Die drohende Krise

Russlands Volkswirtschaft ist nicht „normal“ – und auf gefährlichem Kurs

1. July 2014 - 0:00 | von Vladislav Inozemtsev

IP Länderporträt Russland 4, Juli/August 2014, S. 4-11

Kategorie: Wirtschaft & Finanzen, Rohstoffe & Energie, Russische Föderation

Wladislaw Inosemzew | Einnahmen aus Öl- und Gasexporten haben seit der Jahrtausendwende für Wachstum und einen gewissen Wohlstand gesorgt. Doch zugleich verharrt das Land in technologischer Rückständigkeit und leidet unter der Bürokratie und der Einflussnahme durch die Silowiki. Zudem wird nur noch konsumiert, aber nichts mehr produziert.

Den Zahlen des Internationalen Währungsfonds gemäß gilt Russland, bezogen auf das nominale Bruttoinlandsprodukt, derzeit als achtgrößte Volkswirtschaft der Welt. Der Anteil Russlands am Weltsozialprodukt beläuft sich dabei auf 2,8 Prozent. Während des vergangenen Jahrzehnts hatte sich das Land zunächst als vorbildlicher Schrittmacher unter den Schwellenländern entwickelt, bis sich das wirtschaftliche Wachstum seit 2008 abschwächte und heute fast bei Null liegt. Man kann sicher davon ausgehen, dass der Russischen Föderation 2014 und 2015 eine „sanfte“ Rezession bevorsteht, in deren Verlauf das BIP um 1 bis 1,5 Prozent schrumpfen könnte.

Dabei konnte Russland während der vergangenen 15 Jahre beeindruckende wirtschaftliche Erfolge vorweisen. 2000 lag das nominale BIP bei 285 Milliarden Euro, der Staatshaushalt machte rund 44,5 Milliarden Euro aus. Bis 2013 kletterten diese Zahlen auf 1,5 Billionen (BIP) beziehungsweise 310 Milliarden Euro für den Staatshaushalt. Auch beim Pro-Kopf-Einkommen verbesserte sich das Land in dieser Zeit in unterschiedlichen weltweiten Rankings von Platz 102 bzw. 104 auf Platz 50 bzw. 53. Galt Russland nach der Finanzkrise 1998 schon als bankrott, besitzt das Land jetzt Devisenreserven im Wert von 471,6 Milliarden Dollar (Stand: 30. April 2014) und steht damit weltweit an fünfter Stelle. In einigen Bereichen griffen „normalisierende“ Regierungsreformen: Russland verfügt heute über ein modernes Steuer- und Zollsystem, einen entwickelten Banken- und Finanzsektor, auch das Prestige von Militär- und Staatsdienst ist wiederhergestellt.

Der Ursprung von Russlands rasantem Aufschwung liegt, wie allgemein bekannt, in den Erdöleinnahmen. Die erste Preiserhöhung für fossile Energieträger zwischen 2000 und 2004 führte zu einer Anhebung der spätsowjetischen Produktionsvolumen. Die Ölproduktionsmenge stieg zwischen 2000 und 2006 von 327 auf 486 Millionen Tonnen pro Jahr, die Förderung von Erdgas von 528 auf 595 Milliarden Kubikmeter. Der folgende Anstieg der Rohölpreise auf Rekordhöhe sorgte für enorme Zuwächse der Einnahmen für den Staatshaushalt und lenkte frisches Geld in die Wirtschaft.

Es sollte jedoch festgehalten werden, dass Russland es als einziger der ölproduzierenden postsowjetischen Staaten nicht vermochte, die Öl- und Gasproduktion insgesamt über das Niveau der späten achtziger Jahre zu steigern. Die Nachbarstaaten hingegen brachen mit ihren Produktionsquoten weitere Rekorde. So fördern Kasachstan und Aserbaidschan derzeit drei- bis dreieinhalbmal so viel Gas und Öl wie 1989. Folglich sank Russlands Anteil an der weltweiten Ölproduktion zwischen 1990 und 2013 von 16,3 auf 12,8 Prozent und seine Gasförderung von 29,8 auf 17,6 Prozent. Diese Entwicklung ist unumkehrbar.

Die Bedeutung von Öl und Gas für Russlands Wirtschaft ist enorm. 2013 exportierte das Land 389 Millionen Tonnen Öl und Ölprodukte sowie 196 Milliarden Kubikmeter Erdgas – das schlug mit einem Umsatz von 188 Milliarden Euro zu Buche und steht für einen Anteil von 53,5 Prozent an den gesamten Exporteinnahmen. Exportzölle auf Öl und Gas bilden 36,4 Prozent der Staatseinnahmen. Würde man die Steuer auf Rohstoffgewinnung addieren, stiegen die Öl- und Gaseinnahmen auf 51,3 Prozent. Ohne diese Einnahmen würde Russland laut einer Schätzung des Ministeriums für Finanzstatistik ein Haushaltsdefizit von 10,2 Prozent des BIP aufweisen. Es wäre damit größer als das Defizit von 1992, dem ökonomischen „annus horribilis“ Russlands kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Allein dass die Öl- und Gaspreise über die Marke von 2002 kletterten, spülte Russland über die vergangenen zehn Jahre die zusätzliche Summe von 2,05 Billionen Euro in die Staatskassen – ein Betrag, der den jährlichen deutschen Bundeshaushalt um das Doppelte übersteigt.

Sei es durch staatliche Umverteilung oder auch durch Neuzuteilungen auf dem Markt: Die Öleinnahmen stützen die meisten Branchen der Wirtschaft und garantieren steigende Privateinkommen, die die größte Triebkraft der Nachfrage bilden. Die zweite Quelle dieses „Wohlstands“, den Russland gerade genießen darf, ist die gewaltige Unterinvestition. 1987 wurden 32,6 Prozent des sowjetischen BIP dem Investitionsbedarf zugewiesen. Heute erreicht dieser Anteil in Russland kaum noch 20 Prozent. Tatsächlich erklären die 10 bis 11 Prozent des BIP, die praktisch Zufallsgewinne aus Rohstoffexporten sind, und die weiteren 10 bis 12 Prozent des BIP, die als Investitionsmittel abgezogen und auf die Konsumption umgelenkt werden, den heutigen Wohlstand Russlands.

Schrumpfende Infrastruktur

Die Kehrseiten dieser Entwicklung sind jedoch überall sichtbar: Das Stromnetz ist weitgehend überholt, die Zahl regionaler Flughäfen verringerte sich seit 1991 auf ein Achtel, und an der Autobahn zwischen Moskau und St. Petersburg wird seit 15 Jahren gebaut. Dabei ist bis heute nicht sicher, ob und wann sie je befahrbar sein wird. In fünf bis zehn Jahren wird die zerfallende, aus den Zeiten der Sowjetunion stammende Infrastruktur Russland vor erhebliche Probleme stellen. Bisher scheint das nur wenige zu kümmern. Im Haushalt sind dafür jedenfalls keine Mittel vorgesehen.

Rentenwirtschaft setzt Korruption voraus, die von zwei Faktoren bestimmt wird: Die Verteilung von Öleinnahmen ermöglicht es, kaum Augenmerk auf die Entwicklung des wirtschaftlichen Klimas oder auf den Aus- und Aufbau einer Unternehmerschicht zu richten. So besteht die russische „Mittelschicht“ zu 60 Prozent aus Beamten beziehungsweise deren Familienangehörigen. Weil Rentenwirtschaft auch strenge politische Kontrolle durch die Behörden fordert und fördert, ignoriert man Korruption innerhalb der „Machtvertikale“ weitgehend, jedenfalls solange deren Mitglieder den Führungskreisen politische Loyalität erweisen. Die Korruption, die der russischen Volkswirtschaft Kosten von etwa 220 Milliarden Euro pro Jahr oder 14 Prozent des BIP aufbürdet, ist deshalb immanenter Teil des Systems. Das Ausmaß, in dem Korruption die inneren Machtstrukturen durchdringt, zeigt: Sie ist die Regel, nicht die Ausnahme. Dass sie bekämpft, aber das derzeitige Regime erhalten werden kann, ist ausgeschlossen. Die Steuerbeamten, die zu verschiedenen Gelegenheiten etwa 300 Millionen Dollar stahlen, durften ihre Posten behalten. Wirtschaftsprüfer Sergei Magnitski, der diese Aktivitäten aufgedeckt hatte, wurde festgenommen und kam nach knapp einem Jahr in Untersuchungshaft unter ungeklärten Umständen ums Leben. Anatoli Serdjukow, einer der korruptesten Minister der russischen Regierung, wurde zwar entlassen, fand aber alsbald einen guten Posten in einem staatlich geführten Unternehmen und genießt ein wohlhabendes und freies Leben in Moskau. Korrup­tion ist in Wladimir Putins Russland omnipräsent – sämtliche offiziellen Beteuerungen oder angeblichen Aktivitäten zu deren Bekämpfung verdienen es nicht, ernst genommen zu werden.

Eine Konsumgesellschaft, die nichts mehr produziert

Es gibt ein weiteres wichtiges Merkmal, das die russische Wirtschaft von anderen Schwellenländern unterscheidet, vor allem von jenen im ostasiatischen Raum: ein Anstieg des Wirtschaftswachstums bei einem gleichzeitigen konstanten Rückgang der Industrie. Die durchschnittliche Wachstumsrate Chinas betrug von 2000 bis 2010 etwa 9,8 Prozent, während das Wachstum der industriellen Fertigung 14,4 Prozent betrug. In Brasilien beliefen sich diese Werte auf 2,0 und 3,4 Prozent, in Südkorea auf 3,7 und 6,2 Prozent. Nur in Russland wuchs das BIP pro Jahr um 5,3 Prozent, während die industrielle Produktion durchschnittlich nur um 3,4 Prozent anstieg.

Die größten Wachstumsimpulse waren dem Groß- und Einzelhandel zuzuschreiben sowie Dienstleistungen, Bankgeschäften, mobiler Internetkommunikation und zu einem kleineren Teil dem Baugewerbe. Eine der wenigen Ausnahmen ist der Automobilsektor: Russland gelang es, Montagebetriebe von führenden Autoherstellern (Ford, Volkswagen, Peugeot, Toyota, Dae­woo) anzusiedeln, noch bevor es 2012 der Welthandelsorganisation (WHO) beitrat. Infolgedessen wurden in Russland 2013 mehr als 2,2 Millionen Pkw gefertigt, von denen aber nur 438 000 im aus Sowjetzeiten stammenden Automobilwerk VAZ vom Band liefen. Davon abgesehen gibt es nicht viel, worauf man stolz sein könnte: Russland importiert 100 Prozent seiner Mobiltelefone, 95 Prozent der Computer, so gut wie alle Büro- und medizinischen Ausstattungen, 85 Prozent der Flugzeuge und 70 Prozent der Arzneimittel. Sogar Kühlschränke und Waschmaschinen werden ausschließlich in Fabriken gefertigt, die ausländische Unternehmen errichtet haben. In den großen Einkaufszentren wie Auchan, Metro oder Media Markt werden heutzutage mit Ausnahme von Nahrungsmitteln keine russischen Produkte verkauft. Russland ist die größte Konsumgesellschaft, die wir uns vorstellen können – aber sie produziert nichts mehr.

Zur wirtschaftlichen Ungleichheit trägt auch die wachsende Kluft zwischen Gehältern und Produktivität bei. Die Gehälter sind seit 15 Jahren kontinuierlich gestiegen – im Schnitt von 2200 Rubel (86 Euro) im Jahr 2000 auf 28 900 Rubel (690 Euro) seit 2013. Leitende Angestellte und Mitarbeiter von Regierungsbehörden kommen in den Genuss von Gehältern, die deutlich höher ausfallen als in Europa. Die durchschnittlichen Bezüge eines Vorstandsmitglieds von Gazprom lagen zwischen 2010 und 2013 bei 450 000 Euro jährlich; der Chef des Geheimdiensts FSB verdient offiziell 9,4 Millionen Rubel (206 000 Euro) im Jahr – etwas mehr als der französische Staatspräsident. Trotzdem kurbeln diese hohen Gehälter quer durchs Land das Produktivitätswachstum nicht an.

Betrachtet man Gazprom genauer, stellt man fest, dass die Belegschaft 417 000 Angestellte umfasst, das 5,5-Fache der Mitarbeiter von BP und das 4,9-Fache von Exxon Mobile. Gazproms Einnahmen hingegen betragen nur 37 beziehungsweise 40 Prozent der Einnahmen von BP oder Exxon Mobile. Die Russischen Eisenbahnen beschäftigen 960 000 Angestellte, doch die Einnahmen des Konzerns pro Mitarbeiter beliefen sich 2013 nur auf 1,56 Millionen Rubel (36 900 Euro). Zum Vergleich: Die Deutsche Bahn verdient pro Mitarbeiter 127 800 Euro und der französische Staatsbetrieb SNCF erreicht gar 134 000 Euro. Im Schnitt verharrt die Produktivität der russischen Volkswirtschaft bei einem Wert von 27 Prozent der Produktivität der US-Wirtschaft, und sie ist seit 2006 nicht mehr gestiegen.

Russlands Regierung reagiert auf Arbeitskräftemangel, indem sie jedes Jahr mehr als eine Million Arbeitsmigranten aus ehemaligen Sowjetrepubliken nach Russland einwandern lässt. Dabei könnte man auf dem Arbeitsmarkt schon allein mit 600 000 Arbeitssuchenden mehr rechnen, wenn nur ein Konzern wie die Russischen Eisenbahnen ihr Produktivitätsniveau auf europäische Standards bringen könnte. Dennoch nehmen die zuständigen Behörden dieses Problem nicht ernst: Inmitten der Finanzkrise 2008/09 untersagten Präsident und Premierminister unter Androhung strafrechtlicher Verfolgung Unternehmern die Entlassung von Angestellten – aus Angst vor möglichen sozialen Unruhen. Bis heute ist Arbeitsimmobilität ein akutes Problem, das Produktivitätssteigerungen verhindert und damit das Wachstum insgesamt beschränkt.

Die Geißel Russlands: eine korrupte und überbordende Bürokratie

Das eigentliche Problem Russlands ist aber weder die technologische Rückständigkeit noch die Abhängigkeit von Erdöleinnahmen, sondern die Bürokratie und deren Einfluss auf die Wirtschaft. Eine starke Bürokratie hat in Russland Tradition. In den vergangenen Jahren hingegen hat sie schier gigantische Ausmaße angenommen. Landesweit werden 1,84 Millionen Staatsbeamte beschäftigt; im Staatshaushalt 2014 sind 1,03 Billionen Rubel (28,8 Milliarden Dollar) für „allgemeine Staatsaufwendungen“ eingeplant. Zum Vergleich: In den Vereinigten Staaten wird „Allgemeine Staatsführung“ mit einem praktisch identischen Wert beziffert (28,9 Milliarden Dollar). Allerdings ist die amerikanische Wirtschaft auch mehr als acht Mal größer als die russische.

Von 32,3 Millionen Männern im Alter zwischen 18 und 65 Jahren dienen derzeit 1,1 Millionen in der Armee; in weiteren so genannten „Gesetzesvollzugsstrukturen“ arbeiten mehr als 900 000 – davon 800 000 im Innenministerium. Mehr als eine Million sind Angestellte privater Sicherheitsdienste; kurz: 12 Prozent der erwachsenen Männer Russlands „schützen“ – oder vielmehr behindern – lediglich die Arbeitsleistung anderer. Diese angeblichen „Vollzugsstrukturen“ (auch „Silowiki“ genannt, die „Mächtigen“ oder „Starken“ aus den Sicherheitsapparaten, siehe auch S. 42 f.) terrorisieren Unternehmen und nehmen sie nach Strich und Faden aus. Diese „Beamtenschaft“ trägt zusätzlich zu einer Steuerbelastung bei, die 2013 34,6 Prozent des BIP betrug und damit so hoch wie in Kanada liegt – 4,5 Prozent höher als in der Schweiz, ein Drittel höher als in der Türkei und doppelt so hoch wie in China. Da verwundert es nicht, dass Russland in den vergangenen zehn Jahren im Bereich Qualität der Regierungsführung in weltweiten Rankings abgestiegen ist und Unternehmer versuchen, einen Großteil ihrer Einkommen in ausländischen Banken unterzubringen: Zwischen 2008 und 2013 belief sich die Kapitalflucht auf 425 Milliarden Dollar.

Die Behörden versuchen, darauf mit Steuererhöhungen zu reagieren: 2012/13 beschloss die Duma etwa alle drei Wochen Änderungen an den Steuergesetzen. Das Ergebnis war keine Überraschung: Russlands Wirtschaftswachstum sank von 4,9 Prozent im ersten Quartal 2012 auf 0,7 Prozent im ersten Quartal 2014 und dürfte seitdem, wie viele Experten annehmen, bereits in die Rezession gerutscht sein.

Die Folge des Machtmissbrauchs in Russland ist die Auslagerung der Wirtschaft ins Ausland („offshorization“). Sämtliche größeren privatwirtschaft­lichen Unternehmen gehören mittlerweile zu Holdinggesellschaften, die in Zypern, auf den Britischen Jungferninseln und anderen „Offshore“-Jurisdik­tionen registriert sind. Die größten öffentlichen Unternehmen nutzen „Offshore“-Firmen, um ihre Produkte zu vertreiben und Kredite ausländischer Banken anzuziehen. Schätzungen zufolge wurden 2012 ca. 62 bis 73 Prozent des russischen BIP von Unternehmen erwirtschaftet, die Konzernen gehören, die außerhalb der Russischen Föderation registriert sind. 53 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen, die in dem Jahr nach Russland flossen, kamen aus Zypern, den Britischen Jungferninseln, Bermuda und den Bahamas (für Deutschland lag der Anteil deutlich unter 5 Prozent). Der hohe Betrag an ausgelagertem Kapital erlaubt Unternehmern, russische Firmen weiterzuverkaufen und dabei den Steuervorschriften und Kontrollen durch das russische Kartellamt zu entgehen, Vertragspartner vor britischen Gerichten zu verklagen und die Steuerzahlungen für Kapitalerträge und Dividenden zu minimieren. Die dabei entstehenden Strukturen sind kaum zu überschauen: Als im Januar 2011 ein Selbstmordattentat im Moskauer Flughafen Domodedowo verübt wurde, bei dem 37 Menschen getötet wurden, dauerte die Suche nach dem rechtmäßigen Eigentümer des betreffenden Terminals mehr als zwei Wochen. In den vergangenen Jahren hat Putin wiederholt die „De-offshorization“ der Wirtschaft angekündigt, doch bis heute sind keine Fortschritte in diese Richtung erkennbar – vor allem, weil die Briefkasten­firmen die Reichtümer einer Reihe von russischen Regierungsmitarbeitern verstecken, denen wirtschaftliche Aktivitäten offiziell verboten sind.

Von steigenden Rohstoffpreisen abhängig

Russland kann nur dann wachsen, wenn seine Wirtschaft von kontinuierlich steigenden Finanzströmen aus Rohstoffexporten versorgt wird. Das bedeutet, dass hohe Ölpreise allein für nachhaltiges Wachstum gar nicht ausreichen; Russland braucht ständig steigende Preise. Zwischen 2011 und 2013 rangierte der Ölpreis bereits auf einer historischen Höchstmarke, mit Preisen von 111,3 Dollar, 111,7 Dollar und 108 Dollar pro Barrel. Im gleichen Zeitraum verlangsamte sich aber das Wirtschaftswachstum von 4,3 auf 1,3 Prozent.
Meiner Ansicht nach ließe sich mit einer Deregulierung und Dezentralisierung der Wirtschaft ein explosives Wachstum erzielen – im Zusammenspiel mit der Begrenzung von unnötigen Staatsausgaben, Steuersenkungen und einer effektiven zivilgesellschaftlichen Kontrolle der Eingriffe in die Wirtschaft durch die Silowiki (die niemand in Russland als „Vertreter des Rechts“ begreift). Dmitri Medwedew hat dies als Präsident vor 2012 umzusetzen versucht. Doch seit Putins Rückkehr ins Präsidentenamt wendete sich der Staat noch schärfer gegen Unternehmer. Die eigentliche Gefahr für Russland liegt nicht im möglichen Abfall des Ölpreises und den daraus resultierenden Verlusten an Haushaltseinnahmen. Die wirkliche Gefahr für die russische Wirtschaft ist schon sehr real. Sie besteht in der zügellosen Gier der Bürokraten, die die Haushaltsausgaben in solche Höhen treiben werden, dass kein Energiepreis das Budget je wieder ausgleichen kann.

Die Gestaltung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und seinen Nachbarstaaten bietet dabei kein Potenzial zur Linderung. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion blieben die neu gegründeten GUS-Staaten weiterhin stark von Russland abhängig. 1993 beliefen sich die Geschäfte mit Russland auf 73 Prozent des GUS-Außenhandels. Diese Zeiten sind vorbei, die russische Bevölkerung in den postsowjetischen Staaten hat sich um mehr als die Hälfte verringert und jedes dieser Länder entwickelt sich gerade zu einem mehr oder weniger unabhängigen Staat. Aber nun will Russland umgekehrt neue Integrationsstrukturen auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR schaffen, verfolgt damit aber eher politische als wirtschaftliche Ziele. Es ist so schwer nicht zu verstehen, worauf sich Moskaus Träume gründen: Die Wirtschaft der Sowjetunion war 1987 um das 3,4-Fache größer als die chinesische Wirtschaft und überstieg auch die Deutschlands um knapp ein Drittel. Aber heute ist Russlands BIP 8,9 Mal kleiner als das der EU und 4,7 Mal kleiner als das BIP Chinas.

Aus diesem Grund sieht Präsident Putin die wirtschaftliche Integration postsowjetischer Staaten als ein Instrument für die Schaffung eines neuen „Machtzentrums Eurasien“, das mit Europa und China konkurrieren oder ihnen zumindest auf Augenhöhe begegnen kann. Dieses Ziel ist vor allem aus zwei Gründen unerreichbar: Selbst wenn man, erstens, alle postsowjetischen Volkswirtschaften inklusive die Georgiens, der Ukraine und Turkmenistans, – die derzeit keine allzu großen Sympathien für eine engere Integration mit Russland aufbringen – zusammennimmt, würde das BIP dieser Union das von Russland nur um 23 Prozent übersteigen. Es überträfe damit das aktuelle BIP Brasiliens nur um 10 Prozent. Eine solche Union würde keinesfalls für einen sprunghaften Anstieg der Wirtschaftskraft sorgen.

Zweitens sind Russland und seine Nachbarn Kasachstan, Aserbaidschan, Turkmenistan und Usbekistan allesamt Rohstoffökonomien, die durch den Zusammenschluss ihrer Kräfte keine ernst zu nehmende Industriemacht bilden können. Ein integrierter Staatenbund könnte folglich zwar zu Brasiliens BIP aufschließen, aber bei den Zahlen von dort produzierten Autos und Flugzeugen oder bei neuer Informationstechnologie nicht mithalten. Das ist auch der Grund, warum die Ukraine ihr Möglichstes getan hat, um nicht in einen solchen Verbund integriert zu werden, obwohl Putin höchsten Wert darauf gelegt hatte, das Land zum Mitglied seiner neuen Union zu machen. Die Eurasische Wirtschaftsunion wird im besten Fall ein Bund von Ländern werden, die versuchen, den Status quo aufrechtzuerhalten, statt ihre Volkswirtschaften den modernen Anforderungen anzupassen.

Zu Beginn des neuen Jahrtausends versprach ein radikaler Wechsel hin zur Rohstoffwirtschaft noch glänzende Perspektiven für Russland. Zwischen 2000 und 2007 lagen die jährlichen Wachstumszahlen bei 6,6 Prozent, der Aktienmarkt wuchs um das 13-Fache. Doch nutzte die Regierung diese günstigen Entwicklungen nicht, um ausländische Investoren anzuziehen, nachhaltiges Wachstum im industriellen Sektor zu fördern, für die Bildung eines nationalen Unternehmertums und eine Annäherung an die EU zu sorgen. Russland hätte gegenüber der EU eine ähnliche Rolle spielen können wie China gegenüber den USA. Die Vorteile niedriger Rohstoffpreise im Inland wurden nicht sinnvoll investiert, Produktionskosten stiegen, fachliche Kompetenzen schwanden durch Bildungskrise und Braindrain. Die derzeitige Verlangsamung des Wachstums scheint daher nur eine natürliche Konsequenz der Verstaatlichung der Wirtschaft, des schlechten Investitionsklimas und der Tatsache, dass die Regierung eine Politik verfolgt, in der die Außenwelt als feindliche Macht dargestellt wird, die die Entwicklung Russlands behindert.

Der Gipfel des russischen Wohlstands und der politischen Macht liegt eindeutig in der Vergangenheit: Der Wendepunkt war irgendwann zwischen 2010 und 2011. Der Kurs, den die Wirtschaft seit 2012 eingeschlagen hat, kann in naher Zukunft nicht geändert werden, da Putin seine politischen Ziele den wirtschaftlichen überordnet – was die Ukraine-Krise deutlich vor Augen führt. Außerdem kann eine Volkswirtschaft, die weiterhin auf der Ausbeutung natürlicher Ressourcen durch Staatsunternehmen fußt, kaum wettbewerbs- und konkurrenzfähiger werden. Während die politische Führung immer starrer an ihrer Linie festhalten wird, werden neue Wirtschaftszweige wie Internetgeschäfte, Bezahlungssysteme, Kommunikationsbranche und Massenmedien in ihrer Rolle als Wachstumsmotoren unwichtig werden und immer mehr Kapital wird aus dem Land fliehen.

Man kann deshalb davon ausgehen, dass sich Russlands Wirtschaft auch 2015 noch in der Rezession befinden wird. Die Beziehungen zu Nachbarländern könnten konfliktreicher, die Außenpolitik insgesamt aggressiver werden. Vor 2018 sind keine Veränderungen zu erwarten. Erst dann beginnt die nächste Legislaturperiode nach den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen, bei denen sich wahrscheinlich ein verändertes Stimmungsbild der russischen Bevölkerung zeigen wird – als Folge einer drohenden Wirtschaftskrise.

Prof. Dr. Wladislaw Inosemzew ist 
Direktor des Center 
for Post-Industrial 
Studies in Moskau.

 
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