Polens Wirtschaft von A bis Z

1. March 2013 - 0:00

IP Länderporträt Polen, März/April 2013, S. 28-47

Kategorie: Polen

Arbeitslosigkeit und Armut
Frauen
Gesundheitssystem
Infrastruktur
Jugend und Bildung
Kirche und Religion
Landwirtschaft
Medien und Internet
Migration
Tourismus

Arbeitslosigkeit und Armut

Während Polen in der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008 als eines der wenigen Länder ein beeindruckendes Wirtschaftswachstum verzeichnen konnte, hat sich die Arbeitslosigkeit als hartnäckiges Problem erwiesen. Nach vorläufigen Zahlen des polnischen Statistikamts (Glowny Urzad Statystyczny/GUS) lag die Arbeitslosenquote im Dezember 2012 bei 13,4 Prozent; der provisorische Mittelwert für das ganze Jahr 2012 bei 12,4 Prozent. Dabei war es gelungen, die Arbeitslosigkeit vom Höchststand 19,9 Prozent (2002) nach Angaben der Weltbank bis 2008 auf 7,1 Prozent drastisch zu reduzieren. Dies wurde vor allem durch den EU-Beitritt und den damit verbundenen Investitionen und Subventionen ermöglicht, aber auch durch die Migration vieler Polen ins europäische Ausland (siehe dazu den Eintrag „Migration“, S. 44). 

Nicht ganz so stark ging im gleichen Zeitraum die Armut zurück. Lebte 2004 fast jeder fünfte Pole unterhalb der nationalen Armutsgrenze, so war es 2008 noch jeder zehnte. Materielle Nöte waren auch Ende des Jahrzehnts noch weit verbreitet: So konnten 20 Prozent der Polen nicht einmal angemessen heizen und 63 Prozent sich keinen Urlaub leisten. Wenngleich Polen bisher verhältnismäßig gut durch die globale Krise gekommen ist, dürften das zuletzt rückläufige Wachstum und die steigenden Arbeitslosenzahlen an dieser Situation wenig ändern. Besonders stark ausgeprägt ist Armut in ländlichen Regionen, in denen das Wirtschaftswachstum oft deutlich geringer ist als in urbanen Zentren. Daher ziehen viele, besonders junge Polen vom Land in die Städte, was die Kluft weiter verschärft.

Dass die Armut langsamer zurückgeht, lässt sich unter anderem auf die Liberalisierungspolitik und auf die Praxis der Vergabe zeitlich befristeter Verträge insbesondere für junge Arbeitskräfte zurückführen. Berufseinsteiger sind so rechtlich deutlich schlechter gestellt, als es bei unbefristeten Verträgen der Fall wäre; dies gilt auch für die Arbeitsbedingungen und die Karriereperspektiven. Zudem beträgt das Einkommen bei befristeten Verträgen durchschnittlich nur um 1000 Zloty (rund 250 Euro) monatlich. Der Anteil der über 18-Jährigen, die trotz einer Arbeitsstelle über weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verfügen und daher in EU-Statistiken als „von Armut bedroht“ eingestuft werden, fiel zwischen 2005 und 2007 von 13,8 Prozent auf 11,7 Prozent, nahm seitdem aber nur noch leicht ab. 2011 lag der Anteil bei 11,1 Prozent.

Trotz der Inflation von Universitätsabschlüssen (siehe „Jugend und Bildung“, S. 36f.): Absolventen in den Bereichen IT, Management oder Finanzen haben weiterhin gute Aussichten. In anderen Branchen erreichen Berufseinsteiger allerdings erst nach durchschnittlich sieben Jahren ein angemessenes Einkommensniveau. Noch angespannter ist die Beschäftigungs- und Einkommenslage im verarbeitenden Gewerbe: Dort waren die meisten Arbeitslosen vor ihrer Entlassung beschäftigt. Der Schritt in die Selbstständigkeit scheint sich nicht als tragfähige Alternative zu erweisen: Zwischen 2003 und 2010 sank der Prozentsatz der Selbstständigen von 27,3 auf 22,8 Prozent.


Frauen

Einerseits ist die Ausbildungs- und Beschäftigungsrate gerade unter jungen Frauen hoch: 2011 hatten 43,5 Prozent in der Altersgruppe zwischen 30 und 34 Jahren einen Hochschulabschluss. (Bei den Männern lag der Wert nur bei 30,3 Prozent.) Polen liegt damit deutlich über dem EU-Durchschnitt von 38,5 Prozent. Außerdem sind ca. 53 Prozent der Polinnen zwischen 15 und 64 Jahren erwerbstätig. Andererseits ist das Familienbild immer noch traditionell geprägt: Für die Kinderbetreuung sind weiterhin hauptsächlich die Frauen verantwortlich. Dies führt zu einer Mehrfachbelastung: Neben der Berufstätigkeit, die zwar nach Ende des Sozialismus gesunken ist, aber seit 2007 wieder kontinuierlich steigt, sind Frauen hauptsächlich für Haushalt und Kinder zuständig.

Die Frauenpolitik sieht die Polinnen hauptsächlich als Mütter, in anderen Bereichen gibt es kaum frauenspezifische Politik. Es gibt einmalig ein Entbindungsgeld („Becikowe“) von 1000 Zloty (umgerechnet etwa 250 Euro) und seit 2010 einen Mutterschaftsurlaub von 22 Wochen. Ein nennenswerter Vaterschaftsurlaub ist nicht vorgesehen: Männer können sich maximal zwei Wochen frei nehmen. Nach dem Mutterschaftsurlaub mangelt es an Möglichkeiten, Mutterschaft und Berufstätigkeit zu vereinbaren: Es gibt ein sehr geringes Kindergeld (umgerechnet etwa 18 Euro pro Monat für Kinder unter sechs Jahren) und wenige Betreuungsplätze. Diese Situation soll mit dem „ustawa zlobkowa“ („Kinderkrippen-Erlass“) der Regierung verbessert werden, doch die Mittel zur Einrichtung von Kinderkrippen genügen nicht, um die Anzahl der Plätze ausreichend zu erhöhen. Daher werden 98 Prozent der Kinder bis drei Jahre privat betreut, meist von den Müttern oder Verwandten. Auch bei Kindern über drei Jahre ist der Anteil der privat Betreuten mit 58 Prozent noch ungewöhnlich hoch. 

Der höhere Bildungsgrad von Frauen, der Druck, erwerbstätig zu sein, führen zusammen mit dem traditionellen Frauenbild zu einem Rückgang der Geburtenzahlen: Derzeit liegt der statistische Wert bei 1,29 Geburten pro Frau (EU-Durchschnitt 2010: 1,59). Außerdem schlägt sie sich in dem steigenden Anteil von Frauen in der Teilzeitbeschäftigung nieder: 1997 noch bei 61 Prozent, kletterte er bis 2012 auf 68 Prozent.

NGOs wie NEWW-Polska („Netzwerk Ost-West für Frauen in Polen“) kritisieren seit langem, dass die Familienpolitik ungeeignet ist, die wirtschaftliche Partizipation von Frauen zu fördern. Welche Bedeutung Frauenfragen heute zukommt, lässt sich daran ablesen, dass es mittlerweile landesweit rund 300 Organisationen gibt, die sich damit befassen – obwohl es NGOs in Polen nicht leicht haben und kaum Hilfen erhalten. Ein weiterer traditionell belasteter Kritikpunkt ist das strikte Abtreibungsgesetz Polens, das Abtreibungen nur in speziellen Fällen wie Vergewaltigung oder schwerer Missbildung des Fötus zulässt. Im Parlament, dem Sejm, wurde zuletzt debattiert, ob nicht auch letzteres verboten werden sollte. 

In anderen Bereichen ist Polen progressiver: Seit 2010 müssen 35 Prozent der Kandidaten für das Parlament weiblich sein. Aktuell sind aber nur 23,9 Prozent der Parlamentarier Frauen (der EU-Durchschnitt liegt bei 24,9 Prozent). In der Privatwirtschaft rangiert Polen mit einem Frauenanteil von 33 Prozent bei den Führungskräften genau im EU-Mittel. Auffällig ist, dass Frauen mit einem Anteil von 20 Prozent relativ stark als Unternehmensgründerinnen von kleinen und mittleren Firmen in den vergangenen Jahren in Erscheinung getreten sind; auch ist die Kluft in der Bezahlung männlicher und weiblicher Arbeitnehmer vergleichsweise gering: In Polen verdient die Frau für die gleiche Beschäftigung im Durchschnitt „nur“ 9,8 Prozent weniger als ein Mann (der EU-Durchschnitt: 17,5 Prozent). Dennoch sind insgesamt nur 3 Prozent der Arbeitgeber Frauen und auch nur 3 Prozent der großen und mittleren Firmen werden von Frauen geführt.

2010 arbeiteten 71 Prozent der Frauen im Dienstleistungsbereich, 16 Prozent in der Industrie und 13 Prozent in der Landwirtschaft (Männer: 45 Prozent, 42 Prozent und 13 Prozent). Frauen finden vor allem im öffentlichen Dienst, im Gesundheitssektor und in der Leichtindustrie (zum Beispiel Textilindustrie) Beschäftigung. Auch im Finanz- und Medienbereich sind Frauen stark vertreten und nehmen Führungspositionen ein: Prominente Beispiele sind die heutige Bürgermeisterin von Warschau, Hanna Gronkiewicz-Waltz, die zwischen 1992 und 2000 Präsidentin der Polnischen Nationalbank war, und die frühere Citibankerin Wanda Rapaczynski, Mitgründerin und 1998 bis 2007 CEO der Mediengruppe Agora.

Angespannter ist die Lage im Bildungs- und Gesundheitswesen, wovon insbesondere Frauen betroffen sind: Im Zuge der Regierungsinvestitionen für den Infrastrukturausbau zur Fußball-Europameisterschaft 2012 wurden besonders hier die Budgets stark gekürzt, sodass in diesen weiblich dominierten Sektoren nun weniger Anstellungen möglich sind. In der Schwerindustrie und in anderen Bereichen, in denen körperliche Kraft erforderlich ist, werden nicht nur bevorzugt Männer eingestellt, teilweise ist in diesen Bereichen auch automatisch der Lohn höher, so z.B. im Zuschnitt in der Textilindustrie. Hinzu kommt, dass die Löhne im öffentlichen Dienst und im Gesundheitsbereich eingefroren sind. 

Diskriminierung von Frauen zeigt sich auch in anderen Bereichen des Wirtschaftslebens. So ist es zulässig, bei Bewerbungsgesprächen nach der Familienplanung zu fragen. Frauen werden bereits im Alter von 60 Jahren pensioniert und erhalten niedrigere Rentenleistungen. Bis 2020 soll das Rentenalter für Männer auf 67 Jahre heraufgesetzt werden, für Frauen erst bis 2040. Beim jüngsten Gender Gap Index des World Economic Forum rangierte Polen nur auf Platz 53 (von 135; zum Vergleich: Deutschland lag auf Platz 13). 


Gesundheitssystem

Das polnische Gesundheitssystem in seiner heutigen Form wurde erst 2004 per Parlamentsbeschluss geschaffen. Wie die vieler anderer wirtschafts- und sozialpolitischer Bereiche erwies sich auch die Reform des Gesundheitssystems als langwieriger Prozess. Noch immer gibt es gravierende Defizite, was sich beispielsweise beim „Euro Health Consumer Index“ von 2012 zeigt: Dort kam Polen nur auf Platz 27 (von 34) – das kleinere Nachbarland Tschechien dagegen auf Rang 15.

Kritisiert werden vor allem der mangelnde Zugang zu neuen Medikamenten, was insbesondere Sparbeschlüssen geschuldet ist, denen zufolge teure Arzneimittel nicht mehr von der gesetzlichen Krankenversicherung gedeckt werden, die hohe Sterberate bei Krebserkrankungen, die vor allem eine Folge mangelhafter Früherkennung ist, und die langen Wartezeiten auf Termine bei Ärzten – insbesondere Spezialisten – und in Krankenhäusern. 

Ein weiteres Problem besteht in der teilweise unzureichenden Finanzierung der staatlichen Krankenhäuser. Die Privatisierung von Krankenhäusern ist allerdings stark umstritten, da eine Verteuerung sowie ein verschlechterter Zugang für ärmere Menschen befürchtet werden. Mit solchen Argumenten wurde bisher jede Privatisierung des Gesundheitssektors abgelehnt, der fest in staatlicher Hand ist.

98 Prozent der Bevölkerung sind über den Nationalen Gesundheitsfonds (NFZ) versichert, der den grundlegenden Zugang zu medizinischer Versorgung abdeckt, jedoch keineswegs alle medizinischen Kosten übernimmt; eine zusätzliche Versicherung kann sich allerdings nur ein kleiner Teil der Bevölkerung leisten. Auch bei Medikamenten liegt die Zuzahlung im Durchschnitt bei 67 Prozent, womit Polen EU-Spitzenreiter ist: Bei den anderen EU-Staaten beträgt der Anteil zwischen 25 und 49 Prozent. Dafür kosten die Medikamente in Polen nur 44 Prozent des EU-Durchschnittspreises.

Finanziert wird der Gesundheitsfonds in erster Linie durch Pflichtbeiträge der Versicherten und Beiträge aus dem Haushalt der nationalen sowie der regionalen Regierungen. Die staatlichen Ausgaben für den Gesundheitssektor haben sich zwischen 1995 und 2009 verfünffacht, was aber größtenteils auf das Wachstum des BIP zurückzuführen ist. Der Anteil am BIP stieg in diesem Zeitraum um 1,9 Prozent auf insgesamt 7,4 Prozent. Da die polnische Bevölkerung Prognosen zufolge in den nächsten Jahren stark altern und die Geburtenrate dauerhaft auf niedrigem Niveau stagnieren wird, sind steigende Ausgaben für den Gesundheitssektor in Zukunft kaum vermeidbar.

Private Krankenversicherungen gibt es offiziell nicht, allerdings haben sich aufgrund langer Wartezeiten und der geringen Anzahl von Fachärzten informelle Möglichkeiten entwickelt, um den offiziellen Weg zu umgehen. Laut Schätzungen betragen die privaten Ausgaben für Gesundheitsversorgung 30 Milliarden Zloty pro Jahr. Das Geld wird teilweise für Leistungen ausgegeben, die nicht vom staatlichen Gesundheitsfonds abgedeckt werden; teils sind es aber auch Bestechungsgelder. „Es taucht in keinen offiziellen Statistiken auf, aber es ist wohl bekannt, dass Polen Schmiergelder zahlen, um sich im ‚Schattengesundheitssystem‘ oder in Privatkliniken behandeln zu lassen“, schrieb der Medizinjournalist Janusz Michalak 2012.

Im Gegensatz zum Rest des Gesundheitssektors ist die Pharmaindustrie privatisiert; 2010 gab es laut einer Studie von PricewaterhouseCoopers fast 450 Pharmaunternehmen, denen es insgesamt recht gut geht. Die private ­Gesundheitsbranche scheint zu florieren: 2011 ließen sich nach Angaben der „Polish Association of Medical Tourism“ rund 320 000 Ausländer von privaten Anbietern in Polen medizinisch behandeln, vor allem in den Bereichen Dentalmedizin, plastische Chirurgie und Wellness. „Der Medizintourismus ist ein wachsendes Geschäftsfeld in Polen“, unterstrich Jaroslaw Fedorowski, Präsident der polnischen Krankenhausgesellschaft, im Januar 2013 gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.


Infrastruktur

An der eher schwach ausgebildeten Infrastruktur wäre die Bewerbung Polens als Austragungsort der Fußball-Europameisterschaft 2012 fast gescheitert. Der Zuschlag durch die UEFA hat aber gerade in diesem Bereich einen wahren Investitionsschub ausgelöst. Die EU bewilligte Polen für den Haushalt 2007 bis 2013 und im Rahmen der europäischen Kohäsionspolitik 67,3 Milliarden Euro, um Schienen- und Straßennetze auszubauen und zu modernisieren. Die Regierung hat bis 2015 insgesamt 19 Milliarden Euro für die Erweiterung von Autobahnen, Schnell- und Umgehungsstraßen bereitgestellt. Die ambitionierten Ausbaupläne schlagen sich derzeit noch überwiegend in zahlreichen Baustellen nieder, nur ein Fünftel der angestoßenen Infrastrukturprojekte ist bislang fertiggestellt. Allein 2012 waren sich 1360 Straßen-Kilometer in Arbeit. Einige Großprojekte konnten allerdings schon fertig gestellt werden: So wurde im Dezember 2011 ein 100 Kilometer langes Teilstück der Autobahn A2 eröffnet, die nun eine direkte Durchfahrt von Berlin über Poznan bis nach Lodz ermöglicht. 

Die Erweiterung des Straßennetzes half nicht nur, mit dem Besucher­ansturm während der Fußball-EM fertig zu werden – der Ausbau ist vielmehr zwingend notwendig, um den veränderten Ansprüchen der Bevölkerung und der Wirtschaft gerecht zu werden. Zwischen 1990 und 2007 nahm die Anzahl zugelassener Pkws und Lastwagen um 140 beziehungsweise 130 Prozent zu, während der Straßenbau praktisch stagnierte. Das führte zu langen Staus auf den Hauptverkehrsstraßen. 

Nachholbedarf ist auch das Stichwort beim Ausbau des polnischen Schienensystems: Obwohl das Land mit einer 19 428 Kilometer langen Bahnstrecke im globalen Vergleich auf den vorderen Plätzen rangiert (Rang 15; Deutschland liegt mit rund 42 000 Schienenkilometern auf Rang 6), ist das Streckennetz teilweise veraltet und kann die internationalen Geschwindigkeitsanforderungen (160 km/h für Personenverkehr und 120 km/h für Frachtverkehr) nicht erfüllen – eine Folge massiver Unterfinanzierung in den neunziger Jahren und danach. So gab Polen zwischen 2002 bis 2006 nur ein Hundertstel dessen für sein Schienennetz aus, was das kleine Belgien im gleichen Zeitraum in seine Bahn steckte. 

Durch stark erhöhte staatliche Investitionen – 2012 gab das Land fast ­doppelt so viel für das Bahnwesen aus wie jeweils in den Vorjahren und plant, zwischen 2013 und 2015 rund sieben Milliarden Euro zu investieren – sowie dank EU-Subventionen im Rahmen der Kohäsionspolitik soll die Eisenbahn in vielen Bereichen ausgebessert werden; nach dem Straßenbau (2007–2013)
hat aus Brüsseler Sicht nun Polens Schienennetz die höchste Priorität
(2014–2020). Weichen müssen erneuert, neue Schienenfahrzeuge angeschafft werden. Ursprünglich war ebenfalls geplant, Hochgeschwindigkeitsstrecken mit einer Geschwindigkeitskapazität von 300 Kilometern pro Stunde zu bauen, doch aufgrund der exorbitant hohen Kosten sowie der eher niedrig zu veranschlagenden Gewinne wurde dieses Projekt auf Eis gelegt. Derzeit peilt die polnische Eisenbahn eine generelle Durchschnittsgeschwindigkeit von 160 bis 200 Kilometer pro Stunde an.

Dabei gilt Polen als einer der wichtigsten Transitkorridore zwischen Ost und West. Das Schweizer Institut ProgTrans geht davon aus, dass sich die durch Polen transportierte Gütermenge in den kommenden zehn Jahren um bis zu 10 Prozent jährlich steigern wird –  ein wesentlicher Grund für die hohen europäischen Subventionszahlungen. Von diesen profitiert aber längst nicht nur Polen, sondern zum Beispiel auch Deutschland. Laut Schätzungen wird die Bundesrepublik zwischen 2004 und 2015 allein 16,3 Milliarden Euro mit ­Infrastrukturexporten nach Polen (Bauaufträge, Maschinenlieferungen u.a.) verdienen. Mit anderen Worten: Für jeden Euro, den Deutschland netto gerechnet über die EU in die polnische Infrastruktur investiert, fließen aus Polen wieder 1,25 Euro nach Deutschland zurück. Damit profitiert die Bundesrepublik vom polnischen Infrastrukturboom wie kein anderes europäisches Land.


Jugend und Bildung

Geboren nach der Systemtransformation 1989, wächst heute eine Generation heran, die das kommunistische Polen nicht mehr erlebt hat. Vielmehr hat sich die polnische Gesellschaft seit dem Umbruch geöffnet und stärker differenziert, und gerade die jungen Polen unterstreichen heute immer stärker ihr Europäertum. Die Marktwirtschaft bietet Jugendlichen zudem zahlreiche neue Möglichkeiten der Lebensgestaltung. So ist die junge Generation gekennzeichnet von einem beispiellosen Anstieg der Erwartungen an Bildung, Status und Lebensstandard. Laut dem Regierungsbericht „Mlodzi 2011“ (Jugend 2011) zeigt die Mehrheit der Jugendlichen heute eine aktive Lebenshaltung und Pragmatismus; fast 70 Prozent gaben an, sie wünschten sich ein buntes, abwechslungsreiches Leben.

Die weit verbreitete Nutzung des Internets spielt dabei offenbar eine entscheidende Rolle. Junge Polen gehören europaweit zu den aktivsten Nutzern der Informations- und Kommunikationstechnologie. 87 Prozent der Befragten erhalten ihr erstes Handy als Teenager; ebenso viele nutzen das mobile Internet täglich in Bus oder Bahn. Auch die Teilnahme an sozialen Netzwerken ist unter der polnischen Jugend weit verbreitet: 43 Prozent teilen dort ihre Gedanken und Werte mit anderen. Das Internet, so die Soziologin Krystyna Szafraniec, erlaube es den Jugendlichen, ihre Individualität auszudrücken und sich weltweit mit anderen zu vernetzen.

Die katholische Kirche (siehe den Eintrag „Kirche und Religion“, S. 38f.) erleidet unter Jugendlichen dagegen einen Bedeutungsverlust. Viele fühlen sich durch die strikte Sexualmoral, die Unbeweglichkeit und den sprachlichen Duktus der Kirche in ihrem Recht auf autonome Lebensführung beschränkt. Entsprechend stieg der Anteil nichtpraktizierender Jugendlicher zwischen 2006 und 2010 von 11 auf 17 Prozent. 

Viele Geistliche machen derweil den modernen „Konsumismus“ der Jugendlichen, ihren „wertefreien Materialismus“ für den allmählichen Wandel der traditionellen polnischen Werte und Lebensziele verantwortlich. Die Akzeptanz von Sex vor der Ehe, Paare ohne Trauschein, Scheidungen oder Homosexuelle wächst – in früheren Zeiten allesamt Tabus –, auch das traditionelle weibliche Rollenbild der aufopferungsbereiten „polnischen Mutter“ (Matka Polka) wandelt sich (siehe auch den Eintrag „Frauen“, S. 30ff.). Dabei gelten jungen Polen Familie, Ehe und Freundschaft weiterhin als besonders wichtig, doch Wohlstand und Selbstverwirklichung im Beruf als Voraussetzungen für ein erfülltes Leben haben unter Jugendlichen stark an Bedeutung gewonnen. 

Besonders bei moderner Technik –  die jeweils neuesten Geräte gelten als Statussymbole – und bei der Freizeitgestaltung wollen polnische Jugendliche schon heute nicht sparen. Den Wunsch nach Wohlstand versuchen sich viele zu erfüllen, indem sie viel Zeit und Geld in eine bessere Ausbildung investieren. Seit Beginn der neunziger Jahre erlebt Polen einen regelrechten Bildungsboom, die Zahl der Studierenden hat sich fast vervierfacht. Von den 2,2 Millionen Menschen in Polen zwischen 18 und 22 Jahren waren 2012 ca. 1,9 Millionen an einer Hochschule eingeschrieben. 

Der Run auf die Universitäten führte zuletzt aber auch zu einer Inflation der Hochschulabschlüsse; der Bedarf an jungen Akademikern im Land ist längst gedeckt. Ein Universitätsstudium ist heute kein Garant für ein hohes Einkommen mehr, und es hat auch seine Statusfunktion verloren. Vielmehr gilt der Besitz eines Hochschulabschlusses als Voraussetzung für den Berufseinstieg. Von einigen Bereichen wie IT abgesehen wird es für Akademiker so immer schwieriger, einen angemessenen Job zu finden. Davon zeugt auch die hohe Arbeitslosenquote von 30 Prozent bei den unter 25-Jährigen – sie ist dreimal so hoch wie die allgemeine Quote. Vielen werden nur zeitlich befristete Verträge angeboten, wo junge Arbeitnehmer bei schlechteren Arbeitsbedingungen und Entwicklungsperspektiven auch noch weniger verdienen. Erst nach durchschnittlich sieben Jahren Berufserfahrung bessert sich die Situation.

Die lange Ausbildungszeit, aber auch hohe Lebenshaltungskosten bei niedrigem Gehalt führen dazu, dass junge Polen immer später selbstständig werden. Die fehlende Unabhängigkeit von den Eltern ist für viele Polen ein frustrierendes Problem. Im Schnitt verlassen Frauen mit 28,5 Jahren das Elternhaus, Männer sogar erst mit knapp 30 Jahren. Zwar wird Polen von einigen anderen europäischen Ländern in dieser Hinsicht noch übertroffen, doch gehört es zu der Gruppe der Spitzenreiter, wo das „Hotel-Mama“- oder „Nesthocker“-Phänomen über die Hälfte der 18- bis 34-Jährigen betrifft.


Kirche und Religion

Offiziell hat Polen keine Staatsreligion, praktisch jedoch ist es der Katholizismus: Knapp 33,5 der 38,5 Millionen Einwohner sind römisch-katholischen Glaubens. Außerdem gibt es in Polen armenische, byzantinisch-slawische und byzantinisch-ukrainische Christen (insgesamt rund 130 000 Gläubige), die ebenfalls die Autorität des Papstes anerkennen. Es gibt nur relativ kleine Minderheiten, darunter rund 76 000 Lutheraner und 509 500 Orthodoxe. Nach dem Holocaust und einem Exodus 1967 wird die jüdische Bevölkerung heute auf 8 000 bis 12 000 Menschen geschätzt. 

Aufgrund der großen katholischen Gemeinschaft hat die Kirche Einfluss auf alle Bereiche des polnischen Lebens, ob sozial, politisch oder ökonomisch. Laut Andrzej Dominiczak von der Polnischen Humanistischen Föderation hat die katholische Kirche ihren politischen und wirtschaftlichen Einfluss seit Zusammenbruch des kommunistischen Regimes erheblich ausgeweitet. Heute gebe es „praktisch keine öffentliche Institution, die es wagt, die Kirche zu ­kritisieren oder sich ihren Aktivitäten zu widersetzen“. Allerdings scheint sich ein gewisser Generationenumbruch abzuzeichnen, denn die Religiosität der polnischen Jugend nimmt offenbar ab. Ein Anzeichen dafür ist der sinkende Anteil der 18- bis 24-Jährigen, der wöchentlich zum Gottesdienst geht: Waren es 2005 noch 51 Prozent, sind es heute nur noch 44 Prozent der jungen ­Erwachsenen. 

Die Bedeutung des katholischen Einflusses speist sich auch aus der Rolle der Kirche während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg und zu Zeiten des Kommunismus. Die Kirche war nicht nur Hort des Widerstands und prägte die Identität der Polen, sondern bot während des Kommunismus auch sozialen und humanitären Rückhalt außerhalb des staatlichen Systems. Unter dem kommunistischen Regime wurden 87 000 Hektar kirchlichen Landbesitzes enteignet, doch bis 2004 erhielt die Kirche zur Wiedergutmachung mit 94 000 Hektar mehr, als sie zuvor verloren hatte. Zudem hilft der Staat seit 1990 durch den Kirchenfonds (Fundusz Koscielny) auch bei der Sozialversicherung vieler katholischer Geistlicher sowie bei der Restaurierung und dem Erhalt vieler kirchlicher Gebäude. 

Als Arbeitgeber und Wirtschaftsfaktor ist die katholische Kirche, die von der Einkommens- und Grundsteuer befreit ist, ebenfalls bedeutend. Sie ist die größte soziale Organisation des Landes und ergänzt das staatliche Sozialsystem. Die kirchliche Caritas hat 7851 Vollzeitangestellte und wird von etwa 54 000 Studenten und 7000 anderen Freiwilligen unterstützt. Dank ihren Geschäften mit Immobilien, Verlagshäusern (zum Beispiel „Gaudium“), Radiosendern und anderen Firmen ist sie wohl auch die reichste soziale Organisation Polens. Laut dem 2012 veröffentlichten Bericht „Die Finanzen der katholischen Kirche in Polen“ (Finanse Kosciola katolickiego w Polsce) nimmt beispielsweise das Erzbistum Poznan jährlich 3,5 Millionen Zloty (875 000 Euro) aus Vermietung und Verpachtung ein. Allerdings sind die Einkünfte der verschiedenen Diözesen regional unterschiedlich. 

Stärker noch wiegt wohl der Einfluss der katholischen Soziallehre auf die Wirtschafts- und Unternehmenspraxis. Dem Bericht „Responsible Business in Poland VI 2005“ zufolge hat sich seit dem Umbruch ein Verständnis für „Corporate Social Responsibility“ entwickelt, das auf traditionellen katholischen Werten gründet und laut Beata Glinka von der Universität Warschau auch den polnischen Unternehmergeist prägt: Die Folge seien ein eher konservatives Wirtschaftsverhalten, bei dem traditionelle Industrien und Wirtschaftszweige ebenso bevorzugt werden wie Klein- und Familienbetriebe. Dies beschneide aber die Innovationsfähigkeit der polnischen Volkswirtschaft insgesamt.


Landwirtschaft

Fast 40 Prozent der Polen leben auf dem Land, 16 Prozent aller Beschäftigten arbeiten im Landwirtschaftssektor: Doch trotz dieser beeindruckenden Zahlen spielt die Agrarwirtschaft in der ehemaligen „Kornkammer Europas“ heute eher eine kulturelle und gesellschaftliche statt eine wirtschaftliche Rolle.

Mit einem Produktionswert von 19 Milliarden Euro (2011) liegt Polen in der EU nur auf Rang 7 (zum Vergleich: Deutschland, dessen landwirtschaftlich genutzte Fläche mit 16 Millionen Hektar ungefähr der Polens entspricht, produzierte im gleichen Jahr landwirtschaftliche Güter im Wert von 45 Milliarden Euro; mit rund 1,5 Millionen übertrifft die Anzahl der Betriebe die Deutschlands um das Fünffache). Die höchsten Produktionswerte erzielt Polens Landwirtschaft bei Fleisch (vor allem Schweinefleisch) und Milch. Auch der Anbau von Getreide (Raps), Obst und Gemüse (Rote Beete) steht hoch im Kurs. Mit 2,3 Millionen Tonnen Äpfeln nahm Polen 2011 unter den EU-Ländern noch vor Italien und Frankreich den ersten Platz ein. Bei der Kartoffelproduktion steht Polen europaweit auf Platz zwei – hinter Deutschland. Insgesamt erwirtschaftete der polnische Landwirtschaftssektor aber nur rund 3,5 Prozent des BIP (2010), was auf wirtschaftliche Ineffektivität hinweist.

Abgesehen davon, dass viele Betriebe und Maschinen veraltet sind, ist dies insbesondere der Struktur des landwirtschaftlichen Sektors geschuldet. Bis heute prägen Kleinbauern Polens Agrarsektor. Mit einem Anteil von 70 Prozent dominieren kleine landwirtschaftliche Betriebe, die bis zu fünf Hektar Land bewirtschaften und die Nahrungsmittel vornehmlich für den eigenen Bedarf produzieren; knapp 32 Prozent der Betriebe stehen nicht einmal ein Hektar Land zur Verfügung. Nur knapp 1 Prozent bewirtschaftet dagegen eine Fläche mit mehr als 50 Hektar. Bedingt durch die geringe Produktivität der kleinen Höfe, reicht das Einkommen der Landwirte oft nicht aus, um ihre Konsumbedürfnisse zu befriedigen oder Neuinvestitionen zu tätigen. Obwohl sie also wirtschaftlich kaum rentabel sind, erfüllen die Kleinbetriebe doch eine wichtige soziale Pufferfunktion. Durch fehlende Beschäftigungsalternativen und verbunden mit einer schlechten Infrastruktur im ländlichen Raum sind viele Menschen auf Arbeitsplätze in der Agrarindustrie angewiesen.

Mit dem EU-Beitritt hat sich jedoch vieles für die polnischen Landwirte verändert. Polen wurde in das System der Direktzahlungen und Marktinterventionen der EU-Agrarpolitik aufgenommen; die bisher von Polen angewandten Instrumente der Agrarpolitik wurden entweder angepasst oder abgeschafft, der Markt wurde liberalisiert. Mit einem Anteil von über 15 Prozent ist Polen heute der größte Empfänger von Direktzahlungen und EU-Geldern aus den Kohäsionsfonds. Für die Jahre 2007 bis 2013 waren Transfers in Höhe von über 13 Milliarden Euro vorgesehen. 

Gerade auf den Agraraußenhandel hat sich Polens EU-Beitritt sehr positiv ausgewirkt. Seit 2004 wuchsen die polnischen Ex- und Importe kontinuierlich. 2010 wies Polen eine positive Außenhandelsbilanz von 2,6 Milliarden Euro auf. Hauptabnehmer für polnische Agrarprodukte ist Deutschland; knapp 10 Prozent der Gesamtexporte gehen ins Nachbarland. Aber umgekehrt ist auch Polen ein wichtiger Abnehmer für Produkte der deutschen Landwirtschaft: 31 Prozent der polnischen Agrareinfuhren stammen aus Deutschland.

Mit EU-Direktzahlungen entschied sich Polen für das einfachste System: die Auszahlung pro Hektar Land („Single Area Payment Scheme“). Viele Landwirte mit geringen Einkommen können so ihr Einkommen aufbessern und ihren Kindern Bildungschancen ermöglichen, die sie vorher nicht hatten. So haben sich die Einkommen polnischer Landwirte zwischen 2000 und 2007 mehr als verdoppelt. Allein 2007 stiegen sie um 13,7 Prozent (der EU-Durchschnitt lag bei nur 5,4 Prozent). Auf der anderen Seite hat das System der Direktzahlungen auch zu einem Anstieg der Bodenpreise geführt und Grundstückspekulationen befördert; dies, so eine häufige Kritik, blockiert aber notwendige strukturelle Reformen. Viele Betriebe mit wenig Einkommen ziehen den Direktinvestitionsertrag, den sie so erhalten, dem Landverkauf als stabile Einkommensquelle vor. Dies hemmt jedoch weiterhin die Entstehung von wettbewerbs-
fähigen landwirtschaftlichen Unternehmen.


Medien und Internet

Fernsehen, Radio, Internet, Printmedien – das ist die Rangfolge der Medien in Polen. Mit 20 Millionen Zuschauern, von denen 15 Millionen auch Nachrichten schauen, ist das Fernsehen mit Abstand das wichtigste Medium. Das Radio bringt es nur auf zehn Millionen Hörer. Ähnlich wie in Deutschland hat sich in Polen ein Nebeneinander öffentlich-rechtlicher und privater Fernseh- und Rundfunkanbieter entwickelt. Der größte Privatsender ist TVN, der zur polnischen Medienholding ITI gehört und im Programm auf eine Mischung aus Unterhaltung und Information (Infotainment) setzt. Der Konkurrent Polsat dagegen genießt den zweifelhaften Ruf eines reinen Spaßsenders.

Der Pressemarkt hingegen ist fast völlig privatisiert. Von den vier in Polen führenden Verlagen Bauer, Polskapresse, Agora S.A. und Axel Springer Polska ist lediglich Agora polnisch, die anderen drei gehören zu deutschen Verlagsgruppen. Der Springer-Verlag besitzt die auflagenstärkste Tageszeitung Fakt (die polnische Variante der Bild-Zeitung), die liberal-konservative Dziennik (eine der anspruchsvolleren Tageszeitungen) sowie das Wochenblatt Newsweek. Im November 2012 erwarb Springer außerdem 75 Prozent der Anteile des beliebtesten polnischen Nachrichtenportals onet.pl von TVN. 

Der polnische Verlag Agora gibt die linksliberale Gazeta Wyborcza heraus, die zweitgrößte Tageszeitung Polens. Die dritte Qualitätszeitung ist die konservative Rzeczpospolita, an der die polnische Regierung 49 Prozent der Anteile hält. Der Bauer-Verlag beherrscht mit über 53 Prozent der Auflagen den Zeitschriftenmarkt; darüber hinaus gehören ihm der größte private Radiosender Polens sowie das drittbeliebteste Online-Nachrichtenportal Interia.pl.

Die starke Stellung ausländischer, insbesondere deutscher Pressekonzerne und ihre wachsenden Beteiligungen an anderen Medien wie Onlineportalen oder Radiosendern haben immer wieder Kritik an möglicher Monopolbildung und Meinungsmache hervorgerufen. Insbesondere Springer wurde im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft der Vorwurf gemacht, mit antideutschen Artikeln in Fakt und antipolnischen in der Bild im Rahmen einer gezielten Marketingkampagne des Verlags nationale Stimmung zu machen und die jeweiligen Auflagenzahlen der konzerneigenen Boulevardblätter östlich und westlich der Oder in die Höhe zu treiben. Springer hat solche Vorwürfe immer dementiert. 

Wirtschaftlich steht insbesondere die Presse aufgrund zurückgehender Auflagenzahlen und sinkender Werbeeinnahmen unter Druck. Dazu beigetragen hat auch der rapide Aufstieg des Internets, das die Printmedien bei der Reichweite bereits überholt hat. Mit einem Wachstum von 5,4 Prozent verzeichnete Polen in der zweiten Hälfte 2011 die größte Zunahme an Breitbandanschlüssen unter allen OECD-Ländern (in der Tschechischen Republik lag der Anstieg bei 4 Prozent). Und während 2002 nur 17 Prozent der Polen mindestens einmal wöchentlich das Internet nutzten, waren es 2012 bereits 56 Prozent. Dabei sind die Aktivitäten im Internet breit gefächert – Online-Banking (60 Prozent der Internetnutzer) und Online-Shopping gehören zu den häufigsten Aktivitäten. Ebenfalls stark genutzt werden Blogs: 2012 betrieben rund 16 Prozent aller Internetnutzer ein eigenes Blog, oft, um sich mit politischen Themen auseinanderzusetzen. Verfasser wie Leser von Blogs kommen aus allen Gesellschaftsschichten.

Ein weiteres Massenphänomen in Polen ist die Nutzung des sozialen Netzwerks Nasza-klasa.pl (Unsere Klasse), wo sich Nutzer mit alten Schulkameraden wieder vernetzen können. Im Winter 2010 zählte das Netzwerk knapp zwölf Millionen Nutzer und verwies damit selbst internationale Internetriesen wie Facebook (lediglich neun Millionen polnische Teilnehmer) auf die Ränge. Damit zählt Polen zu einem der wenigen Länder in Europa, wo sich Facebook noch nicht als die Nummer eins der sozialen Netzwerke durchsetzen konnte. Experten räumen der Seite Nasza-klasa.pl auch für die Zukunft gute Chancen ein, sich auf dem polnischen Markt zu behaupten, da das Portal eine andere Zielgruppe anspreche: Während Facebook eher junge Großstädter mit hohem Bildungsgrad und starker internationaler Vernetzung bediene, ziehe Nasza-klasa.pl eher Menschen aus ländlichem Raum mit niedrigerem Bildungsgrad an.

Doch obwohl die IT-Messe CeBIT Polen 2013 als Partnerland ausgewählt hat, sollte dies nicht vergessen lassen, dass noch immer rund 30 Prozent der Polen keinen Computer besitzen und knapp 40 Prozent keinen Internetzugang haben. Während bei der jungen Generation zwischen 18 und 24 Jahren 85 Prozent das Internet nutzen, sind es bei den über 50-Jährigen gerade mal 22 Prozent. Auch der Ruf der Internetnutzer ist nicht gerade der Beste: Der ehemalige polnische Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski lehnte 2008 den Vorschlag von Online-Wahlen mit der Begründung ab, Internetnutzer seien „leicht zu beeinflussende, Pornos schauende Biertrinker“. Wenngleich der konservative Kaczynski für provokante Sprüche bekannt ist, zeigt sich darin doch die extreme Kluft zwischen Moderne und Konservatismus, die sich gerade bei der Beurteilung und Nutzung neuer Medien auftut.


Migration

2004 ging ein Gespenst um in Europa – das des für wenig Geld bald überall in der EU arbeitenden „polnischen Klempners“, der für Lohndumping und sinkende soziale Standards sorgen würde. Da beim EU-Beitritt 2004 fast jeder fünfte Pole arbeitslos war und das polnische BIP gerade einmal ein Fünftel des deutschen betrug, waren Bedenken angesichts einer starken Arbeitsmigration nicht ganz unbegründet. Deutschland erlebte diese Arbeitsmigration schon in den neunziger Jahren als saisonales Phänomen: Bis zu 250 000 Polen kamen jährlich für eine begrenzte Zeit zum Spargelstechen oder Erdbeer­pflücken ins Nachbarland.

Einzig Schweden, Irland und Großbritannien wagten gleich 2004 das Experiment der Freizügigkeit für polnische Arbeitskräfte und erlebten tatsächlich einen starken Ansturm. Irland, bis dahin das Auswanderungsland schlechthin, verzeichnete einen Zuwachs polnischer Staatsbürger um 400 Prozent. In Großbritannien stiegen Polen zur größten Immigrantengruppe auf: Lebten Anfang des neuen Jahrtausends etwa 24 000 polnische Staatsbürger in Großbritannien, verachtfachte sich deren Zahl binnen vier Jahren: 2006 lebten 209 000 Polen auf den britischen Inseln. Die Dynamik schwächte sich danach ab, die Zahl der in Großbritannien lebenden Polen stieg aber weiter. Ende 2010 hielten sich rund 560 000 Polen in Großbritannien auf.

Meist jung, relativ gut ausgebildet und mit guten Kenntnissen der Landessprache versehen, arbeiteten die polnischen Migranten zunächst größtenteils in der Verwaltung, der Gastronomie und der Landwirtschaft – oft also in Bereichen, in denen einheimische Arbeitskräfte nicht arbeiten wollten oder konnten. Nachteilige Auswirkungen auf die britische Wirtschaft ließen sich bisher kaum feststellen.

Während die meisten europäischen Staaten im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 mit wirtschaftlichen Problemen und Rezession zu kämpfen hatten, trug die positive Entwicklung in Polen dazu bei, dass viele polnische Migranten ab 2009 eine Rückkehr erwogen. Seit 2004 hatten sich die Löhne verdoppelt, und der Wert des Zloty war gestiegen. Dementsprechend sank 2009 und 2010 die Anzahl polnischer Migranten im Ausland. Nach Angaben des Statistischen Hauptamts in Warschau hielten sich in den EU-Ländern Ende 2010 nach Großbritannien die meisten Polen in Deutschland (455 000), Irland (125 000), den Niederlanden (108 000) und in Italien (92 000) auf.

Die Einwanderung nach Polen nimmt sich dagegen bescheiden aus. Nach Angaben des polnischen Innenministeriums hielten sich Ende 2010 nur rund 97 000 Ausländer legal in Polen auf. Dauerhafte Aufenthaltsgenehmigungen wurden hauptsächlich an Ukrainer (28 450), Russen (12 550), Weißrussen (8995), Vietnamesen (8567) und Armenier (3858) vergeben.

Neben der Entlastung des heimischen Arbeitsmarkts beflügelten die Emigranten durch Rücküberweisungen den heimischen Konsum. So beliefen sich die von Arbeitsmigranten nach Hause geschickten Beträge nach einem Bericht des Südwestrundfunks im Jahr 2011 auf fast 17 Milliarden Zloty (etwa vier Milliarden Euro). Insgesamt überwiesen Polen seit dem EU-Beitritt 2004 bislang über 132 Milliarden Zloty an Familienangehörige oder auf eigene Sparkonten in Polen.

Traditionell war Polen stets ein Auswandererland. Für die polnische Wirtschaft war dies bisher überwiegend vorteilhaft, da die Migration dafür sorgte, die Arbeitslosenzahlen nicht in noch größere Höhen schießen zu lassen. Lediglich einzelne Sektoren, die hochqualifizierte Arbeitskräfte brauchen, klagen über einen Mangel an Arbeitskräften. Wenn es ihnen gelingt, attraktive Arbeitsbedingungen zu schaffen, wird sich dies aber wahrscheinlich nicht zu einem großen Problem auswachsen. Die Rückkehr vieler Auswanderer nach 2008 zeigt, dass gerade junge Polen sehr flexibel sind. Wie viele Polen dauerhaft im Ausland bleiben werden, hängt wohl in erster Linie von der wirtschaft­lichen Entwicklung Polens einerseits und der der restlichen EU-Staaten andererseits ab.


Tourismus

Polens Tourismusbranche boomt – und das nicht erst seit der Fußball-Europameisterschaft 2012. Schon in den Jahren zuvor entdeckten Touristen Polen als ideales Ziel für Kultururlaube, für Skitrips in die Beskiden und Segeltörns auf der Ostsee und sorgten dafür, dass Polen laut der World Tourism Organization 2011 auf Platz 19 der weltweit am meisten besuchten Länder lag. Damit hängte das Land vermeintlich populäre Ziele wie Ägypten, Portugal oder Indien ab (zum Vergleich: Deutschland rangierte auf Platz 8). Die jährliche Gesamtzahl der Touristen lag 2011 bei 13,35 Millionen.

Für die polnische Wirtschaft spielt der Tourismus eine wichtige Rolle: Seit 2001 erhöhen sich die Zahlen der im Tourismusbereich Beschäftigten stetig; 2011 waren rund 355 000 Menschen in dem Sektor angestellt. Damit bietet Polen den sechstgrößten Arbeitsmarkt für Tourismusfachkräfte in der EU. 2011 trug der Reise- und Tourismussektor 24,8 Milliarden Dollar zum Bruttoinlandsprodukt bei, was 4,8 Prozent des gesamten polnischen BIP ausmachte. Im Vergleich dazu erwirtschaftete der Tourismus in Deutschland 3,2 Prozent des BIP.

Rund ein Drittel aller ausländischen Touristen kommt aus Deutschland, sie reisen vor allem für den Sporturlaub und zum günstigen Einkaufen nach Polen. Auf Platz zwei und drei der größten Besuchergruppen liegen die Tschechen und die Slowaken. Generell erfreut sich Polen einer immer größeren Beliebtheit bei seinen östlichen Nachbarn: So legten 2011 die Besucherzahlen aus Weißrussland und der Ukraine im Vergleich zum Vorjahr um jeweils 12 und 16 Prozent zu.

Was Erholungstourismus angeht, bietet Polen unter anderem den Nationalpark Bialowieski, der zu den ältesten Europas gehört und als UNESCO-Weltkulturerbe eingetragen ist. Dort lässt sich eine große Vielfalt an Tieren beobachten, darunter Biber, Wölfe und Elche. Die eigentliche Attraktion sind jedoch Wisente. Diese Wildrinder sind vom Aussterben bedroht und können nur noch in Polen und Weißrussland in freier Wildbahn erlebt werden. Das Wildreservat zieht jedes Jahr rund 100 000 Besucher an. Der Tatra-Nationalpark ist ein weiteres Touristenziel und lockt jährlich rund drei Millionen Wanderer und Wintersportler. Auch die Masurische Seenplatte ist ein Touristenmagnet.

In den vergangenen Jahren investierte Polen stark in seine Tourismusbranche: Neben dem Ausbau von sechs Flughäfen für mehr als 600 Millionen Euro wurde im Zuge der Vorbereitungen auf die EM 2012 auch das Hotelangebot um 30 Prozent vergrößert: zu den ursprünglich vorhandenen 190 000 Hotelbetten kamen 63 000 hinzu. Am Ende übertrafen die Einnahmen von EM-Touristen mit 315 Millionen Euro vorherige Schätzungen um ein Drittel.

Viele Polen begrüßen das Erstarken der Tourismusbranche, da dies neue Arbeitsplätze schafft. Gleichzeitig kritisieren Naturschützer aber, dass die Besuchermengen in Nationalparks eine wachsende Umweltbelastung mit sich bringen – besonders durch achtlos weggeworfenen Müll. Polens Nationalparks (die zusammengenommen rund 1 Prozent von Polens Gesamtfläche ausmachen) setzen deswegen immer mehr auf Ökotourismus, der den Besuchern einen Einblick in das Wildleben gewährt, ohne dieses zu stören. Ökotourismus ist aber auch aus anderen Gründen auf dem Vormarsch: Rund 8000 Kleinbauern haben nachhaltigen Tourismus als neue Lebensgrundlage entdeckt, seitdem sie infolge der Wirkungen der EU-Agrarpolitik nicht mehr vom Anbau ihrer Produkte leben können. 

Die Tourismusbranche soll Wachstumsindustrie bleiben, besonderen Auftrieb erhofft man sich vom Werbeeffekt, den Polen als Austragungsort der Fußball-EM genossen hat. So gaben 92 Prozent der EM-Besucher an, Polen als Reiseziel an Freunde und Verwandte weiterempfehlen zu wollen.

 
 
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