbesondere im Norden und Nordosten des Landes. 15 000 Schulen sind nicht ans Stromnetz angeschlossen. Privatschulen sind dagegen erheblich besser ausgestattet – allerdings kosten sie monatlich umgerechnet 200 bis 500 Euro; bei einem monatlichen Durchschnittslohn von 591 Euro (Stand 2011) ist das für die meisten Familien unerschwinglich. 

Auch im Bereich der höheren Bildung bleiben die Entwicklungen widersprüchlich: Der Besuch staatlicher Universitäten ist kostenlos; aber den obligatorischen Eingangstest, das so genannte Vestibular, schaffen meist nur die Absolventen der Privatschulen. Wer aufgenommen wird, entscheidet die Bewerberzahl. Es gibt keine bestimmte Punktzahl, die erreicht werden muss, vielmehr kann es sein, dass bei einer Überschreitung der Kapazitäten nur ein festgelegter Prozentsatz zugelassen wird. Privatuniversitäten sind im Gegensatz zu Privatschulen sehr viel günstiger, allerdings ist das Bildungsangebot oft schlechter als bei staatlichen Universitäten. Zudem bietet das Land gut ausgebildeten Absolventen bislang nur ein beschränktes Ausmaß an Karrierewegen: Junge Brasilianer können im Ausland ein Vielfaches dessen verdienen, was in ihrer Heimat möglich wäre, und so zieht es sie häufig in die USA, nach Japan oder Europa. 

Bei der Berufsbildung wird unterschieden zwischen Beschäftigung (ocu­pação) und Beruf (profissão). Viele Tätigkeiten – rund 3800 insgesamt – fallen laut Arbeitsministerium unter „Beschäftigung“, für die keine Ausbildung erforderlich ist. Nur für etwa 80 Berufe gibt es einen staatlichen Ausbildungsweg, vor allem in den Bereichen Chemie, Handel, Informatik und Umwelt. 

Brasilien bemüht sich um Verbesserungen und orientiert sich dabei auch am dualen Bildungssystem. So unterhält der Nationale Dienst für die Industrielle Ausbildung (SENAI) heute 744 mobile und stationäre Ausbildungseinrichtungen. Die Kurse in Bereichen wie Kraftfahrzeugwesen, Bauwesen, Elektronik oder Metallbearbeitung finden häufig in Kooperation mit ausländischen Partnern statt, zum Beispiel dem Bundesinstitut für Berufsbildung in Deutschland.


Favelas

Favelas stammen aus dem Rio de Janeiro des späten 19. Jahrhunderts: Infolge der Abschaffung der Sklaverei 1888 kam es zu einer enormen Landflucht, die Armensiedlungen rankten sich an den Rändern der Stadt empor – eben wie die Kletterpflanze Favela. Rund 900 dieser Armensiedlungen gibt es heute in Brasiliens größter Stadt. Ursprünglich bestanden die Behausungen meist aus Kistenbrettern, Blechkanistern und Palmwedeln, mittlerweile sind sie auch aus Steinen und Holzbrettern errichtet. 

Favelas sind Welten für sich, mit eigenen Regeln und Gesetzen. Die dort herrschenden Bosse, häufig Anführer krimineller Banden, verfügen über enorme Macht und prägen auch das soziale Geflecht. Als moderne „Robin Hoods“ verehrt, kümmern sie sich um elternlose Kinder und sorgen dafür, dass mittellose Kranke zum Arzt gehen können. 1987 gab es gar Proteste von Favela-Bewohnern gegen die Verhaftung eines Drogenbosses. In den Favelas entstanden die ersten Fußballclubs und die berühmtesten Sambaschulen. Finanziert wird die Ökonomie der Armutsviertel durch den Drogenhandel mit dem reicheren Teil der brasilianischen Bevölkerung – und durch großen Bedarf der Mittelschicht an billigen Dienstleistungen, von Köchinnen oder Wachmännern, Gärtnern oder Putzfrauen, Handwerkern oder Händlern. Favelas sind somit auch Ausdruck sozialer Ungleicheit, die in Brasilien so ausgeprägt ist wie in kaum einem anderen Land der Welt: 2005 verfügten die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung über 48 Prozent des Nationaleinkommens, während über 40 Millionen Brasilianer von weniger als zwei Dollar am Tag leben.

Laut einer Schätzung von 2004 lebt etwa ein Drittel der Einwohner von Rio de Janeiro in Favelas. Zu Beginn der neunziger Jahre startete das Programm „Favela Bairro“ mit dem Ziel, die Favelas in normale Stadtviertel (bairros) umzuwandeln. Rio de Janeiro gab dafür 120 Millionen Dollar aus, die Interamerikanische Entwicklungsbank (IDB) brachte 180 Millionen Dollar an Vorfinanzierung auf. Eine erste Phase des Projekts erschöpfte sich in meist technischen Maßnahmen, ohne jedoch die Bewohner selbst einzubeziehen. So wurde das Sanitärsystem verbessert, an den sozialen Bedingungen änderte sich aber kaum etwas. Im März 2000 ging das Projekt in die zweite Runde, die IDB sagte weitere 180 Millionen Dollar zu. „Favela Bairro II“ konzentrierte sich auf die Errichtung von Schulen und Kindergärten, Beschäftigungsförderung und die Einrichtung von Informationsbüros für Anwohner. Trotz mancher positiver Effekte konnten aber nur punktuell Verbesserungen erreicht werden. 

Weil man den Besuchern der Fußballweltmeisterschaft 2014 und der Olympischen Spiele 2016 keine Armutsviertel präsentieren will, geht der Staat heute oft brutal gegen die in den Favelas operierenden Drogenbosse vor: In manchen Vierteln rücken die Ordnungskräfte mit Panzern und Soldaten vor, während Hubschrauber das Geschehen aus der Luft kontrollieren. Anfang März 2013 rückten 1800 Soldaten bei solch einer Operation in die Favelas Complexo do Caju und Barreira do Vasco ein, die „Friedenspolizei“ UPP (Unidade de Polícia Pacificadora) hat bereits 31 Stützpunkte errichtet, am Ende sollen es 45 Posten werden, die 160 Favelas dauerhaft befrieden sollen. In den brasilianischen Medien häufen sich neuerdings Berichte über Bewohner, die plötzlich in Frieden leben können, sich selbständig machen, eine „richtige“ Adresse haben, am öffentlichen Leben teilnehmen können. Allerdings haben sich in manchen Gegenden auch die Immobilienpreise vervierfacht. Der permanente Einsatz von Polizei und Militär ist zudem mit hohen Personalkosten verbunden; wie es nach den Großereignissen von 2014 und 2016 weitergeht, ist ungewiss. Und bislang blieb das „Favela-Bairro“-Programm auf Rio beschränkt. 

Rauschgiftmafias, Jugendbanden und Korruption behindern die Entwicklung in großem Ausmaß. Fast 1,1 Millionen Menschen wurden in den vergangenen 30 Jahren ermordet. 2010 gab es fast 50 000 Morde – 136 am Tag oder einer jede Viertelstunde. Waffengesetze sind lax. 14 Millionen Zivilisten tragen Waffen, ein Verbot des privaten Waffenbesitzes wurde 2005 von den Brasilianern abgelehnt. Dazu kommt: 40 Prozent des BIP werden durch Schattenwirtschaft generiert.

Auch Armut hält sich hartnäckig – dem bemerkenswerten Erfolg des von Präsident Lula da Silva begonnenen „Bolsa Familia“-Sozialhilfeprogramms zum Trotz, das nach Angaben des Ministeriums für Soziale Vorsorge bis 2010 über elf Millionen arme Haushalte (und damit schätzungsweise 47 Millionen Menschen) erreichte. Mit dem 2011 gestarteten Programm „Brasil sem Miséria“ (Brasilien ohne Armut) sollen bis 2014 weitere 16 Millionen Menschen aus der Armut geholt werden. „Brasil sem Miséria“ zielt dabei auf Familien, die Anspruch auf Grundsicherung haben, diese aus verschiedenen Gründen aber bislang nicht eingefordert haben. 


Frauen

Auf den ersten Blick geben die Zahlen Anlass für Optimismus: Der Anteil der Frauen an der arbeitenden Bevölkerung Brasiliens steigt jährlich um 5  Prozent, und auch bei den Hochschulabschlüssen haben die Frauen die Nase vorn: 43  Prozent der Brasilianerinnen erwerben einen akademischen Grad, aber nur 39 Prozent der Männer. Alles in Ordnung also im brasilianischen Geschlechterverhältnis? Nicht ganz. Im Gender Gap Index 2012 erreichte Brasilien mit einem Wert von 0,6909 (auf einer Skala von 0 bis 1) nur den 62. Rang. Nicht viel besser sieht es beim Blick auf die Details aus: Bei der Beteiligung am Arbeitsmarkt kam Brasilien auf einen Wert von 0,75 und auf Rang 72, bei der Lohngleichheit reichte es nur für Rang 124 (0,51) und bei der Beteiligung der Frauen am politischen Prozess für Rang 72 (0,1344).

Woran liegt das? Zwar steigt der zahlenmäßige Anteil der Frauen am Wirtschaftsleben, nur arbeiten sie meist in Sektoren mit niedrigen bis mittleren Einkommen. So sind 70 Prozent der Frauen im Dienstleistungsbereich, in der Landwirtschaft oder in der Verwaltung beschäftigt, aber nur 4,4 Prozent von ihnen haben Führungspositionen inne. Frauen verfügen häufiger über einen Hochschulabschluss als Männer, verdienen aber mit einer vergleichbaren Ausbildung im gleichen Beruf rund 19 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Insgesamt liegt das Einkommen brasilianischer Frauen bei nur 58 Prozent des Einkommens der Männer. Durchschnittlich kommen Frauen auf ein geschätztes Jahreseinkommen von 8883 Dollar, während Männer im Schnitt 14 648 Dollar verdienen. Hinzu kommt die Doppelbelastung durch Arbeit und Familie: Frauen leisten pro Woche 15 Stunden mehr Arbeit für Haushalt und Familie als Männer. Nicht zuletzt wird von ihnen erwartet, dass sie sich um die Betreuung älterer Familienangehöriger kümmern. Die Versorgung von Eltern oder Schwiegereltern geben viele Brasilianerinnen noch vor der Kinderbetreuung als Haupthindernis für ihre Teilhabe am Berufsleben an. 

Die Politik versuchte immer wieder, die gravierenden Unterschiede zu verringern, doch scheiterten bislang alle entsprechenden Gesetzesvorlagen im Parlament. Allerdings ist es ein Anliegen der Präsidentin Dilma Rousseff, mehr Frauen in die Politik zu holen. Ihr Anteil im Kabinett hat sich seit ihrem Amtsantritt um ein Viertel erhöht; wichtige Positionen im Verwaltungsapparat werden nach und nach mit besser qualifizierten Kräfte – und damit häufig mit Frauen – besetzt. In der Kategorie „Beteiligung am politischen Prozess“ des Gender Gap Reports rückte Brasilien von Platz 111 im Jahr 2011 um fast 40 Plätze auf Platz 72 im Jahr 2012. 

Brasilianerinnen zeigen selbst große Bereitschaft, wichtigere Rollen in Unternehmen und der Wirtschaft insgesamt zu spielen. Laut des „Centre for Talent Innovation“ geben 59 Prozent der an brasilianischen Universitäten befragten Frauen an, sehr ehrgeizig und ambitioniert zu sein. (In den USA behaupten das nur 36 Prozent der Befragten von sich.) Verbesserte Arbeitsbedingungen für Frauen kämen nicht nur dem weiblichen Teil der Bevölkerung zugute; die Weltbank („Gender Equality and Economic Growth in Brazil“) hält sie für einen Schlüssel für langfristiges Wachstum.

Einer größeren Präsenz in der Politik und einer recht gut etablierten Frauenbewegung zum Trotz hat Brasilien noch immer mit dem Problem der Gewalt gegen Frauen zu kämpfen. Erst 2006 wurde mit dem „Maria da Pinha“-Gesetz eine Rechtsgrundlage geschaffen, die eine Bestrafung häuslicher sexueller und physischer Gewalt vorsieht. (Das Gesetz wurde nach Maria da Pinha benannt, die Opfer eines „Ehrenmords“ wurde.) 2009 wurde auch die Definition für den Straftatbestand der Vergewaltigung erleichtert, was zu einem Anstieg der Anzeigen führte. Eine Erhebung des Ipsos Public Affairs und Avon Institutes Brazil stellte fest, dass sechs von zehn Brasilianern eine Frau kennen, die Opfer häuslicher Gewalt wurde. 43 486 Frauen wurden im vergangenen Jahrzehnt ermordet, so die „Map of Violence“, eine von der Regierung geförderten Studie. Mit dieser Rate liegt Brasilien auf einem traurigen Rang sieben von 84  Ländern. 


Gewerkschaften

Als relativ spät industrialisiertes Land verfügt Brasilien über eine noch vergleichsweise junge gewerkschaftliche Tradition. Die ab den dreißiger Jahren entstandenen Gewerkschaften waren zudem alles andere als unabhängige Interessenvertreter der Arbeiterschaft, sondern vollständig in das autoritär-korporative System des damaligen Präsidenten Getúlio Vargas eingegliedert. Dessen Arbeitsgesetzgebung sicherte die materielle Existenz der Gewerkschaften, unterwarf sie aber zugleich einer strengen Kontrolle durch das Arbeitsministerium. Auch in den folgenden Jahrzehnten konnten sich Gewerkschaften lange nicht aus den Klammergriffen brasilianischer Regierungen, vor allem der 1964 an die Macht gekommenen Militärdiktatur, befreien. 1983 wurde mit der Central Unica dos Trabalhadores (CUT) ein einheitlicher Dachverband gegründet, der prompt vom Arbeitsministerium verboten wurde. Gemeinsam mit dem MST, dem „Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra“ (Bewegung der Landlosen) trug die CUT durch die Organisation von Streiks wesentlich zum Ende der Militärdiktatur 1985 bei. Heute ist sie die größte Gewerkschaftsorganisation in Brasilien und mit ihren 7,4 Millionen Mitgliedern die fünftgrößte der Welt.  

Dass von 2003 bis 2011 mit Lula da Silva ein Präsident das Land lenkte, dessen Partido dos Trabalhadores (PT) ihre Wurzeln direkt auf die Gewerkschaftsbewegung zurückführt, zeigt zwar die enorm wichtige Rolle der Gewerkschaften im politischen Leben Brasiliens – stieß aber nicht überall auf Zustimmung. 2004 spaltete sich ein nicht geringer Teil der Gewerkschaftsführer innerhalb der CUT wegen deren allzu großer Nähe zu Präsident Lula ab und gründete die „Conlutas“ (wörtlich „Koordinierung der Kämpfe“), die der Vereinten Sozialistischen Arbeiterpartei näher steht. 

Brasiliens Gewerkschaften haben einen Kündigungsschutz von 30 Tagen und einen Anspruch auf Mutterschutz durchgesetzt. Außerdem erhalten Arbeiter und Angestellte Unterstützung in Rechtsfragen und behalten im Falle eines Unfalls ihren Arbeitsplatz. Derzeit setzt sich die CUT gegenüber der Regierung für eine Erhöhung der Reallöhne u.a. für die Arbeiter und Angestellten in Banken, Post sowie in der Öl- und Metallindustrie ein. Zudem sollen die Arbeitszeit weiter reduziert und die Renten erhöht werden. 

Auch Unternehmen wie der deutsche Automobilhersteller VW haben die Macht der Gewerkschaften bereits zu spüren bekommen. Unter Führung der CUT setzten die Gewerkschaften 2006 durch, dass von einer Kündigung betroffene Arbeiter des Konzerns hohe Abfindungen erhielten oder in einer Übergangsgesellschaft aufgefangen wurden. Dennoch bleibt das Gewerkschaftssystem kompliziert: Landesweit gehört nur die Hälfte der 18 000 Gewerkschaften einem Dachverband an, 8000 der eingetragenen Gewerkschaften wurden von Arbeitgebern gegründet. 


Infrastruktur

Die Fahrt zum Arbeitsplatz ist eine Qual – wenn man nicht zu den Reichen gehört, die in São Paulo oder Rio de Janeiro per Helikopter ins Büro fliegen: Selbst achtspurige Autobahnen sind fast ständig verstopft, der öffentliche Nahverkehr ist höchstens rudimentär ausgebaut. Bei einer Einwohnerzahl von knapp sechs Millionen Menschen gibt es in Rio nur zwei U-Bahnlinien von insgesamt 35 km Länge und 35 Bahnhöfen (zum Vergleich: Die Berliner U-Bahn umfasst zehn Linien von insgesamt 146 km Länge mit 173 Bahnhöfen). Die einzigen einigermaßen funktionierenden öffentlichen Verkehrsmittel im bergigen Rio sind die Seilbahnen, die einige Favelas durchqueren oder miteinander verbinden. 

In Erwartung des Besucheransturms zur Fußballweltmeisterschaft 2014 und der Olympischen Spiele von 2016, die in Rio stattfinden sollen, hat Brasilien vor zwei Jahren eine umfassende Infrastrukturinitiative gestartet. So sollen etwa 800 Städte, in denen über 100 000 Einwohner leben, mit Regionalflughäfen ausgestattet werden – insgesamt hat der Flugverkehr in und nach Brasilien in den vergangenen Jahren um 124 Prozent zugelegt. Auch der städtische Nahverkehr in den insgesamt zwölf Austragungsorten der WM soll ausgebaut werden. Zusätzlich will Brasilien auch mit Hilfe des halbstaatlichen Energieunternehmens Petrobras in großem Stil in den Ausbau der Schienennetze (umgerechnet etwa 23 Milliarden Euro), Straßen (20 Milliarden Euro), Häfen (sieben Milliarden Euro) sowie der Stromnetze (54 Milliarden Euro), Telekommunikation (28 Milliarden Euro) und Wasser/Abwasserinfrastruktur (16 Milliarden Euro) investieren. 

Um das in allen Metropolen gegenwärtige Verkehrschaos zu bändigen, setzt die Regierung dabei eher auf den Ausbau von ­U-Bahnnetzen und Güterverkehr per Bahn, der bislang nur etwa 25 Prozent ausmacht als auf weitere Autobahnen. Im Bau ist eine Nord-Süd-Transversale (von Belèm nach Panorama), geplant sind eine Ost-West-Verbindung (von Figuerópolis nach Ilhéus) und eine Transkontinentale Strecke, die von Boqueirão da Esperança im Westen nach Litoraldo do Rio de Janeiro führen würden. Die Durchführung der Großprojekte ist allerdings schwierig, denn mit Planung und Koordination wurde die staatliche Valec betraut, die immer wieder durch Misswirtschaft und Korrup­tion aufgefallen ist. 

Korruptionsvorwürfe, aber auch Umweltverträglichkeitsprüfungen, die nahezu europäischen Standards entsprechen, führten zu Verzögerungen fast aller Großbauvorhaben – weshalb ein Neukonzept der Baupläne und ein neuer Zeitplan erstellt wurden, mit dem einigen Bauprojekten Priorität eingeräumt wird. Einigen anderen – gerade auch infrastrukturellen Projekten – wurde die Priorität aberkannt: Allerdings werden ihnen weiterhin Kredite gewährt, damit sie fertiggestellt werden können. Selbst wenn der Infrastrukturausbau für die WM 2014 erfolgreich umgesetzt werden sollte, bleiben die Probleme enorm: Von Brasiliens 1,6 Millionen Straßenkilometern sind heute nur weniger als 15 Prozent asphaltiert. Verkehrsreiche Strecken werden ausgebaut, allerdings werden diese von privaten Konzessionären betrieben, die Gebühren erheben. Trotz hoher Umweltstandards in vielen Bereichen sind nur 44 Prozent der Einwohner an die Kanalisation angeschlossen, nur 15 Prozent der Abwässer werden wieder aufbereitet, der Rest wird ins Meer oder in Flüsse geleitet. 

Die immer noch unzureichende Qualität der Infrastruktur behindert die Entwicklung der Wirtschaft erheblich und erhöht die Kosten enorm. Im Logistics Performance Index der Weltbank schneidet Brasilien schlecht ab: 2012 landete es nur auf Platz 45 im weltweiten Ranking (zum Vergleich: Deutschland belegt Platz 4). Die schlechte Infrastruktur behindert nicht nur den regionalen Handel, sondern hat durch unzureichend ausgebaute Zufahrtswege zu Häfen beispielsweise auch direkte Auswirkungen auf den globalen Handel.


Internet und Medien

Nach Anzahl der Internetnutzer liegt Brasilien laut „Internet World Stats“ mit knapp 90 Millionen auf Platz 5 hinter China (538 Millionen), den USA 246 Millionen), Indien und Japan und knapp vor Russland und Deutschland. Prozentual gerechnet haben aber nur 45 Prozent der Bevölkerung Zugang zum Internet – und damit liegt Brasilien ziemlich abgeschlagen im Mittelfeld. (Zum Vergleich: In Deutschland verfügen 83 Prozent, in den USA 79 Prozent und in China nur 41 Prozent über Zugang zum Internet). Lange wird das so wohl nicht bleiben, denn die Zuwachsraten sind enorm. Der Telekommunikationsmarkt ist seit den neunziger Jahren privatisiert und entwickelte sich zuletzt geradezu explosionsartig. Anfang 2013 wuchs die Zahl der Breitbandanschlüsse nach Angaben des Telekommunikationsverbands Telebrasil auf über 86 Millionen – eine Steigerung um 45 Prozent seit 2011. Über 3200 Städte und Gemeinden haben Zugang zum mobilen Breitbandnetz. Die Verbreitung mobiler Endgeräte stieg laut „Telebrasil“ im Jahr 2012 im Vergleich zum Vorjahr um 60 Prozent. Knapp 51 Millionen Brasilianer nutzen Smartphones. 

Von der vergleichsweise großen Internetverbreitung profitieren selbst abgelegene Dörfer wie solche entlang des Amazonas; dort wurden in den vergangenen Jahren Gemeindezentren mit Computern, Internetzugang und Unterrichtsräumen ausgestattet. Dorfbewohner können seitdem kostenlos den Umgang mit Computern erlernen und so aktuelle Marktpreise für ihre Produkte abrufen und die Absatzchancen besser einschätzen. Auch die Kontaktaufnahme zu Krankenhäusern ist über das Internet schneller möglich, und Lehrer können sich leichter mit Unterrichtsmaterial versorgen.

Besonders beliebt ist die Nutzung der sozialen Medien – 69 Prozent der Internetnutzer geben an, Orkut von Google, das vorwiegend in Indien und Brasilien bekannt ist, Facebook oder MySpace zu nutzen. Damit liegen die Brasilianer weit vor den Venezolanern (42 Prozent) oder den Mexikanern (37 Prozent). Mit 63 Millionen ist Brasilien laut Statistik der Firma „Social Bakers“ nach den USA heute das Land mit der größten Anzahl an Facebook-Nutzern. Allein im zweiten Halbjahr 2012 wuchs die Benutzerzahl um 40 Prozent. 

Trotz dieser rasanten Zuwachsraten ist das Fernsehen Brasiliens Medium Nummer eins. 250 private und 19 staatliche Kanäle sorgen dafür, dass in fast jedem Haushalt die Mattscheibe beinahe ununterbrochen flimmert. Marktführer ist Organizações Globo, der größte Medienkonzern Brasiliens und der viertgrößte weltweit. Irineu Marinho, der Vater des heutigen Präsidenten Roberto Irineu Marinho, hatte den Grundstein für das Unternehmen 1925 mit der Gründung der Zeitung O Globo gelegt. Bis heute wird Organizações Globo, das in beinahe allen Medienbranchen mitmischt und mehr als 24 000 Menschen im In- und Ausland beschäftigt, als Familienunternehmen geführt. 120 Millionen Zuschauer verfolgen täglich die Fernsehprogramme der TV-Sparte des Konzerns Rede Globo. Der Zuschauer hat die Wahl zwischen neun Haupt-, 90 kleineren und rund 1000 lokalen TV-Sendern. Seit 2012 kann TV-Globo-Internacional auch im Ausland – in den USA und Kanada, in Lateinamerika, Europa und vielen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens empfangen werden. Im Wesentlichen besteht das Programm Rede Globo aus drei Kernelementen: Nachrichten, Telenovelas und Sport. 

Telenovelas sind in Brasilien besonders beliebt. Sich über viele Monate dahinwindende Geschichten über Intrigen, Liebe, Hass, Versöhnung, Herz und Schmerz sorgen dafür, dass beinahe jeder Brasilianer – gleich welcher Gesellschaftsschicht – geradezu süchtig nach „seiner“ Telenovela ist. Telenovelas sind aber auch einer von Brasiliens kulturellen Exportschlagern, sie werden mittlerweile in 128 Ländern ausgestrahlt. Am beliebtesten sind sie in Portugal, Italien, Russland, Argentinien, Chile und unter der spanisch sprechenden Bevölkerung der USA.

In einem Land mit einer immer noch relativ hohen Analphabetenquote spielen Tageszeitungen als Nachrichtenquelle eine weniger wichtige Rolle. Folha de São Paulo ist mit einer Auflage von 296 000 (Stand 2012) die größte Tageszeitung Brasiliens. Sie wurde 1921 gegründet, pflegt stolz ihr Gründungsmotto der „finanziellen und politischen Unabhängigkeit“ und wird, nicht zuletzt wegen ihrer anspruchsvollen Beiträge, eher von der gebildeten Mittel- und Oberschicht gelesen. Direkter Konkurrent ist O Globo mit einer Auflage von 265 000 (Stand 2012). Offiziell gilt O Globo als liberal, allerdings ist die Tageszeitung eher rechts der Mitte anzusiedeln. Lokale Berichterstattung steht, wie bei fast allen brasilianischen Medien, an erster Stelle, dem Ausland wird der international bedeutenderen Rolle Brasiliens zum Trotz eher wenig Aufmerksamkeit geschenkt. An dritter Stelle steht Oh Dia, deren Auflage zwar innerhalb eines Jahres um 25 Prozent gestiegen ist, aber bei vergleichsweise mageren 70 000 (Stand 2012) liegt. Sie ist eher gewerkschaftlich orientiert.

Pressefreiheit ist in Brasilien keine Selbstverständlichkeit. In einem Anfang 2013 veröffentlichten Bericht der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ unter dem Titel „Das Land der 30 Berlusconis“ kritisiert die Organisation, dass die Medien Brasiliens in der Hand weniger Großunternehmer konzentriert seien. Mehr als 25 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur kontrollierten Politiker noch immer wichtige Massenmedien. Kleinere Medien würden durch stetig wachsende Anzeigenbudgets von Ministerien, Behörden und Staatsfirmen in finanzieller Abhängigkeit gehalten. Das alte Pressegesetz aus der Zeit der Militärdiktatur wurde erst 2009 aufgehoben, doch eine Einigung über eine zeitgemäße Neufassung ist nicht in Sicht. Gerichtliche Zensurverfügungen richteten sich häufig auch gegen Internetmedien und Blogger. 2012 wurden fünf brasilianische Journalisten und Blogger im Zusammenhang mit ihrer Arbeit ermordet.


Investitionsstandort

Größte Volkswirtschaft Lateinamerikas, aufstrebender Markt, dynamische Bevölkerungsentwicklung, unerschlossene Ressourcen: Brasilien gilt aus einer ganzen Reihe von Gründen als attraktiver Investitionsstandort. Kein Wunder, dass das Land bei den ausländischen Direktinvestitionen im Jahre 2012 an dritter Position hinter China und den USA, aber noch vor Großbritannien und Frankreich lag. Bei den so genannten Greenfield-Investitionen, den Gründungen von eigenständigen Tochterfirmen im Ausland, lag man auf Platz zwei. Die bevorstehenden Ereignisse wie die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 dürften diesen Trend noch befeuern. 

Brasilien ist mit Abstand wichtigster Handelspartner und Investitionsstandort deutscher Unternehmen in Lateinamerika. Mittlerweile sind es über 1200 deutsche Firmen, die Niederlassungen in Brasilien eingerichtet haben und dort rund 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaften. Im Mittelpunkt stehen dabei die Automobil- und die Chemieindustrie. So spielt Brasilien etwa in der Konzernstrategie des Wolfsburger Automobilherstellers VW schon seit den fünfziger Jahren eine maßgebliche Rolle. In Brasilien betreibt VW über seine Tochterfirma VW do Brasil vier Werke und beschäftigt 23 000 Mitarbeiter. 2012 lieferte man insgesamt 573 700 Fahrzeuge aus. In den kommenden Jahren bis 2016 will VW noch einmal 3,4 Milliarden Euro in seine brasilianischen Werke investieren.

Dass nicht alle deutschen Investitionsvorhaben in Brasilien notwendigerweise eine Erfolgsgeschichte sind, musste der Stahlkonzern ThyssenKrupp erfahren. Sein wichtigstes Investitionsprojekt der vergangenen Jahre, ein Stahlwerk nahe Rio de Janeiro, wuchs sich zum Desaster aus. Fünf Millionen Tonnen Stahl wollte man in Brasilien pro Jahr herstellen, der in Deutschland und den USA veredelt werden sollte. Doch überbordende Bürokratie, unzählige Baumängel, verheerende Umweltbelastungen und die daraus resultierenden Klagen und Androhungen von Strafzahlungen ließen die Kosten auf mittlerweile über acht Milliarden Euro wachsen. Statt, wie erhofft, als eine der größten Auslandsinvestitionen eines deutschen Unternehmens wird das Projekt wohl als eine der größten unternehmerischen Katastrophen in die Industrie­geschichte eingehen.


Klima- und Umweltschutz

Wasserverschmutzung, Entwaldung, Bodenerosion: Umweltnachrichten aus Brasilien sind selten gute Nachrichten. Es sind besonders die dichtbewaldeten Amazonas-Gebiete, die im Konflikt zwischen wirtschaftlichem Wachstum auf der einen und Umweltschutz auf der anderen Seite auf der Strecke zu bleiben drohen. Nicht nur die Rodung der Wälder, auch Großprojekte wie der Bau von Staudämmen zur Stromgewinnung tragen dazu bei, das ökologische Gleichgewicht zu gefährden. Auch die Lebensweise der indigenen Völker im AmazonasGebiet wird durch die Eingriffe in die Natur massiv beeinträchtigt. Viele der indigenen Völker leben in beständiger Angst vor einer Umsiedlung. 

Um diese Probleme in den Griff zu bekommen, wurden in den vergangenen Jahren mehrere Schutzprogramme aufgelegt, die neben einer nachhaltigen Bewirtschaftung auch den Schutz der Bewohner der Gebiete zum Ziel haben. Das derzeit wohl bekannteste ist das Programa Nacional de Florestas (PNF). Dank des 2000 begonnenen Programms ging die Abholzung, die in den Jahren 2003/04 bei 27 772 Quadratkilometern gelegen hatte, 2007/08 auf 12 091 km2 zurück. 2009 sank die Größe der abgeholzten Flächen auf 7464 km2, was ­unterhalb des Maximalwerts des Nationalen Planes zur Bekämpfung des ­Klimawandels liegt, der eine Abholzung von 9000 km2 gestattet. Brasilien wurde im Kyoto-Protokoll zwar nicht auf bestimmte Reduktionsziele festgelegt; aber das Land gehört seit 2009 zur Gruppe der Länder um Deutschland, die sich freiwillig zu mittel- und langfristigen Reduktionszielen verpflichtet haben. Ende 2012 rief man gemeinsam dazu auf, sich zum Kyoto-Protokoll zu bekennen. 

Wirtschaftlich profitiert Brasilien vom internationalen Klimaschutz: Seit 2000 hat sich ein globaler Markt für Projekte etabliert, mit denen die derzeitigen Treibhausgasemissionen reduziert werden sollen. Brasilien ist mit knapp 270 solcher Projekte der drittgrößte Markt für Kohlenstoffzertifikate. Wichtigste Handelspartner sind industrialisierte Staaten, die durch den im Kyoto-Protokoll konzipierten Mechanismus für eine umweltverträgliche Entwicklung ihre Reduktionsverpflichtungen erfüllen wollen. Aber auch Unternehmen sind am Kauf solcher Zertifikate interessiert. Durch freiwillige Investitionen in Projekte zur „Minderung von Emissionen durch Entwaldung“, so genannte REDD-Projekte (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation), können sie sich ein grünes Image geben oder dieses aufpolieren. Nach Schätzungen der Weltbank besitzt Brasilien als eines der waldreichsten Länder der Erde das Potenzial, künftig Ursprungsland für mehr als die Hälfte der weltweiten REDD-Zertifikate zu werden. Entsprechend hoch ist das Wachstum, das dem Kohlenstoffmarkt in Brasilien vorausgesagt wird. Diese Entwicklung könnte jedoch durch die schwierige Landrechtsfrage gebremst werden: In Gebieten, die von indigenen Völkern bewohnt werden, sind die Besitzverhältnisse oft ungeklärt; somit bleibt bis heute häufig offen, wem das Recht zusteht, über die Vergabe der mit den Waldgebieten in Verbindung stehenden Kohlenstoff­zertifikate zu entscheiden. 


Landwirtschaft

Obgleich der landwirtschaftlich genutzte Anteil des Landes nur ein gutes Drittel der Gesamtfläche ausmacht (Deutschland: rund 50 Prozent), zählt Brasilien nach wie vor zu den wichtigsten Agrarländern weltweit. Die Landwirtschaft steuert ein Viertel zum Bruttoinlandsprodukt bei; 21 Prozent der männlichen und 12 Prozent der weiblichen Arbeitnehmer sind in einem landwirtschaftlichen Betrieb tätig. Brasilien ist einer der wichtigsten Produzenten für Soja, Mais und Weizen. Allein 2012 wurde eine geschätzte Menge von 170 Millionen Tonnen Getreide, Bohnen und Ölsaaten geerntet. Etwa ein Viertel der Kaffeeproduktion der Welt wächst auf den Plantagen von São Paulo, Paraná, Espírito Santo und Minas Gerais. Wichtige Anbauprodukte sind daneben Zuckerrohr, Kidneybohnen, Kakao, Orangen, Tabak, Kartoffeln, Baumwolle, Reis, Maniok und Bananen. Viehzucht wird insbesondere in São Paulo und den anderen südlichen Staaten betrieben. Gezüchtet werden Rinder, Schweine, Hühner, Schafe, Ziegen, Pferde, Esel, Maultiere und Ochsen. Heute ist Brasilien, vor allem dank einer weit entwickelten Zuchttechnik, zum weltweit größten Rindfleischproduzenten aufgestiegen.

In der landwirtschaftlichen Produktion setzt man weniger auf Düngemittel und Maschinen als auf intensivere Bewirtschaftung und die Entwicklung von ertragreicherem Saatgut. Dabei sehen brasilianische Landwirte und Behörden die Verwendung von neuem und im Zweifel auch genmanipuliertem Saatgut deutlich weniger kritisch, als dies im Allgemeinen in Europa der Fall ist. Um diese und andere Fragen zu diskutieren, pflegen Deutschland und Brasilien seit langem einen intensiven Austausch in der landwirtschaftlichen Forschung. Anfang 2012 unterzeichneten Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner und ihr brasilianischer Amtskollege, Mendes Ribeiro Filho, ein entsprechendes Abkommen. 


Migration

Vom Einwanderungs- zum Auswanderungsland und zurück: Vier Millionen Menschen, insbesondere Europäer, nutzten von der ersten portugiesischen Besiedlung im 16. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg die Möglichkeit, ein neues Leben in Brasilien zu beginnen. Das änderte sich in den folgenden Jahrzehnten. In den achtziger Jahren kehrte sich der Trend komplett um. Bis heute haben rund drei Millionen Brasilianer ihr Land verlassen. Die beliebtesten Migrationsziele sind die USA, Europa und Japan. In Europa steht besonders Portugal im Fokus brasilianischer Einwanderer. 

Doch angesichts der stabilen wirtschaftlichen Lage in Brasilien kehrt sich auch dieser Trend um. Einer der Gründe dafür ist die brasilianische Sorge, dass insbesondere in technischen Branchen rund zwei Millionen Arbeitskräfte fehlen – zum Teil eine Folge des mangelhaften Bildungssystems. Dennoch dauerte es lange, bis die Regierung begann, eine aktive Einwanderungspolitik zu fördern. Mittlerweile hat man für hochqualifizierte Kräfte die Einreise und den Erwerb einer Aufenthaltsgenehmigung erleichtert. Mit Erfolg: Innerhalb eines halben Jahres war ein Zuwachs an ausländischen Fachkräften von 50 Prozent zu verzeichnen. 2010 war der Wanderungssaldo erstmals seit 20 Jahren wieder positiv, das heißt die Zahl der Zuzüge war höher als die der Fortzüge. 

Insbesondere Facharbeiter aus Spanien und Portugal verlassen seit Beginn der Finanzkrise in Europa ihr Land in Richtung Lateinamerika. Unter ihnen sind auch viele ehemalige Auswanderer: Allein 2010 und 2011 kehrten über 17 000 Brasilianer Portugal den Rücken und zogen zurück in ihr Heimatland. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) unterstützt diese Rückwanderung in Kooperation mit der portugiesischen Regierung. 

Die zur Verfügung stehende finanzielle und bürokratische Unterstützung fand breiten Zuspruch: 2011 stellten über 1800 Migranten einen Hilfsantrag, in der ersten Jahreshälfte 2012 kamen weitere 1200 Anträge hinzu. Brasilien kann von diesem Trend profitieren: Die Rückkehrer sind meist Fachkräfte aus dem Bau- und Dienstleistungssektor und bringen ein Know-how mit, das Brasilien gut gebrauchen kann. Die brasilianische Regierung hat nun ein Programm aufgelegt, das vorsieht, 20 000 Ingenieure pro Jahr aufzunehmen. Doch nach wie vor erschweren enorme bürokratische Hürden ihre Einreise, sodass es schwierig werden kann, eine Arbeitsgenehmigung in Brasilien zu erhalten – und teuer. 


Protektionismus

Die globale Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008 ist an Brasilien nicht spurlos vorbeigegangen, das schwache Wachstum hat vielmehr zu einer Reihe protektionistischer Maßnahmen geführt. Das Land befinde sich „inmitten eines internationalen Währungskriegs“, westliche Länder wie die USA würden gezielt versuchen, die eigene Währung auf Kosten des brasilianischen Real abzuwerten, begründete Finanzminister Guido Mantega 2010 den neuen Kurs, den die Regierung zuletzt verschärfte. Kein anderes Land habe im ersten Halbjahr des Jahres 2012 so viele Handelsbarrieren errichtet wie Brasilien, berichteten die UN, die WTO und die OECD übereinstimmend. Beim „Global Enabling Trade Report“ landete Brasilien im Bereich Zugänglichkeit der Märkte zuletzt auf einem der hinteren Ränge (104 von 132). 

Seit Beginn der Finanzkrise habe die Regierung 40 protektionistische Regelungen in Kraft gesetzt, berichtete die Zeitung O Estado de São Paulo. Dazu gehörten 2010 die Einführung von Steuern und Kapitalverkehrskontrollen mit dem Ergebnis, dass die brasilianische Regierung nun erneut weite Teile des Geld- und Kapitalmarkts kontrolliert. Außerdem hat die Regierung unter Präsidentin Dilma Rousseff im September 2011 hohe Importzölle für PKWs und andere Produkte eingeführt. 

Als Grund für den ausgeprägten Protektionismus wird vor allem die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der brasilianischen Industrie angeführt. Die Regierung versucht offenkundig, die heimischen Unternehmen durch hohe Zölle vor ausländischen Importen zu schützen. Es gibt Verständnis für die protektionistische Politik, vor allem da die Industrie durch den stark aufgewerteten Real und den derzeitigen Wechselkurs ansonsten nicht mehr lange lebensfähig wäre. Allerdings hat der protektionistische Kurs auch in Brasilien selbst zu massiver Kritik geführt. Gerade durch die Importzölle auf PKWs leidet auch die heimische Automobilindustrie. Vor den Zöllen existierte im lateinamerikanischen Raum eine Aufgabenteilung: Mexiko produzierte größere Autos für den US-Markt, Brasilien und Argentinien Kleinwagen für den südamerikanischen Markt. Diese Arbeitsteilung wird durch die protektionistische Politik Brasiliens nun erschwert. 

Experten gehen zwar davon aus, dass ausländische Investoren nichtsdestotrotz weiter in Brasilien investieren werden. Dennoch meinen Kritiker, dass Rousseff die falschen Prioritäten setze. Statt durch Protektionismus den eigenen Markt abzuschotten, sollte die Regierung lieber an jenen Stellen arbeiten, die tatsächlich das brasilianische Wachstum stagnieren und die Unternehmen nicht wettbewerbsfähig erscheinen ließen. Dazu zählen neben bekannten Faktoren wie mangelnde Infrastruktur, Abhängigkeit von der globalen Rohstoffnachfrage und Fachkräftemangel vor allem eine strikte Arbeitsgesetzgebung, ein kompliziertes Steuersystem und eine ausgeprägte staatliche Ineffizienz. 

Auch von europäischer Seite gab es Kritik. Auf dem EU-Lateinamerika-Gipfel im Januar 2013 waren der Protektionismus Brasiliens und Argentiniens das größte Streitthema. Am Ende unterzeichneten die Gipfelteilnehmer, einschließlich Brasilien und Argentinien, eine Erklärung, die sich gegen Protektionismus und „dem internationalen Handel widersprechende Zwangsmaßnahmen“ wendet. Ob dies schon die Umkehr der brasilianischen Politik bedeutet, steht allerdings dahin. Als wichtigerer Indikator gilt, ob das 2013 auslaufende Automobilabkommen der Mercosur-Zone erneuert wird. Das Abkommen schützte die Industrien der Länder bisher vor allzu umfassenden Handelsbeschränkungen. Sollte die Vereinbarung nicht erneuert werden, wäre dies ein starkes Signal, dass mit einem Ende von Brasiliens protektionistischem Kurs so bald nicht zu rechnen ist.


Schönheitschirurgie

Kurvenreiche Körper leicht bekleideter Sambatänzerinnen aus Rio sind ein Markenzeichen Brasiliens. Ein Markenzeichen, das mit viel chirurgischer Nachhilfe geschaffen wird. Ob Korrektur von Po, Busen oder Nase – die Schönheitschirurgie boomt. Bei Povergrößerungen liegt das Land mit einem Anteil von rund 23 Prozent weltweit sogar an der Spitze. Laut Angaben der Internationalen Gesellschaft für ästhetische plastische Chirurgie (ISAPS) ist Brasilien der zweitgrößte Markt der Welt auf diesem Sektor. Fast 1,5 Millionen kosmetische Eingriffe und damit knapp 10 Prozent wurden 2011 in Brasilien durch­geführt. Lediglich die USA verzeichnen einen noch größeren Anteil. Auf ein Volumen von rund 1,6 Milliarden Dollar – Tendenz steigend, schätzt die brasilianische Gesellschaft für plastische Chirurgie den Markt 2010. 

Dazu trägt auch Kundschaft aus Übersee bei: Brasilien ist zum Mekka für Medizintourismus geworden. Etwa 50 000 Ausländer kommen jedes Jahr, um sich verschönern zu lassen und anschließend an den Stränden von Rio und anderen Städten zu erholen. Immer mehr Reiseveranstalter spezialisieren sich darauf, ausländischen Kunden einen solchen Rundumkosmetikurlaub anzubieten. Brasilien ist nicht nur aufgrund seiner sehr gut ausgebildeten Chirurgen und vergleichsweise gut ausgestatteten Krankenhäuser attraktiv, sondern auch weil kosmetische Eingriffe durchschnittlich um ein Drittel billiger sind als in den USA. Mit 5000 Schönheitschirurgen, die in Brasilien registriert sind, weist das Land die höchste Pro-Kopf-Rate an Chirurgen weltweit auf.

Plastische Chirurgie ist schon lange kein Tabuthema mehr. Die offene Mentalität der Brasilianer, das tropische Klima, das die Menschen dazu anregt, ihren Körper in der Öffentlichkeit zu präsentieren, und die brasilianische Gesundheitsgesetzgebung haben dies befördert. So wurden Silikonimplantate viel früher gesetzlich zugelassen als beispielsweise in den USA, Eingriffe sind von der Steuer absetzbar. Ästhetische Chirurgie ist ein Alltagssujet geworden. In Fachzeitschriften wie Plástica e Beleza, die neben anderen Modezeitschriften an den Kiosken verkauft werden, berichten Prominente von ihren neusten Operationen. Der 86 Jahre alte Ivo Pitanguy, der als Pionier der plastischen Chirurgie gilt, weltweites Ansehen genießt und seine Karriere mit der Behandlung der Opfer nach einem Zirkusbrand in Rio 1961 begann, wird beim Karneval wie ein Nationalheld gefeiert. Seit mehr als 40 Jahren schon behandelt er in einer von ihm selbst eingerichteten Station des gemeinnützigen Krankenhauses Santa Casa de Misericordia mittellose Patienten besonders preisgünstig oder kostenfrei – frei nach seinem Motto „Auch arme Leute haben das Recht, schön zu sein“. Seitdem sind viele Krankenhäuser diesem Beispiel gefolgt und bieten für Patienten mit sehr niedrigem Einkommen vergünstigte oder kostenfreie nichtoperative Behandlungen an. Die Menschen stehen hierfür Schlange. Gleichzeitig profitieren auch die Krankenhäuser von diesem Angebot: Junge Chirurgen oder Studierende können so ihre praktischen Fertigkeiten verbessern.


Tourismus

Samba, Caipirinha, Copacabana: Dieser Dreiklang fällt den meisten Brasilien-Touristen wohl zuerst ein – und das wirkt offenkundig anziehend. Das Land hat in den vergangenen Jahren als Urlaubsziel stetig zugelegt, zuletzt kamen laut Angaben des Online-Portals brasilien Magazin über fünf Millionen Touristen im Jahr. Besucher aus Argentinien und den USA überwiegen, aus Europa zieht es vor allem Deutsche, Franzosen und Italiener nach Brasilien. 

Laut „Brazil Economic Impact Report“ des World Travel and Tourism Council lag der Anteil der Tourismusbranche am Bruttoinlandsprodukt bei 9,1 Prozent im vergangenen Jahr, und es wird erwartet, dass er in diesem Jahr auf 9,3 Prozent steigt. Über acht Millionen Arbeitsplätze – das entspricht 8,3 Prozent der Gesamtbeschäftigung – hängen heute direkt oder indirekt vom Tourismus ab.

Gerade auch im Bereich Ökotourismus ist Brasilien attraktiv. Bei diesem nachhaltigen Tourismus geht es darum, die Natur zu genießen, aber in dem Bewusstsein, dass diese faszinierenden Gebiete, die teils durch den Massentourismus strapaziert wurden, zu schonen sind. Der Mensch soll so wenig wie möglich auf die Natur einwirken, sie in ihrer ursprünglichen Form annehmen. Die Anreise in die betreffenden Gebiete sollte auch möglichst mit öffentlichen Verkehrsmitteln erfolgen, und innerhalb der Natur bewegen sich die Touristen nur zu Fuß oder mit Reittieren und Booten fort. Was Naturbeobachtungen angeht, verfügt Brasilien mit tropischem Regenwald am Amazonas, atlantischem Küstenregenwald, offenen Hochlagen, dem savannenähnlichen Cerrado und dem Feuchtgebiet Pantanal, mit Mangrovenwäldern und Schutzgebieten, National- und Landesparks über ein reichliches Angebot. Allerdings sind nicht alle der über 60 Nationalparks für Besucher zugänglich. 

Das größte Schutzgebiet, der „Parque Nacional das Montanhas do Tumucumaque“ umfasst 3,9 Millionen Hektar und damit 27 Prozent der Fläche des Landes. Es liegt in der Amazonas-Region, im nördlichen Teil des Staates Amapá. Der Park beherbergt mindestens 37 Arten Eidechsen, 350 Vogelarten und sieben Arten von Primaten. Auch Tierarten, von denen nur noch wenige existieren, sind im Park vertreten: Jaguare, Große Ameisenbären, Große Gürteltiere, die Greifvogelart Harpyien oder diverse Affenarten. Gerade diese Vielfalt an vom Aussterben bedrohter Arten und die letzten Reste unberührter Natur sind die Besonderheiten der Nationalparks. 

Dabei schöpft Brasilien sein Potenzial als Touristenziel längst nicht aus. Gerade viele kleinere Regionen in entlegenen Gebieten haben Schwierigkeiten, sich auf das Tourismusgeschäft einzustellen. Grund dafür ist die mangelnde Infrastruktur des Landes. Dabei will Brasilien seine Position – nicht zuletzt mit Blick auf die anstehenden Großereignisse Fußballweltmeisterschaft 2014, zu der allein 600 000 ausländische Gäste erwartet werden, und Olympische Spiele 2016 – als Reiseziel ausbauen und hat den Ehrgeiz, laut Tourismusministerium, bis 2022 jährlich Reiseziel von bis zu zehn Millionen Touristen zu werden und damit drittgrößtes Reiseziel weltweit. 

Gleichzeitig werden auch die Brasilianer reiselustiger: Rund 5,2 Millionen Auslandsreisen mit mindestens einer Übernachtung wurden 2011 unternommen, eine Steigerung um 15,6 Prozent gegenüber 2010. 65 Prozent der Auslandsreisen führten die Brasilianer 2011 nach Amerika, 37 Prozent nach Europa und nur 5 Prozent in den Asien-Pazifik-Raum sowie 2 Prozent nach Afrika.

 
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