Armes reiches Land

Warum Jakartas Ressourcenpolitik globale Konsequenzen hat

1. November 2012 - 0:00 | von Manuel Schmitz

IP Länderporträt 3, November/ Dezember 2012, S. 50-54

Kategorie: Wirtschaft & Finanzen, Rohstoffe & Energie, Indonesien, Südostasien, Asien

Trotz des Wirtschaftswachstums der vergangenen Jahre, das insbesondere Rohstoffexporten zu verdanken war, lebt die Hälfte der Bevölkerung Indonesiens nach wie vor von weniger als zwei Dollar pro Tag. Wie stehen die Chancen, dass das Land seinen natürlichen Reichtum für eine nachhaltige Entwicklung nutzen kann?

„Tanah air“ (Land-Wasser) lautet die indonesische Bezeichnung für „Heimatland“: Ein Reich aus Land und Wasser ist der größte Inselstaat der Welt. Und dieser Staat ist reich an natürlichen Ressourcen: Kohle, Nickel, Kupfer, Gold, Zinn, Bauxit und Silber, beträchtliche Erdöl- und Erdgasvorkommen und eine reiche Flora und Fauna. Indonesiens tropische Wälder und seine Fischgründe gehören zu den artenreichsten Gebieten der Erde.

Der Ressourcenreichtum kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Indonesien immer noch ein armes Land ist. Trotz des Wirtschaftswachstums der vergangenen Jahre, für das neben der gestiegenen Binnennachfrage insbesondere Rohstoffexporte verantwortlich waren, lebt immer noch die Hälfte der Bevölkerung von weniger als zwei Dollar pro Tag – ein eklatanter Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Armut und Ressourcenreichtum. Wie sehen die Chancen aus, dass Indonesien seinen natürlichen Reichtum für eine nachhaltige Entwicklung nutzen kann? Und wo liegen die größten Probleme im Umgang des Landes mit seinen Ressourcen?


Abschied vom Erdöl

Jahrzehntelang bildete die Erdölförderung ein wichtiges Rückgrat der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes. Doch aus dem Exporteur von Rohöl ist seit 2004 ein Importeur geworden: Indonesien verbraucht mehr Erdöl, als es in eigenen Raffinerien verarbeiten kann. Die Lücke muss das Land durch Einfuhren schließen. Die Rechnung hierfür soll 2012 nach Einschätzung von Experten bei knapp 34 Milliarden Dollar liegen, eine erhebliche Belastung des Staatshaushalts, insbesondere wegen der umfangreichen Benzinsubventionen, die der Staat seinen Bürgern gewährt (neben Gas- und Stromsubventionen). So kostet subventioniertes Benzin nur die Hälfte des Marktpreises. Schon jetzt musste wegen des höheren Ölpreises das erwartete Budgetdefizit für 2012 von 1,5 auf 2,2 Prozent nach oben korrigiert werden; auch ein Anstieg auf mehr als 3 Prozent wird nicht ausgeschlossen.

Hohe Weltmarktpreise kombiniert mit gestiegener Inlandsnachfrage werden das Problem in Zukunft noch verschärfen. Doch sooft die indonesische Regierung in der Vergangenheit den Versuch unternahm, die Subventionen abzubauen, stieß sie auf erheblichen gesellschaftlichen Widerstand bis hin zu gewalttätigen Massenprotesten. Derzeit scheint der Reformwille der Regierung erlahmt zu sein. Das ist auch insofern problematisch, als internationale Ratingagenturen Reformfähigkeit bei den Benzin- und Gassubventionen als Indikator für den politischen Reformwillen insgesamt sehen. Ohne einen Abbau der Subventionen wird Indonesiens Rating nicht nach oben gehen.

Während das Thema Subventionen umstritten bleibt, herrscht Einigkeit darüber, dass Indonesiens Ölzeitalter sich dem Ende zuneigt. Die verbliebenen Ölreserven sollen sich heute auf etwa vier Milliarden Fässer belaufen, die nach Einschätzung des stellvertretenden Ministers für Energie voraussichtlich in den kommenden elf Jahren aufgebraucht sein werden.1

Bei den Erdgasvorkommen sieht die Situation besser aus. Aktuellen Berechnungen zufolge gibt es Erdgasreserven im Umfang von circa drei Billionen Kubikmetern; damit liegt Indonesien auf Rang 13 der Länder mit Erdgasreserven weltweit. In der Förderung liegt das Land sogar auf Platz 11 und im Export von Flüssigerdgas, dem bei der Schaffung eines genuinen Weltmarkts für Erdgas eine besondere Bedeutung zukommt, wird Indonesien nur von Katar und Malaysia übertroffen. Und da das Land nach Australien der zweitgrößte Exporteur von Kohle ist, wird Indonesien in näherer Zukunft ein Global Player im Energiesektor bleiben.

Das Beispiel der zurückgehenden Erdölproduktion hat den Indonesiern vor Augen geführt, dass auch große Lagerstätten irgendwann erschöpft sein können. Das ist nicht nur wegen des Wegfalls von wichtigen Exporteinnahmen problematisch, sondern auch für die Energieversorgung. Die Informationen zum Anteil erneuerbarer Energien an Indonesiens Energiemix schwanken, doch nach Angaben der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft wurden 2010 bereits rund 15 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien produziert.2 Bis 2025 soll dieser Anteil nach dem Willen der Regierung auf 25 Prozent ansteigen (die so genannte 25/25-Vision). Angesichts einer wachsenden Wirtschaft und der von der Politik gemachten Zusage, die Stromversorgung im Land zu verbessern (2009 waren nur 65 Prozent der indonesischen Haushalte an das Stromnetz angeschlossen), prognostizieren Experten, dass Indonesiens Energiebedarf jährlich um 9 Prozent steigen wird.

Der Ausbau erneuerbarer Energiequellen erscheint umso sinnvoller, als Indonesien hier vielfältige Möglichkeiten besitzt: Seine geografische Lage am Äquator garantiert eine hohe und gleichmäßige Sonneneinstrahlung, die bei 4,8 kWh/m² pro Tag liegt. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Wert bei 2,9 kWh/m² pro Tag. Zwar sind die Windaktivitäten am Äquator in der Regel überschaubar, doch im Osten des Archipels, in der Region Nusa Tenggara, verfügt das Land über Regionen, die sich für Windenergieanlagen eignen würden. Das Potenzial in der Wasserkraft wird auf immerhin 75 000 Megawatt geschätzt. Insgesamt stehen die Chancen also gut, dass Indonesien seine Sonnen-, Wind- und Wasserenergiegewinnung noch ausbauen kann.

Ein weiteres Feld, auf dem Indonesien energietechnisch punkten kann, ist das der Geothermik. Das Staatsgebiet liegt auf dem so genannten pazifischen Feuerring, einem Gebiet starker tektonischer Aktivität. Diese geologischen Bedingungen erleichtern die Gewinnung von Erdwärme. Indonesien soll nach Aussagen von Experten über 40 Prozent der weltweiten Erdwärmereserven verfügen, mit einem Energiepotenzial von 29 000 Megawatt. Bislang operieren jedoch lediglich sieben Geokraftwerke mit einer Kapazität von 1189 Megawatt Strom, das ist etwas weniger als ein deutsches Atomkraftwerk im Jahr an Strom produziert. Noch stehen hohe Anfangsinvestitionen und unsicheres Investitionsklima einem Boom der Geoenergie in Indonesien entgegen, doch mittlerweile nehmen sich immer mehr Politiker und Investoren des Themas an.

Indonesiens brodelnder Untergrund bedeutet auf der anderen Seite jedoch schlechte Bedingungen für Kernenergie – es ist ein Land der Vulkanausbrüche und Erdbeben, wie der Tsunami von 2004, der durch ein Seebeben vor der Westküste Sumatras ausgelöst worden war. Diese geologischen Gefahren, gepaart mit einer mangelhaften Sicherheitskultur und unzureichendem Katastrophenschutz, sprechen eigentlich gegen die Nutzung von Kernenergie. Die indonesische Regierung hält die Risiken jedoch für kalkulierbar und plant den Bau eines Kraftwerks auf einer Insel vor der Ostküste Sumatras.


Raubbau versus Nachhaltigkeit

Fragen der Nachhaltigkeit stellen sich nicht nur bei der Energieversorgung. Auch beim Abbau der Bodenschätze müssen die ökonomischen mit den ökologischen und sozialen Kosten abgewogen werden. Auf der einen Seite belaufen sich Indonesiens Einnahmen aus dem Bergbau auf 85 Milliarden Dollar jährlich, das entspricht 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Auf der anderen Seite ist der Bergbau mit massiven Eingriffen in die Natur verbunden. Vor allem indigene Bevölkerungsgruppen auf den äußeren Inseln müssen die Hauptlast der Erschließung tragen. Wie schwierig sich die Abwägung zwischen ökonomischen Gewinnen und sozialen Kosten gestalten kann, zeigen die andauernden Konflikte um die größte Kupfer- und Goldmine der Welt, die ­Grasberg-Mine im indonesischen Teil der Insel Neuguinea. Hier fühlt sich ein großer Teil der einheimischen Bevölkerung um seinen natürlichen Reichtum betrogen. Ein Gefühl, das separatistischen Tendenzen in Indonesiens „Wildem Osten“ Vorschub leistet.

Eine große Bedeutung hat in diesem Zusammenhang auch die Waldwirtschaft. Indonesien verfügt nach Brasilien und dem Kongo über die drittgrößten Regenwaldgebiete der Welt. Allerdings sinkt der indonesische Waldbestand seit Jahrzehnten dramatisch. Waren 1950 noch über 80 Prozent des Landes von Wald bedeckt, so beläuft sich der Anteil heute auf nur noch 49 Prozent. Die Vernichtung des Waldes, insbesondere der Torfwälder, verschlechtert die Klimabilanz des Landes massiv. Über 80 Prozent der indonesischen Treibhausgasemissionen haben hierin ihre Ursache. Die Zerstörung der Wälder hat ein solches Ausmaß erreicht, dass Indonesien nach einem Bericht der Weltbank aus dem Jahr 2007 hinter den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China Rang drei in der Liste der globalen Klimasünder belegt. Auch wenn die indonesische Regierung die Berechtigung dieser Platzierung anzweifelt, hat sie dennoch erkannt, dass die Erhaltung des Waldreichtums eine zentrale Rolle bei der Bekämpfung des Klimawandels spielt.3

Immer wieder betont das Ausrichterland der UN-Klimakonferenz 2007, dass es einen substanziellen Beitrag zum Klimaschutz leisten will. Im September 2009 verkündete Präsident Yudhoyono das Ziel, die Treibhausgasemissionen des Landes bis 2020 um 26 Prozent zu reduzieren. Yudhoyono stellte sogar eine Reduzierung um 41 Prozent in Aussicht, sofern das Land dabei internationale Unterstützung erfahre. Bereits jetzt profitiert Indonesien vom REDD-Programm (Reduced Emissions from Deforestation and Forest Degradation), über das westliche Industrieländer tropische Länder für den Schutz ihrer ­Wälder bezahlen. Norwegen hat Indonesien eine Milliarde Dollar in Aussicht gestellt, im Gegenzug versprach der indonesische Präsident ein zweijähriges Moratorium für Rodungslizenzen in Urwäldern.

Viele Beobachter sind allerdings skeptisch, dass Indonesien seine ehrgeizigen Klimaziele erreichen kann. So setzt es weiterhin auf den Export von Palmöl. Bereits heute ist das Land der größte Produzent von Palmöl weltweit, zusammen mit Malaysia zeichnet es für 85 Prozent der globalen Exporte verantwortlich. Und die Bewirtschaftung soll weiter ausgebaut werden. Palmölplantagen bedeckten im Jahre 2010 7,8 Millionen Hektar Land, bis 2020 sollen es 13 Millionen Hektar sein. Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 1990 und 2005 durch Rodung von Urwäldern 55 bis 60 Prozent der neuen Palmölplantagen entstanden. Die indonesische Regierung sieht in Palmöl nicht nur einen wichtigen Devisenbringer, sie propagiert Palmöl auch als nachhaltig verträgliche Energiequelle. Hier teilt man die Auffassung (noch) nicht, dass die Produktion von Biokraftstoffen eine negative Klimabilanz aufweist. Vor diesem Hintergrund sind Zweifel angebracht, ob es Indonesien gelingen wird, seine Emissionen substanziell zu reduzieren.


Entscheidung mit globalen Auswirkungen

Setzt die politische Elite Indonesiens auf kurzfristige Entwicklungserfolge, dann wird dies auf Kosten der Nachhaltigkeit gehen. Die Versuchung hierzu mag groß sein. Wirtschaftswachstum und Wohlstandsmehrung versprechen Wählerstimmen, zumal sich das Wahlvolk auf den „Inneren Inseln“ Java und Bali konzentriert und da die Konsequenzen des Raubbaus nicht unmittelbar erlebt. Demokratie als die größte Gefahr für eine nachhaltige Entwicklung Indonesiens? Natürlich nicht. Auch Diktator Suharto ließ sich als „Vater der Entwicklung“ (bapak pembangunan) feiern und setzte auf eine ausbeutende Ressourcennutzung.

Heute existieren zumindest eine lebendige Zivilgesellschaft und eine freie und kritische Presse, die Umweltbewusstsein und den Wunsch nach Nachhaltigkeit in die Politik des Landes tragen. So gibt es durchaus Hoffnung, dass sich die Verantwortlichen am langfristigen Wohl Indonesiens orientieren und damit auf Nachhaltigkeit setzen werden. An Absichtserklärungen mangelt es nicht. Egal, wofür sich Indonesien entscheidet, für den schnellen oder den nachhaltigen Weg: Allein aufgrund der Größe des Landes und dem Reichtum seiner Ressourcen wird es globale Auswirkungen haben.


Dr. Manuel Schmitz ist Mitarbeiter am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Außenpolitik an der Universität Trier.

  • 1. Vgl. Indonesia to develop renewable energy to replace diminishing oil reserves, BBC Worldwide, 7.4.2012.
  • 2. Persusahaan Listrik Negara (PLN), PLN Statistics 2010, Jakarta, Juni 2011, S. iii, http://www.pln.co.id/dataweb/STAT/STAT2010ENG.pdf.
  • 3. Aussage des indonesischen Vize-Umweltministers Ilyas Asaad bei einem Expertengespräch der Hanns-Seidel-Stiftung, Brüssel, 20.9.2012.
 
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