Business mit Handkuss

Hans-Jörg Otto über die Do’s and Dont’s im polnischen Geschäftsleben

1. March 2013 - 0:00

IP Länderporträt Polen, März/April 2013, S. 62-63

Kategorie: Polen

Es war die beste Entscheidung meines Lebens, nach Polen zu gehen. Mitte der neunziger Jahre konnte man noch vom „wilden Osten“ sprechen, ich kam in ein Niemandsland, vieles war hinterwäldlerisch. Aber nun will ich hier nicht mehr weg – das berufliche und das private Umfeld stimmen, Polen ist mein neues Zuhause geworden. 

Mit den Altlasten unserer Geschichte wäre es nicht selbstverständlich, als Deutscher in Polen willkommen zu sein. Doch ich habe fast nur positive Erfahrungen gemacht; die Schatten der Vergangenheit haben sich verflüchtigt. Heute haben deutsche Unternehmer hier im Allgemeinen einen guten Ruf. Doch es ist wichtig, einige Regeln zu beachten, um die Menschen nicht vor den Kopf zu stoßen. 

Das fängt schon mit der Sprache an: Wenn man zu laut auf Deutsch spricht, klingt das in den Ohren der Polen zackig, grob und unhöflich. Denn das Polnische ist eine melodiöse und blumige Sprache. Aber leider nur sehr schwer zu erlernen, ich habe es bis heute, nach fast 17 Jahren im Land, nur zur passablen Beherrschung der Alltagssprache gebracht. Bei der Begrüßung spricht man sich mit Herr Michael oder Frau Dagmar an, auf keinen Fall mit Herr oder Frau Müller. Denn die Anrede mit dem Nachnamen gilt in Polen als herabwürdigend oder gar provozierend. Und wenn man seinem Gegenüber besonders viel Achtung erweisen will, nennt man ihn Herr Direktor, oder noch besser: Herr Direktörchen. 

Eine weitere Besonderheit ist der Handkuss – er ist überhaupt nicht altmodisch, sondern immer noch en vogue. In Polen wird dabei nicht gehaucht wie in Frankreich, sondern ehrlich geküsst. Für mich ist der Handkuss zu einer solchen Selbstverständlichkeit geworden, dass ich schockierte Blicke oder ­zurückzuckende Hände bei deutschen Frauen erlebe, denen ich würdevoll die Hand küssen möchte. Auch die Begrüßung unter Freunden ist hier immer mit dem Kuss verbunden – dreimal (rechts, links, rechts) auf die Wange –, und es wird richtig geküsst, nicht nur angedeutet. Sie können sich vielleicht vor­stellen, was das für ein tolles Erlebnis ist, wenn ich Geburtstag habe und 50 Damen Schlange stehen, um den Chef zu küssen.

Der Umgangston im Geschäftsleben ist höflich und respektvoll, man spricht leise – es weht kein so rauer Wind wie in Deutschland. Es kommt sehr auf gutes Benehmen an: Mit Höflichkeit kann man viel erreichen, Arroganz verschließt die Türen, aber das ist natürlich nicht wirklich überraschend und neu. Man zollt sich gegenseitig Respekt, plaudert ein wenig über die Familie – und kommt dann ins Geschäft.

Was ich in Polen besonders schätzen gelernt habe, sind die fleißigen, zuverlässigen und gut ausgebildeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In meinem Unternehmen pflegen wir einen offenen, eher informellen Umgang miteinander. Das war am Anfang nicht immer ganz einfach, denn Polen ist eigentlich ein sehr hierarchisches Land. Aber bei uns brauchen wir keine Gewerkschaften oder Betriebsrat, Probleme werden respektvoll direkt miteinander besprochen, und auch eine schwere Krise vor einigen Jahren haben wir gemeinsam durchgestanden. Bei uns herrscht eine ausgesprochen familiäre Atmosphäre, und ich bin sicher, dass sie entscheidend zu unserem Erfolg beigetragen hat.

Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, vor allem innerhalb der Familie,
ist in Polen sehr wichtig. Es gibt keine soziale Absicherung wie in Deutschland, die Menschen müssen arbeiten, um Geld zu verdienen. Viele Polen können es sich mittlerweile leisten, ein Haus zu bauen (auch wenn sie dann 40 Jahre lang den Kredit abbezahlen müssen), aber auf jeden Fall wird ein Zimmer für die Eltern eingeplant– sollten sie einmal der Pflege bedürfen. Das findet man in Deutschland doch eher selten, wo jede Generation für sich allein bleiben will.

Für Unternehmer ist Polen weiterhin ein äußerst interessanter Markt: Neben den qualifizierten Mitarbeitern und dem großen Binnenmarkt ist es die zentrale Lage zwischen Ost- und Westeuropa, die kurze Wege ermöglicht. So brauche ich heute zum Beispiel nur noch drei Stunden, um von Posen nach Berlin zu fahren. Und solange die Produktionsbedingungen zum Beispiel in der Ukraine oder in Rumänien noch nicht besser sind, bleibt Polen auch mit steigenden Löhnen attraktiv. Vor allem, weil die Rahmenbedingungen stimmen: Korruption ist so gut wie verschwunden, niemand hält die Hand auf, wenn man etwas von den Behörden will. Die noch bestehenden bürokratischen Hemmnisse werden schrittweise abgebaut, und man kann auf Rechtsanwälte mit guten Deutschkenntnissen zurückgreifen, die wichtige Beratung und Unterstützung leisten. Und zum Schluss noch ein Hinweis: Auf keinen Fall sollte man den Stolz der Polen unterschätzen – er ist noch viel größer als im sprichwörtlich stolzen Spanien. 

Hans-Jörg Otto ist Geschäftsführer von El-Cab, 1995 in der Nähe von Poznan gegründet. Das Unternehmen mit rund 400 Mitarbeitern fertigt u.a. Kabelsysteme für Fahrzeuge.

 
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