Innovativ in Tel Aviv

Das kleine Land ohne Ressourcen setzt auf das Know-how seiner Bevölkerung

1. July 2016 - 0:00 | von Matan Hodorov

IP Länderporträt 2, Juli - Oktober 2016, S. 6-12

Kategorie: Staat und Gesellschaft, Wirtschaft & Finanzen, Israel

Dass Not erfinderisch macht, lässt sich in Israel mit Händen greifen. Als kleines Land ohne Ressourcen war man stets gezwungen, auf das Know-how seiner Bevölkerung zu setzen. Die ist jung, divers, diskussionsfreudig – doch längst nicht alle ihre Mitglieder sind Teil der israelischen Start-up-Nation. Eine Erfolgsgeschichte mit Einschränkungen.

Israel war lange Zeit vor allem Exporteur von Agrarprodukten und, zumindest in seiner ideologischen Ausrichtung, eine zutiefst egalitäre und im Schnitt auch nicht wohlhabende Gesellschaft. Das hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten grundsätzlich geändert. Israel ist zur Start-up-Nation geworden, sein BIP liegt weit über dem der Nachbarländer; seit 2010 ist es auch Mitglied der OECD und gehört damit dem exklusiven Club der am weitesten entwickelten und reichen Länder an.

Wenn Israel heute führend auf Gebieten ist wie IT-Entwicklung, Bio- und Medizintechnik, moderne landwirtschaftliche Anbaumethoden, technologiegetriebenes und effizientes Wassermanagement oder Cybersecurity, wenn fast alle wichtigen globalen Unternehmen der Branche auch Zweigstellen oder Research Center in Israel unterhalten, dann hat das nicht vorrangig mit einer bestimmten Wirtschaftspolitik zu tun. Entscheidend sind zwei Charakteristika der israelischen Gesellschaft: Sie ist innovativ und sie ist enorm divers.

Israels hohes Innovationspotenzial ist dabei eher aus der Not geboren. Das Land verfügt nicht über nennenswerte Ressourcen. (Selbst, wenn vor einiger Zeit Erdgas- und sogar Erdölfelder entdeckt wurden, die mit moderner Technologie jetzt auszubeuten wären, s. auch Seite 24 ff.) Es muss also auf die einzige Ressource zurückgreifen, die zur Verfügung steht: Know-how. Dazu kommt: Israel hat nur knapp acht Millionen Einwohner, der heimische Markt ist also sehr klein. Wegen der anhaltenden politischen Spannungen verfügt Israel auch nicht über die Möglichkeit eines integrierten regionalen Marktes. Zudem sind die Ökonomien der Nachbarländer ganz anders gelagert als die israelische.

Die vorrangige Aufgabe für die israelische Volkswirtschaft ist es also, herauszufinden, welche Marktlücken es international gibt. Sie ist deshalb gezwungen, stets an der Spitze der Entwicklungskurve zu bleiben, und sie ist extrem exportabhängig. Damit ist die israelische Innovationsindustrie auch störanfällig für weltwirtschaftliche Krisen. Das für Israel eher geringere Wachstum von „nur“ 2,5 Prozent im Jahr 2015 (immerhin ein Wachstum, von dem manches europäische Land derzeit nur träumen kann) ist nicht nur der kräftigen Aufwertung der Währung, dem Schekel (NIS), gegenüber dem Euro geschuldet, sondern auch einem Rückgang auf dem Exportsektor. Für 2016 prognostiziert die Bank of Israel wieder ein Wachstum von 3,3 Prozent. Ein Unsicherheitsfaktor bleibt natürlich die sehr angespannte politische Lage in der Region.

Der zweite Faktor, der eine Last sein könnte – und es zuweilen auch ist –, der sich aber trotzdem eher als Segen erweist, ist die Diversität der Gesellschaft. Manche sprechen sogar von einer „Stammesgesellschaft“, mit Gruppierungen, die einander nicht immer grün sind: „Aschkenasis“, also europäischstämmige Juden, versus „Sepharden“ aus der arabischen Welt; Religiöse versus Säkulare; Juden versus Araber, die wiederum auch keine monolithische Gruppe sind, weil dazu Beduinen und Drusen, Muslime oder Christen gezählt werden; Linke und Rechte; Israelis, deren Familien schon seit Generationen hier leben, und Israelis, die erst in jüngeren Jahren eingewandert sind – und aus höchst verschiedenen und unterschiedlich entwickelten Ländern stammen. Die jüngsten Einwanderungswellen kommen aus Frankreich, der ehemaligen Sowjetunion oder Äthiopien. Das Miteinander ist alles andere als unkompliziert oder reibungsfrei. Im Gegenteil, diese Diversität führt zu konstanten und ganz gewiss nicht immer zurückhaltend oder nach den Regeln der Höflichkeit ausgetragenen Debatten. Diese zuweilen auch erschöpfende „Lebendigkeit“ der israelischen Gesellschaft aber hat einen positiven Effekt auf die Innovationsfähigkeit der Wirtschaft: Es gibt eine tief verwurzelte, wenig formelle Debattenkultur, in der es nicht verpönt ist, Ungewöhnliches zu denken, Unbequemes zu äußern und Unkonventionelles vorzuschlagen.

Neben diesen gesellschaftlichen Faktoren hat eine ökonomische Vorsichtsmaßnahme ebenfalls zum Boom der israelischen Industrie beigetragen, der auf den ersten Blick im Gegensatz zu einer innovationszentrierten und auf schneller Entwicklung basierten Wirtschaft zu stehen scheint: Israels Bankensektor ist äußerst konservativ. Finanzleistungen, die das Vermögen der gesamten Bevölkerung betreffen, sind sehr strikt reguliert. Anders als die USA vor dem Krisenjahr 2008 oder auch einige Staaten der Europäischen Union achtet Israel sehr streng darauf, dass keine Risikogeschäfte getätigt werden können, die am Ende den kleinen Anleger treffen könnten. Dass Israel so viel Vorsicht walten lässt, hat weniger mit Vorausschau zu tun als mit den bitteren Lehren aus den eigenen Fehlern: „Niemand ist so schlau wie derjenige, der schon eine schreckliche Erfahrung machen musste“, heißt es in einem hebräischen Sprichwort. In den achtziger Jahren litt Israel unter einer Hyperinflation, das gesamte Bankensystem kollabierte, nicht zuletzt auch wegen des Fehlverhaltens im Bankenmanagement. Die Regierung hat die Banken retten und faktisch verstaatlichen müssen. Inzwischen wurde auch der Bankensektor in weiten Teilen wieder privatisiert. Aber nachdem der Staat die Fehler der Banken korrigieren musste, blieb man bei einer Politik der strikten Kontrolle.

Es waren also vor allem innerisraelische Gründe, die zu einer Neuaufstellung des Bankensektors geführt haben, der sich in und nach der Finanzkrise von 2008 als äußerst gesund erwies. Israel hat nach dem Ausbruch der Krankheit eine bittere Therapie durchlaufen müssen, die sich dann auch als Prävention gegen eine weit größere Krise erwies. Es blieb von der globalen Krise weitgehend unberührt.

Die Kombination aus der Ressource Know-how, einem Innovationszwang, der Diversität und Lebendigkeit der Gesellschaft sowie einem konservativen Bankensektor hat wesentlich dazu beigetragen, dass Israel seine Wachstumsraten über die vergangenen Jahre sehr hoch und die Arbeitslosenraten sehr niedrig halten konnte. Für 2016 rechnet man mit einem Wachstum von über 3 Prozent, die Arbeitslosenquote lag 2015 bei 5,3 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit bei unter 10 Prozent. Damit liegt Israel auf dem Niveau Deutschlands. Die meisten anderen Industriestaaten haben mit dem umgekehrten Situation zu kämpfen: wenig Wachstum und höhere Arbeitslosigkeit, vor allem unter Jugendlichen.


Allen Widrigkeiten zum Trotz

Warum führt eine von vielen Bruchlinien gezeichnete Gesellschaft nicht zu einer völligen Zersplitterung, sondern trägt zu ihrem kreativen Potenzial bei? Israel ist in vielerlei Hinsicht – nicht nur demografisch, sondern auch historisch – ein sehr junges Land. Der Erfolg, und damit letztendlich auch die Sicherheit dieses Landes und seiner Bewohner, hängt in hohem Maße von der Bereitschaft seiner Bürger ab, zur Entwicklung des Landes beizutragen. Fast 70 Jahre nach der Staatsgründung gibt es immer noch eine Art Pioniergeist: den Willen, das Erbe der Gründerväter und -mütter weiterzuführen. Sie hatten ja etwas vollkommen Neues aufgebaut. Und dieser Anspruch, etwas Neues zu schaffen, ist immer noch sehr stark. Im Grunde war Israel schon vor der Erfindung des Begriffs eine Start-up-Nation.

Hinzu kommt die Erfahrung, von Feinden umgeben zu sein. Viele Jahrzehnte hatten arabische Staaten einen völligen Wirtschaftsboykott gegen Israel verhängt. Das Friedensabkommen mit Ägypten wurde erst 1979, 30 Jahre nach Staatsgründung geschlossen, der Frieden mit Jordanien weitere 15 Jahre später. Israels schon immer prekäre Sicherheitslage stärkt allen ethnischen, religiösen, politischen und kulturellen Spannungen zum Trotz das Gemeinschaftsgefühl. Risikofaktoren wie ein regionales sicherheitspolitisches Umfeld, das in dieser Weise kein anderes Land der Welt kennt, die Neugründung eines Staates ohne nennenswerte Ressourcen und eine potenziell konfliktreiche Gesellschaft wurden also zum Vorteil: Weil diese Faktoren ein generelles Gefühl eines „Jetzt erst recht und gegen alle Widrigkeiten“ hervorgebracht haben, das in einer modernen IT-Ökonomie genau das ist, was erforderlich ist. Sich gegen Widerstände durchzusetzen, zu scheitern und es von Neuem zu versuchen, ist tief in der israelischen DNA verankert.

Neben diesem „Start-up-Spirit“ ist ein weiterer Faktor ausschlaggebend: Ein großer Teil des Risikokapitals mag aus Israel selbst stammen. Doch immerhin kommen 47 Prozent, also fast die Hälfte des Kapitals, das für die Entwicklung von Produkten notwendig ist, aus dem Ausland – einer politischen Situation zum Trotz, die auf den ersten Blick nicht gerade einladend ist. Weil Israel als innovativ gilt (aber auch, weil es ein verlässliches Rechtssystem gibt), ist es israelischen Firmen möglich, Auslandsinvestitionen anzuziehen, von denen der Löwenanteil von größeren Risikokapitalfirmen in den USA stammt. Nur 12 Prozent der Investitionen stammen aus öffentlicher Hand, von Regierungsinstitutionen, Universitäten oder anderen Forschungseinrichtungen.


Zu wenig Geld für Schulen

Was die Herstellung von Know-how betrifft, um Israels Innovationsvorsprung beizubehalten, gibt es allerdings keinen Grund, sich auf den bisherigen Erfolgen auszuruhen. Für eine Wissensgesellschaft, deren wirtschaftlicher Erfolg kaum auf klassischer Produktion beruht, liegt Israels Budget für Ausbildung und Erziehung im Vergleich mit anderen OECD-Ländern eher unter dem Durchschnitt. Hier spielt Israels Sicherheitssituation eine negative Rolle: Das Verteidigungsbudget ist hoch, das wirkt sich auf die Ausgaben aus, die Israel in sozialen Bereichen tätigen kann. Israels tertiäre Ausbildungsinstitutionen, seine Universitäten und Forschungseinrichtungen wie das Technion in Haifa, das Weizmann-Institut in Rechovot, die Universitäten in Tel Aviv, Jerusalem und Beer Sheva, genießen alle einen exzellenten Ruf.

Aber in den Grund- und Mittelschulen sieht es ganz anders aus. Diese Einrichtungen leiden unter finanziellen Einschränkungen. Wenn die technologischen und wissenschaftlichen Standards einer Know-how-Ökonomie und einer Start-up-Wirtschaft erhalten werden sollen, dann müssen israelische Regierungen wesentlich mehr in das Schulsystem, vor allem in den Unterricht in Mathematik und Naturwissenschaften investieren. Israel darf sich nichts darauf einbilden, dass es eine dem kalifornischen Silicon Valley vergleichbare Innovationskultur hat – weshalb das Gebiet zwischen Nord-Tel Aviv und Netanja, wo die meisten IT-Firmen ihren Sitz haben, auch „Silicon Wadi“ genannt wird. Aber die Aufholjagd, die andere Länder starten, ist enorm. Es gibt viele Wettbewerber, die auf diesem Sektor versuchen, zu Israel oder den USA aufzuschließen. Israel muss in Zukunft also versuchen, wesentlich mehr in sein Ausbildungssystem zu investieren. Zarte Anfänge sind zu beobachten. Jüngst hat das Bildungsministerium ein nationales Programm verabschiedet, um die Anzahl der Schüler beträchtlich zu erhöhen, die besonders förderungswürdig sind für Fächer wie Mathematik, Biologie, Physik oder Computer Science.


Hohe Wertschöpfung, internationale Märkte

Bei der Frage, wohin Israel seine Güter exportiert, geht es weniger um die Anzahl der Märkte als vielmehr um den Wert der Produkte. Ein Sprung von einer oft hoch subventionierten, teils trägen Wirtschaft in eine rasante Innovationswirtschaft hängt auch stark mit der Veränderung der Märkte zusammen. In Israel produzierte landwirtschaftliche Erzeugnisse boten eine sehr hohe Qualität zu einem relativ niedrigen Preis. In dieser Hinsicht war die israelische Landwirtschaft sehr erfolgreich. Ihre Produkte waren stark nachgefragt – wobei das Interesse in Europa deutlich größer ausgeprägt war als in China, Japan oder Südkorea. Das Problem dabei ist, dass die Landwirtschaft sich in besonderem Maß auf schwere körperliche Arbeit stützt und wenig auf Technik. Die Möglichkeiten zur Wertschöpfung sind hier relativ gering. Die Entwicklung der Hightech-Industrie hat Israel zwei neue Türen geöffnet: Sie hat die Anzahl der Märkte erhöht, die es beliefern will. Und sie hat den Wert der verkauften Waren erhöht. Heute geht es um Chips, Informationstechnik, Algorithmen, Codes und Verschlüsselungen statt um Jaffa-Orangen.

Israel steigert die Wertschöpfungskette seiner Exporte, was nicht ohne Folgen bleibt. Gehälter in der IT-Branche sind wesentlich höher als in der Landwirtschaft, die sich üblicherweise auf Zuwanderer oder Gastarbeiter stützt. Die Hightech-Industrie schafft Jobs und erschließt neue Märkte: Israel ist jetzt in der Lage, in andere Länder als früher zu exportieren, und zwar nach Fernost, nach China, Japan, Südkorea und Indien. Diese Länder entwickeln sich schnell und sind sehr an innovativer Technologie interessiert. Auf diesen Märkten haben die Produkte einen wesentlich höheren Nettowert und damit können auch lukrative und attraktive Jobs für besser Ausgebildete geschaffen werden, was wiederum eine perfekte Möglichkeit ist, in Israels Humankapital zu investieren und damit einen höheren Lebensstandard für zukünftige Generationen abzusichern.

So störanfällig eine auf hohe Wertschöpfung angelegte Exportwirtschaft für globale Verwerfungen ist, so wenig anfällig ist sie für Boykottaufrufe, wie sie jüngst vor allem durch die so genannte Boycott, Divestment and Sanction (BDS)-Bewegung aufgebracht wurden. Diese Bewegung mag sehr lautstark sein und sie findet ja vor allem unter den besser Ausgebildeten, auf den Campus amerikanischer Universitäten oder in der europäischen Linken viele Anhänger. Aber sie hat in Wirklichkeit sehr viel weniger Auswirkungen, als einige unserer Politiker glauben. In vielerlei Hinsicht zielt sie auf einen israelischen Kulturexport, der ja durchaus auch erfolgreich ist (s. auch Seite 58 ff.) und trifft damit oft jene Israelis, die sich für einen Ausgleich mit den Palästinensern einsetzen. (Wobei es grundsätzlich völlig akzeptabel ist, israelische Regierungspolitik zu kritisieren. Auch viele Israelis sind mit den Entscheidungen ihrer Regierung nicht einverstanden und können dies in einem Staat mit einer demokratisch gewählten Regierung ja auch jederzeit äußern.)

Es ist allerdings wesentlich schwieriger, israelische Hightech-Produkte zu boykottieren – einfach weil sie kein Label haben, weil sie zu existenziell sind oder weil sie gerade von amerikanischen und europäischen Konsumenten geschätzt werden. Selbst der größte Unterstützer der BDS-Bewegung wird wahrscheinlich für seinen Computer die Firewall nutzen, die von der israelischen Firma Checkpoint entwickelt wurde. Vielleicht ist er sich dessen nicht bewusst: Aber in vielen der Gadgets, die er benutzt – selbst zur digitalen Organisation von Protesten – stecken Hunderte, wenn nicht Tausende in Israel entwickelter Technologien. Auch wenn auf seinem Smartphone, seinem Laptop, in seinen Computerspielen vielleicht das Label „Made in USA“ oder „Assembled in China“ steht.


Ungleichheit beseitigen

Die größere Herausforderung besteht darin, dafür zu sorgen, dass nicht nur eine kleine Gruppe der Bevölkerung von Israels Entwicklung zu einer Hightech-Industrie profitiert. Bislang arbeiten etwa 11 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung in diesem Sektor, knapp 90 Prozent im Bereich Dienstleistungen oder Mid- und Lowtech. Israel ist kein Ort für große Unternehmen mit langer Lebensdauer, denn die israelischen Arbeitskräfte sind für Hierarchien nicht besonders gut geeignet. Aber es ist extrem gut ausgeschnitten für kleine, kreative Unternehmen, die später an große ausländische Firmen verkauft werden. Trotzdem gilt es, jene, die außerhalb dieses Sektors arbeiten, mit besseren Jobs und höheren Gehältern zu versorgen. In diesem Punkt hat während der vergangenen Jahre geradezu ein Ideologiewandel stattgefunden. Jahrzehntelang war Israel nicht zuletzt wegen seiner hohen Verteidigungsausgaben im Vergleich zu anderen Industrieländern ein „Hochsteuerland“. Dann wurden Einkommens- und Mehrwertsteuer erheblich gesenkt – mit dem erklärten Ziel, „mehr Geld in den Taschen der Bürger zu lassen, die selbst entscheiden sollen, wie sie es ausgeben wollen“.

Die Konsequenzen liegen auf der Hand: Die Bürger können mehr für Konsum ausgeben. Ein Teil des Wachstumsrückgangs im Jahr 2015 konnte dadurch sogar wieder aufgefangen werden. Bei gleichbleibend hohen Verteidigungsausgaben aber wirken sich sinkende Steuereinnahmen natürlich auf andere Gebiete aus. Der Regierung steht weniger Geld für soziale Ausgaben zur Verfügung, die gerade für die schwächeren Teile der Gesellschaft notwendig sind.

Noch während der sechziger Jahre war Israel ein typischer Wohlfahrtsstaat mit einer sehr starken Gewerkschaft, der Histadrut, deren politischer und wirtschaftlicher Einfluss aber drastisch gesunken ist. Jetzt gilt die Philosophie des freien Marktes, die den europäischen Wohlfahrtsstaaten nur noch bedingt ähnelt. Der Vorteil ist, dass es für Arbeitnehmer mehr Anreize gibt, sich in einer solchen auf Wettbewerb basierten Ökonomie „nach oben“, in Richtung eines Arbeitsmarkts zu orientieren, der hohe Qualifikationen fordert, aber auch bessere Gehälter bietet. Nachteilig ist die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich bei sinkender Fähigkeit des Staates, auch soziale Abfederung bieten zu können. Die Debatte über Steuersenkungen versus -erhöhungen, über Einschnitte bei den sozialen und sogar bei den Bildungsausgaben ist in Israel alles andere als abgeschlossen und wird – wie fast alle Debatten – mit großer Heftigkeit geführt.


Der Fluch der Attraktivität

Drei „Problemgruppen“ bedürfen ganz besonderer Aufmerksamkeit: der ultraorthodoxe Sektor, der nicht wirklich in die israelische Gesellschaft integriert ist und eigene Schulen betreibt, in denen religiöse Studien betrieben, aber nicht Mathematik, Englisch oder Naturwissenschaften gelehrt werden. Dieser Bevölkerungsanteil ist der wegen der hohen Kinderanzahl am schnellsten wachsende und gehört auch zu den größten Empfängern von Transferleistungen. Soziale oder kulturelle Verbindungen zwischen den „Haredim“ und den anderen Teilen der israelischen Gesellschaft gibt es kaum. Das muss sich ebenso ändern wie die Lehrpläne in ultraorthodoxen Schulen. Größere soziale Integration und eine sehr viel größere Einbeziehung in die israelische Wirtschaft und Gesellschaft wären bitter nötig. Dazu gehört auch die Debatte über eine Durchsetzung des obligatorischen Wehrdiensts für Ultraorthodoxe, für die bislang eine auf Staatsgründer David Ben-Gurion zurückgehende Ausnahmeregelung galt. Sie waren aus religiösen Gründen vom Militärdienst befreit (s. auch den Eintrag im Wirtschaftslexikon). Der arabische Sektor ist in Teilen eingegliedert, aber immer noch nicht auf dem Wohlstandsniveau des jüdisch-israelischen Bevölkerungsteils. Auch hier gilt es, Anreize zu schaffen, das Schulsystem zu verbessern und arabische Staatsbürger Israels wesentlich besser in einen Arbeitsmarkt mit hoher Wertschöpfung zu integrieren.

Zu den Risikofaktoren, die oft angeführt werden, gehört aber auch die Gefahr eines Braindrain, das heißt einer Abwanderung junger Leute. Das hat nicht so viel mit mangelndem Patriotismus oder einem Schwinden des Pioniergeists in den jüngeren Generationen zu tun. Aber erstens sind die Lebenshaltungskosten in Israel, vor allem die Immobilienpreise sehr hoch, nicht zuletzt, weil Israel attraktiver geworden ist. Genau darauf haben ja viele junge Israelis vor einigen Jahren mit monatelangen Protesten im ganzen Land reagiert. Weil zweitens Israels Ruf als „Innovationsökonomie“ immer besser wird, erhalten gerade jüngere Professionals verlockende Angebote aus dem Ausland. Es wird also in Zukunft eine der Hauptaufgaben israelischer Wirtschaftspolitik sein, die Lebenshaltungskosten zu reduzieren, um auch die jüngeren kreativen Kräfte halten zu können.

 
Aktuelle Ausgabe

IP Wirtschaft

 

ip archiv
Meistgelesen