Wettstreit der Drehbücher

Beim Parteitag stehen Obamas Starqualitäten auf dem Prüfstand

5. September 2012 - 0:00 | von Steven Hill

Online Exclusive

Kategorie: Politisches System, Wahlen, Vereinigte Staaten von Amerika, Nordamerika

Nach den Republikanern sind nun die Demokraten an der Reihe, ihre Lesart der Bilanz von Barack Obamas erster Amtszeit unters Wahlvolk zu bringen. Dafür werden die ersten Familien der Partei – die Obamas, die Clintons und die Kennedys – aufgeboten. Doch historisch gesehen waren die „Post-Parteitags-Schübe“ nie wahlentscheidend.

Nun ist also die Demokratische Partei auf der nationalen Bühne dran. In dieser Woche findet ihr Parteitag für die Präsidentschaftsnominierung in Charlotte, North Carolina, statt, mit Reden von Barack Obama, First Lady Michele Obama, Vizepräsident Joe Biden, Ex-Präsident Bill Clinton und Dutzenden von Partei-Koryphäen. Ein oder zwei Kennedys werden auch auftreten. Mit den drei führenden Familien der Demokratischen Partei in Hauptrollen – den Obamas, den Clintons und den Kennedys – wirkt der Parteitag der Demokraten wie eine Reality-TV-Show: „Die Demokraten – haben sie noch Sprit im Tank?“

Was steht für die Demokraten und Obama in dieser Woche auf dem Spiel? Auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner versuchten Mitt Romney, sein Vizekandidat Paul Ryan und Dutzende von Sprechern der Grand Old Party ein Narrativ – gewissermaßen ein Drehbuch – für dies Reality-Show zu verfassen; und zwar eins, dass nicht nur geeignet ist, Obama Wechselwähler abspenstig zu machen, sondern auch, ihre treuesten Wähler an der Basis zu begeistern. Die Meinungsumfragen zeigen, dass Obamas persönliche Beliebtheitswerte weiterhin vergleichsweise hoch sind, auch wenn viele Amerikaner nicht ganz sicher sind, wie sie seine Politik bewerten sollen. Also griffen die Republikaner Obama auf ihrem Parteitag nur vorsichtig an. Sie räumten ein: „Ja, er ist sympathisch, und ja, es war ein großartiger Moment, als Sie für den ersten schwarzen Amerikaner stimmten, der jemals Präsident wurde. Doch als Präsident ist er gescheitert – es ist Zeit für einen Wechsel.“ Der Öffentlichkeit präsentierte sich eine „nettere, freundlichere Republikanische Partei“ und ein „sympathischerer“ Mitt Romney, als wir sie über das vergangene Jahr erlebt haben.

Das hat damit zu tun, dass in der amerikanischen Politik die Faustregel gilt: „Kümmere dich in den Vorwahlen um deine Basis und in den Hauptwahlen um die Mitte“. Daran haben sich die Republikaner bislang gehalten.

Nun, da das Drehbuch seit dem republikanischen Parteitag in der vergangenen Woche steht, werden Mitt Romney und Paul Ryan versuchen, der Welt zu beweisen, dass sie die besseren Wirtschaftsmanager sind. Aber gegenüber ihrer treusten Wählerbasis werden sie sehr gezielte Formen der Wahlwerbung einsetzen, einschließlich Klinkenputzen und kleiner Kundgebungen, um sie zu motivieren, ihre Freunde, Nachbarn und Kollegen dazu zu bringen, für die Republikaner zu stimmen. Das ist die Strategie, die Karl Rove im Jahre 2000 perfektioniert hat, als er die siegreiche Kampagne von George W. Bush steuerte.

Folglich werden Barack Obama und die Demokratische Partei den Versuch machen müssen, ihr eigenes Drehbuch zu schreiben und Rechenschaft dafür abzulegen, wo Amerika als Nation nach vier Jahren steht – insbesondere, was die besorgniserregende Wirtschaftslage angeht – und warum die Amerikaner Obama für weitere vier Jahre vertrauen sollten. Die Demokraten werden herausstreichen, dass „die Dinge besser stehen als vor vier Jahren“, als die Amerikaner vor einem ökonomischen Abgrund standen und kurz davor waren, abzustürzen. Daneben werden sie herausstreichen, dass sie Investitionen in Bildung, Infrastruktur und mehr für sinnvoll halten, um die Wirtschaft anzukurbeln – für sinnvoller jedenfalls, als sich auf Defizitabbau und Sparsamkeit zu beschränken (allerdings werden wir wohl nach den Wahlen eine noch stärkere Lähmung der Regierung erleben, es sei denn, es tritt der unwahrscheinliche Fall ein, dass die Demokraten wieder eine Mehrheit im Repräsentantenhaus erobern). Und sie werden behaupten, dass Romney und die Republikaner an die gescheiterte Politik George W. Bushs anknüpfen wollen, die für das ganze Unglück verantwortlich war. 

Was sagen die TV-Quoten?

Doch die Bedeutung der Parteitage sollte nicht überschätzt werden. Der Schub, den die Kandidaten üblicherweise nach den Parteitagen in den Meinungsumfragen erfahren, lässt oft binnen weniger Wochen nach, insbesondere, wenn die TV-Duelle beginnen. So ging Barack Obama, um ein Beispiel zu nennen, 2008 mit einer Unterstützung von 45 Prozent der Amerikaner in den Nominierungsparteitag, danach waren es 49 Prozent. Bei John McCain waren es vorher 43 Prozent; nach der Aufregung um die Rede der Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin, lang seine Unterstützungsrate ebenfalls bei 49 Prozent – ein Sprung um 6 Prozentpunkte. Dieser „Post-Parteitags-Schub“ war also in der Geschichte kein besonders exakter Indikator dafür, welcher Kandidat am Ende gewinnt.

Dennoch lohnt ein Blick auf die Anzahl der Menschen, die tatsächlich einschalten, um die Nominierungsparteitage zu verfolgen. Mitt Romneys Quoten waren ein bisschen niedriger als die von John McCain im Jahre 2008 – 30 Millionen Zuschauer sahen Romneys Dankesrede, bei McCain waren es 39 Millionen. 22 Millionen verfolgten Ryans Dankesrede, 37 Millionen die von Sarah Palin. Das Interesse am Parteitag der Grand Old Party hat also im Vergleich zum Jahre 2008 etwas nachgelassen, zumindest, was die TV-Quoten angeht.

Obamas Dankesrede hatte 2008 etwa die gleiche Zuschauerzahl wie die von McCain, es wird also interessant sein, zu beobachten, ob mehr Menschen Obamas Rede verfolgen werden, als es bei Romney oder seinerzeit bei Obama selbst vor vier Jahren waren. Bei seiner Kampagne 2008 mobilisierte Obama rekordverdächtige Zuschauermengen, allerdings waren die Menschenmengen in diesem Jahr kleiner. Und doch setzen die Demokraten darauf, dass es ihnen gelingt, die Aufbruchstimmung der 2008er Kampagne zumindest teilweise wiederzubeleben.

Allerdings: Damals war Obama ein Star – ist er heute nur noch ein gewöhnlicher Politiker?

STEVEN HILL ist Publizist in San Francisco. Zuletzt erschien von ihm „10 Steps to Repair American Democracy“(www.10Steps.net) und „Europe’s Promise: Why the European Way is the Best Hope in an Insecure Age“ (www.EuropesPromise.org).

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