Gier nach Energie

Zur Befriedigung der Nachfrage setzt Indien vor allem auf Kohle und Erneuerbare

1. November 2015 - 0:00 | von Joachim Betz

IP Länderporträt 3, November 2015-Februar 2016, S. 24-28

Kategorie: Klima- und Energiepolitik, Rohstoffe & Energie, Indien

Beim viertgrößten Energiekonsumenten weltweit wird die Kluft zwischen Angebot und Nachfrage nach Ressourcen immer größer. Die Regierung von Premier Modi will diese Lücke durch einen raschen Ausbau von klimaschädlichen Kohlekraftwerken verringern, zugleich aber auch mehr Solar- und Windkraft erzeugen.

Der Energiekonsum Indiens wird auch in den nächsten Dekaden kräftig steigen, selbst wenn die Wirtschaft weniger stark wächst, man sich um Einsparungen bemüht und erneuerbare Energieträger entwickelt. Dafür sorgen neben dem Wirtschaftswachstum die steigende Zahl von Kraftfahrzeugen, Klimaanlagen und anderen Konsumgütern der größer werdenden Mittelschicht, der geplante Anschluss noch nicht versorgter Konsumenten (ein Viertel der Bevölkerung) an das Stromnetz und der Ausbau der industriellen Basis. Die Internationale Energieagentur rechnet mit einer Erhöhung des Energieverbrauchs bis 2035 um 250 Prozent, die Regierung gar um 400 Prozent gegenüber 2005.

Indien hat nicht genügend eigene fossile Energieressourcen, was wachsende Importe aus nur begrenzt sicheren Lieferländern (im Wesentlichen Saudi-Arabien, Nigeria, Kuwait, Iran und Irak) erforderlich macht. Dies nährt Sorgen über die fehlende Energiesicherheit des Landes – weil die fossilen Energieressourcen der Erde begrenzt sind und diese sich bereits im Besitz westlicher Konzerne, von Staatsbetrieben der Produzentenländer oder in Ländern befinden, in denen Indien das Nachsehen gegenüber dem finanzkräftigeren China hat.

41 Prozent des indischen Energiebedarfs werden zurzeit mit Kohle produziert, je 23 Prozent mit Öl sowie Biomasse, es folgen Gas mit 8 Prozent und Wasserkraft mit 2 Prozent. Den kleinen Rest teilen sich Kernkraft und erneuerbare Energien. Über 35 Prozent der Energieressourcen werden aus nur wenigen Lieferländern importiert; die Importabhängigkeit ist am größten bei Öl, weniger bei Gas, steigt aber selbst bei Kohle (Importanteil 17 Prozent), obwohl Indien über große Kohlereserven verfügt. Mit 65 Prozent wird der größte Teil der Ressourcen für die Stromerzeugung genutzt; jeweils etwas mehr als ein Drittel des Energieverbrauchs entfallen auf die Industrie und Gebäude, 15,5 Prozent auf den Transport und 5 Prozent auf die Landwirtschaft.

Der Energieverbrauch pro Kopf ist noch relativ niedrig – er liegt bei einem Drittel des weltweiten Durchschnitts –, aber der Anteil Indiens am Wachstum des weltweiten Energieverbrauchs und damit der Klimagasemissionen ist bereits erheblich. Zudem liegt die Energieintensität der Produktion über dem internationalen Durchschnitt. Das resultiert aus dem Anteil der Schwerindustrie, ist aber auch ein Anzeichen für nur begrenzt produktiven Energieeinsatz. Deshalb ist die Energieknappheit – die sich vor zwei Jahren in landesweiten Stromausfällen zeigte – nicht nur eine Folge fehlender eigener Ressourcen, sondern auch fragwürdiger politischer Weichenstellungen.
 

Staatsfirmen dominieren

Kohle ist der wichtigste und billigste Energieträger. Sie wird hauptsächlich für die Stromproduktion sowie für die Herstellung von Stahl und Zement verwendet. Indien ist zwar der drittgrößte Kohleproduzent weltweit, der dominante staatliche Anbieter „Coal India“ kann aber seit Jahren das Fördersoll nicht mehr erfüllen. Die steigenden Kohleimporte haben auch damit zu tun, dass die Förder- und Absatzgebiete meist weit auseinanderliegen und die Eisenbahn den Transport nicht bewältigen kann. Ein weiterer Grund liegt darin, dass die indische Kohle einen hohen Ascheanteil aufweist und sich kaum zur industriellen Verkokung eignet. Staatsbetriebe dürfen Kohleminen für die allgemeine Nachfrage betreiben, private Unternehmen jedoch nur für den Eigenbedarf; dies dürfen seit 1993 auch ausländische Firmen. Das entsprechende Interesse privater Investoren blieb aber verhalten, weil ihnen „Coal India“ die Explorations- und Fördergebiete zuweist – und dabei die besten für sich selbst reserviert; überschüssige Förderung darf nicht auf dem freien Markt verkauft werden. Weitere Hürden für eine stärkere Kohleförderung sind die langsame Bearbeitung von Umweltauflagen, Probleme beim Landerwerb aufgrund von Protesten aus der Landbevölkerung sowie Widerstände seitens der Unternehmen gegen die Preisanpassung der zu billigen Kohle.

Bei Erdöl sieht es nicht besser aus: Die Förderung stagniert seit Mitte der neunziger Jahre. Es muss immer mehr importiert werden, was die Leistungsbilanz erheblich belastet; bis 2030 soll sich die Quote auf 90 Prozent erhöhen. Die verbleibenden Ölreserven sind weitgehend off-shore (in der Bucht von Bengalen), also nur teuer zu fördern. Auch der Ölsektor wird von Staatsfirmen dominiert, obwohl ausländische Firmen seit 1999 einen Anteil von 100 Prozent an neuen Öl- und Gasprojekten halten dürfen. Ihr zunächst reges Interesse an der Ausbeutung von Lagerstätten legte sich aber rasch, weil auch hier Staatsbetriebe den Raffineriebereich und die Pipelines dominieren. Bis zur Jahrtausendwende regulierte der Staat weithin die Preise für Ölprodukte und glich mit Subventionen und Anleihen aus. Aber mit den weltweit steigenden Ölpreisen seit 2000 konnte dieses System nicht mehr aufrechterhalten werden. Die Preise für Diesel und Benzin wurden annähernd auf Weltmarkt-niveau gebracht, die Subventionen für Haushaltsgas reduziert. Um die Risiken von Lieferunterbrechungen zu mindern, wurde eine gering dimensionierte strategische Ölreserve angelegt und in ausländische Öl- und Gasfelder investiert.

Auch die Produktion von Gas litt trotz neuentdeckter Reserven. Indien musste bereits 2004 Gas importieren und wird die Einfuhren mit dem geplanten Brennstoffwechsel zu Gas bei den Kohlekraftwerken und dem vermehrten Einsatz gasbetriebener Kraftfahrzeuge noch steigern müssen. Staatsbetriebe sind wie beim Öl die hauptsächlichen Produzenten und halten auch das Monopol am Transport sowie an der Verteilung. Private Investoren dürfen seit 2006 Pipelines betreiben, wohl auch deshalb, weil die Pipelinedichte in Indien sehr gering ist, der Osten und Süden des Landes praktisch nicht verbunden sind. Die Gaspreise werden mit einer komplizierten Formel reguliert, Kraftwerke und Düngemittelbetriebe erhalten bevorzugten Lieferzugang. Der Gasimport aus ausländischen Quellen leidet an fehlenden Gasterminals und an ungelösten Konflikten beim Ausbau von Pipelines, die durch Pakistan führen müssten.

Kernkraft kommt bislang nur für einen minimalen Anteil des Energieverbrauchs auf. Das ist ein Ergebnis der bescheidenen eigenen Uranreserven und der langen nuklearen Isolation Indiens. Letztere hat sich mit dem Abschluss des indisch-amerikanischen Nuklearvertrags (2006) deutlich entspannt. In der Folge hat die Regierung Pläne für den Ausbau der Kernkraft vorangetrieben; deren Umsetzung hapert aber wegen rechtlichen Auseinandersetzungen mit amerikanischen Lieferfirmen über die Verantwortung bei atomaren Unfällen sowie neuerdings auch aufgrund von Protesten aus der Bevölkerung, die sich gegen den Bau von Atomkraftwerken wehrt.

Erneuerbare Energien sind bereits ein wichtiger Teil des Energiemixes, ihr Anteil liegt bei über 12 Prozent. Biomasse ist ein traditionell wichtiger Teil der ländlichen Energieversorgung, Windenergie kommt für den größten Teil der Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen auf, gefolgt von Wasserkraft und Solarstrom. Indien liegt bereits auf Platz fünf der weltweiten Windkrafterzeugung, verfügt über eine beachtliche Anzahl und Stärke von Betrieben zur Herstellung von Solar- und Windkraftanlagen. Stromkraftwerke müssen seit 2003 aus Wind- und Solaranlagen stammenden Strom zu recht attraktiven Preisen einspeisen; die Erstellung dieser Anlagen wird steuerlich und beim Zoll begünstigt. Indien verfügt über ein enormes Potenzial bislang nicht erschlossener erneuerbarer Energien; Solarstrom allein könnte bei vollständiger Ausbeutung den kompletten Energiebedarf des Landes decken. Zwar ist Strom aus erneuerbaren Energien heute noch immer deutlich teurer als der aus anderen Quellen, sein Preis ist aber in den vergangenen Jahren gesunken und er wird in absehbarer Zukunft wohl genauso hoch sein wie der Preis für Kohlestrom.

Gründe für die zwischenzeitliche Stagnation beim Ausbau erneuerbarer Energien sind vor allem fehlende Transmissionsleitungen in entfernte Produktionsstätten und mangelndes Engagement der Regierungen der Bundesstaaten, die Einspeisevorschriften zu befolgen und den privaten Anbietern attraktive Vergütungen zu bieten. Weitere Gründe sind die Aussetzung von Steuerprivilegien für die Windkraft, die üblichen Verzögerungen bei der Erteilung umwelt- und forstwirtschaftlicher Unbedenklichkeitsbescheinigungen sowie Proteste von Umweltverbänden.
 

Zahlreiche Initiativen

Die wichtigsten Ziele der indischen Energiepolitik sind die Sicherung ausreichender Energie für hohes wirtschaftliches Wachstum sowie die Verringerung der Armut durch bezahlbare und verlässliche Stromversorgung. Dazu sollen die Energiequellen diversifiziert, die Effizienz der Produktion erhöht, Transmissionsverluste verringert, der Energieverbrauch verringert und der Einsatz erneuerbarer Energien gesteigert werden. Um diese Ziele zu erreichen, wurden seit Ende der neunziger Jahre zahlreiche Initiativen gestartet. Schon 1997 wurde privaten Investoren die Exploration und Ausbeute von Gas- und Öl-lagerstätten gestattet, der Energy Conservation Act von 2001/02 ermächtigte die Regierung, Normen für den Energiekonsum von energieintensiven Industriezweigen und Gebäuden vorzuschreiben und entsprechende zertifizierte Berichte einzufordern. Der Electricity Act von 2003 sah die Gründung einer Regulierungsbehörde für die Stromversorgung und -verpreisung vor, schaffte den Lizenzzwang für die Stromerzeugung ab und erlaubte industriellen Verbrauchern die Erzeugung für den eigenen Verbrauch und offenen Netzzugang. Die National Environmental Policy (2006) sah die Vergabe von Verbrauchssiegeln für Industrieprodukte und finanzielle Anreize für saubere Technologien vor. In diesem Zusammenhang wurden acht nationale Programme geschaffen, darunter für die Förderung von Solarenergie sowie für die Senkung des Energieverbrauchs in den wichtigsten Industriesektoren. Eine „Integrierte Energiepolitik“ (2006) forderte die Steigerung der Energieeffizienz, eine Priorität für den öffentlichen Nahverkehr, die stärkere Förderung von Biokraftstoffen sowie die Forschung und Entwicklung sauberer Technologien.

Ebenfalls 2006 wurden Ökolabels für Beleuchtungskörper, Klimaanlagen und Transformatoren eingeführt, ein Jahr später ein Kodex für die Energieeinsparung in Gebäuden erlassen. 2007 wurden große Betriebe in neun Industriesektoren verpflichtet, geprüfte Energiebilanzen zu veröffentlichen und sich an staatliche Höchstwerte zu halten. Firmen, die unter dem Höchstwert bleiben, können die Differenz verkaufen. Neue Kraftwerke sollten effizientere Technologien einsetzen. Ein weiteres Programm aus dem Jahr 2008 sollte durch finanzielle Anreize die erheblichen Transmissionsverluste bei den staatlichen Stromkonzernen vermindern. Und schließlich verlangte ein Bericht der Plankommission eine deutliche Minderung der Energie- und Emissionsintensität der wichtigsten Industriesektoren und der Haushaltsgeräte um rund ein Drittel. All diese Maßnahmen zeigen, dass die indische Regierung auf die drohende Energie- und Klimakrise reagieren will. Doch die gute Absicht allein reicht nicht; es gibt noch viel zu tun.

1. Die Verwaltung muss verbessert werden: Zurzeit sind fünf Ministerien für Energie zuständig, die seit 2005 durch einen schwachen Ausschuss koordiniert werden. 2. Die gewünschte Beteiligung des Privatsektors an der Energieversorgung ist noch gering, zum Teil wegen des Widerstands der Staatskonzerne; mit der Privatisierung der Stromverteilung geht es auch nicht weiter (außer in Delhi und Orissa). 3. Die ehrgeizige Ausbauplanung bei Energie hinkt kräftig hinter dem Soll her – wegen Problemen bei der Landbeschaffung und der Projektgenehmigung, aber auch wegen der Trägheit der gewerkschaftlich gut organisierten Staatsbetriebe. 4. Die offiziellen Zielwerte für die Energieeinsparung sind nicht wirklich ehrgeizig und können mit den vorhandenen Technologien erreicht werden. 5. China hat Indien beim Erwerb ausländischer Lagerstätten und der Sicherung langfristiger Lieferverträge häufig ausgestochen: Geplante Projekte (Wasserkraft aus Nepal, Gas aus Bangladesch und Myanmar, eine Pipeline vom Iran nach Indien) litten unter chinesischer Konkurrenz oder regionalem Misstrauen und kamen nicht voran. 6. Die Übertragungsverluste bei Strom in Indien sind immer noch rekordverdächtig hoch (30 Prozent der Liefermenge), bedingt durch defizitäre Leitungen, mangelnde Ablesung des Verbrauchs oder Stromdiebstahl. 7. Die Energiepreise liegen trotz einiger Anpassungen aus politischen Gründen immer noch deutlich unter den Gestehungspreisen; Strom wird an die Bauern und viele Konsumenten (die nicht alle arm sind) nur zu nominalen Tarifen abgegeben. Daraus resultieren Energieverschwendung sowie die Insolvenz der Stromverteilungsunternehmen, die mit staatlichen Zuschüssen am Leben gehalten werden müssen.

Insgesamt kann man noch nicht von einer schlüssigen und koordinierten Energiepolitik in Indien sprechen. Wenn der Verbrauch wie bisher steigt, wenn keine stärkere Abkopplung vom Wachstum stattfindet, dann wird das Energieangebot nicht ausreichen. Die Regierung von Premierminister Modi will diese Lücke durch einen raschen Ausbau von klimaschädlichen Kohlekraftwerken sowie von Solar- und Windkraft schließen. Sie hat auch schon die Dieselpreise anheben lassen. Doch das wird kaum ausreichen. Eine Abbremsung des künftigen Wachstums durch mangelnde Energieversorgung ist nicht auszuschließen.

Prof. Dr. Joachim Betz ist Senior Research Fellow am GIGA Institut für Asien-Studien.

Autor

 
Aktuelle Ausgabe

IP Wirtschaft

 

ip archiv
Meistgelesen
  • Altes Problem

    28. August 2019 - 0:00

    Nationalismus und Gender: der Siegertext des Sylke Tempel Essaypreises

  • Letzte Chance

    1. September 2019 - 0:00

  • Krise ohne Grenzen

    1. September 2019 - 0:00

    China und die USA, Frankreich und Polen: Wie ist es um die Klimapolitik dieser vier Volkswirtschaften bestellt?