Der Lohn der Freiheit

Ex-Präsident Habibie über den wichtigsten Wirtschaftsfaktor Indonesiens

1. November 2012 - 0:00 | von Jusuf Habibie

IP Länderporträt 3, November/ Dezember 2012, S. 16-17

Kategorie: Wirtschaft & Finanzen, Staat und Gesellschaft, Indonesien, Südostasien, Asien

Handelsbilanz und Zahlungsfähigkeit sind die für die Bewertung einer Volkswirtschaft ausschlaggebenden Faktoren. Was bislang fehlt, so Indonesiens ehemaliger Präsident Habibie, ist der Faktor Arbeitsstundenbilanz. Und da stünde Indonesien gar nicht schlecht da. Denn wer frei denken und handeln darf, der erweist sich in der Regel auch als produktiver.

Matthias Steffen, CC BY

IP: Indonesien hat sich zu einer stabilen Demokratie entwickelt und weist ein beeindruckendes Wirtschaftswachstum auf. Sehen Sie einen Zusammenhang?
Bacharuddin Jusuf Habibie: Natürlich! Der Erfolg einer Volkswirtschaft ist zu einem hohen Maß abhängig von der Produktivität der Menschen. Und die ist von zwei wichtigen Prinzipien abhängig: Jeder Mensch muss die Freiheit haben, das zu sagen und zu tun, was er für richtig hält. Und jeder muss die Unabhängigkeit haben, das zu tun, was er vorhat.

IP: Sie sprechen einmal von Freiheit und dann von Unabhängigkeit …
Habibie: Wir hatten das Glück, relativ früh unsere Unabhängigkeit von den niederländischen Kolonialherren zu erlangen. Die Freiheit aber haben die ­Indonesier erst nach der Herrschaft Sukarnos und Suhartos erlangt. Bis dahin hatten 
die Menschen Angst zu sagen, was sie denken – und das ist immer schlecht. Freiheit ist die Basis für jede weitere Entwicklung.

IP: Und wie konnte Ihr Land Unabhängigkeit und Freiheit erlangen?
Habibie: Wir sind demografisch und geopolitisch sehr pluralistisch. In Indonesien leben mehr als 300 verschiedene ethnische Gruppen. Die größte Gruppe der Javaner macht nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung aus. Danach kommen die Sundanesen mit 15 Prozent; die drittgrößte Gruppe, Indonesier chinesischer Herkunft, stellt nur noch 3,3 Prozent. Wir sind auf Toleranz angewiesen.

IP: Indonesien wird gern als größte muslimische Demokratie beschrieben. Ist sie ein Vorbild für andere Länder, die sich jetzt erst im Umbruch befinden?
Habibie: Sie spielen auf den Nahen und Mittleren Osten an und begehen den üblichen Fehler, den Islam gleichzusetzen mit dieser Region, weil der Prophet Mohammed ein Araber war. Aber das ist eine falsche Vorstellung des Islams. Wenn im Nahen Osten die Frauen kaum eine Rolle spielen und gerade als gut genug für Bett und Herd erachtet werden, dann hat das viel mit Kultur, aber wenig mit Islam zu tun. Jedenfalls nicht mit unserer Auffassung von Islam.

IP: Wo sehen Sie die größten Probleme für die indonesische Wirtschaft?
Habibie: Eine Volkswirtschaft wird meist nach ihrer Handels- und ihrer Zahlungsbilanz bewertet. Ich bin der Ansicht, dass als makroökonomischer Faktor die Arbeitsstundenbilanz ebenfalls zählt, die wiederum von Freiheit, Einhaltung der Menschenrechte, einer gewissen Arbeitsmoral und der entsprechenden Kultur abhängig ist. Übrigens finde ich, dass die Bundesrepublik Deutschland der richtige Partner für uns ist. Ich habe früh darauf gedrungen, indonesische Normen mit deutschen Industrienormen abzustimmen. Das ist wichtig, auf jedem Gebiet der Herstellung und Produk­tion. Und es ist ein enormer Vorteil gegenüber China – versuchen Sie dort mal eine Normenabstimmung! – oder sogar gegenüber unserem Nachbarn Malaysia. Die haben ein ganz anderes System.

IP: Was ist Indonesiens größtes Potenzial?
Habibie: Unser Binnenmarkt, der immerhin 240 Millionen Menschen umfasst. Und die Bereiche Energie, Transport, Telekommunikation, Schiffbau. Indonesien verfügt mit einem Wachstum von über 20 Prozent jährlich über das größte Wachstum des Transportaufkommens!

IP: Die geografische Zerrissenheit des Inselstaats erweist sich als Segen?
Habibie: Nun, Eisenbahnen zu bauen wäre dabei sicherlich nicht das richtige Projekt. Wir sind auf Flugzeuge angewiesen. Dabei brauchen wir gar keinen großen Airbus, sondern eher kleine Propellermaschinen.

IP: Sind Infrastrukturprojekte aber nicht eines Tages erschöpft?
Habibie: Wieso? Deutschland hat schon vor 80 Jahren damit begonnen, Autobahnen zu bauen. Und die sind auch noch immer nicht fertig.

Die Fragen stellte Henning Hoff

Bacharuddin Jusuf Habibie studierte Flugzeugbau in Bandung und Aachen, wo er auch promovierte. Von Mai 1998 bis Oktober 1999 war er Präsident der Republik Indonesien. 1999 begründete er das Habibie Center for Democracy and Human Rights.

 

 
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